Panik und Coronavirus – sollten wir wirklich Angst haben?

Das Coronavirus breitet sich aus. Jeden Tag gibt es neue Infizierte in weiteren Ländern und Städten, dramatische Schlagzeilen, Berichte und Postings in den sozialen Medien. Hört man in öffentlichen Verkehrsmitteln jemanden husten, findet eine Art spontane Quarantäne statt, indem sich alle Umstehenden entfernen, Klopapier und Nudeln sind plötzlich ausverkauft. Außerdem gibt es wohl keine zwischenmenschliche Begegnung, in der man nicht wenigstens kurz auf das Thema „Corona“ kommt. Panik und Coronavirus – sollten wir wirklich Angst haben? Bei aller notwendigen Vorsicht sollten wir allerdings auch hinter die Kulissen unserer Angst gucken, um nicht in Panik zu verfallen.


Wie Angst entsteht

Angst ist ein effektiver Schutzmechanismus, der unser Überleben sichert. Sie lässt sich daher wohl keinem gesunden Lebewesen erfolgreich abtrainieren. Wir brauchen sie, um unseren Körper zu aktivieren, zu kämpfen oder wegzurennen und uns in Sicherheit zu bringen. Panik hat dabei zunächst einen Auslöser, dieser kann uns bewusst, aber auch unbewusst sein. Beim Auslöser kann es sich um eine (vermeintlich) bedrohliche Situation, eine Person oder ein anderes Lebewesen oder auch um unsere eigenen angstvollen Gedanken handeln. Wenn wir Panik erleben, schüttet unser Körper Stresshormone, z. B. Adrenalin aus. Die Stresshormone sorgen z. B. dafür, dass wir unsere Atmung beschleunigen, sich ausreichend Sauerstoff und Zucker in unserem Blut befinden und unsere Verdauung gehemmt wird, um Energie zu sparen. Unser Körper ist in Aktionsbereitschaft. Aber im Fall des Coronavirus – wofür eigentlich?


Angst beeinflusst unser Verhalten

Wir alle haben in Tierdokumentationen schon mal eine Massenpanik gesehen, z. B. wenn sich einer Herde Antilopen plötzlich ein Löwe nähert. Eine Antilope nach der anderen nimmt reflexartig die Beine in die Hand, bis die ganze Herde schließlich in hektische Flucht verfällt und geschlossen davonstürmt. Etwas ganz Ähnliches passiert, wenn wir an der Supermarktkasse sehen, dass der Herr oder die Dame vor uns den Einkaufswagen voller Konserven hat. Dann fragen wir uns plötzlich: Sollte ich das nicht auch machen? Und schon stürmen wir panisch zu den passierten Tomaten – und andere tun es uns nach. Wenn wir Angst haben, orientieren wir uns umso stärker an anderen. Wir wollen nicht diejenigen sein, die ungenügend für Sicherheit gesorgt haben und am Ende auf der Strecke bleiben. 

Es spricht natürlich auch absolut nichts dagegen, ein paar Klopapierrollen mehr im Schrank zu haben, sich regelmäßig und ausgiebig die Hände zu waschen und sich nicht grundlos an Flughäfen aufzuhalten. Was uns wirklich zu schaffen macht, sind in der Regel auch nicht konkrete Vorsichtsmaßnahmen, die leicht umsetzbar sind. Was uns umtreibt, ist die Angst, dass das Coronavirus uns tatsächlich treffen und wir im schlimmsten Fall daran sterben könnten. Das Paradoxe ist: Wir Menschen tendieren dazu, diese Angst noch zu schüren, indem wir gezielt Informationen suchen und sie uns weitererzählen, die besonders dramatisch. Auch das hat einen guten Grund.


Panik und Coronavirus – wenn die Angst uns beruhigt

Aus evolutionärer Sicht ist es gar nicht so verwunderlich, dass wir nach beängstigenden Informationen suchen. Indem wir unsere Umwelt ständig nach Gefahren abklopfen, versuchen wir uns bestmöglich zu schützen. Wir wollen sozusagen herauszufinden, was der „Worst Case“ sein könnte, um uns zu wappnen. Das Problem ist, dass einfach zu viele Informationen auf uns einprasseln und spätestens, wenn wir uns im Bereich der sozialen Netzwerke bewegen, lesen oder sehen wir einiges, was nur die Spitze des Eisbergs darstellt. Doch gerade an diesen zugespitzten Nachrichten sind viele Menschen interessiert. Der Grund dafür lautet – und jetzt wird es wieder paradox: Die Bestätigung unserer Ängste kann beruhigen. Das ist so ähnlich, wie wenn wir mit diffusen Beschwerden und wildesten Befürchtungen zum Arzt gehen und er präsentiert uns eine Diagnose. Erfreulich ist das nicht, aber wir verspüren eine verquere Erleichterung und denken: „Also hatte ich doch recht. Es ist schlimm.“ Angenommen, das Coronavirus würde sich plötzlich als viel harmloser rausstellen als gedacht oder es gäbe plötzlich ein wirksames Medikament. Wie fühlt man sich denn da, wenn man den ganzen Küchenschrank voller Makkaroni hat?

Durch die Informationen, die das Coronavirus als Katastrophe darstellen, fühlen wir uns bestätigt. Außerdem können wir unsere Umwelt besser mental ordnen und das verschafft uns ein Gefühl der Übersicht. Die Schwarz-weiß-Berichte einiger Medien setzen genau an diesem psychologischen Bedürfnis nach Klarheit an. Letztendlich ist es nämlich schwieriger, mit einer völlig unkalkulierbaren Bedrohung zu leben, als das Schlimmste zu befürchten. Doch unsere Angst erfüllt noch eine zweite Funktion.


Angst schweißt zusammen

Kehren wir noch einmal zum Thema Massenpanik und der Antilopenherde zurück. Instinktiv bleiben die Tiere bei ihrer Flucht zusammen. Dies geschieht zurecht, denn wenn der Löwe es schafft, eine oder einige der Antilopen von der Gruppe zu separieren, hat das Raubtier leichtes Spiel. Etwas Ähnliches passiert auch in unserer Gesellschaft, wenn eine „Schreckensmeldung“ die Runde macht. Wir bleiben zusammen, wir haben ein Gesprächsthema, andere Konflikte rücken in den Hintergrund. Das kann ein weiterer angenehmer Nebeneffekt der Angst sein. Aber wie steht es denn nun um Angst und Panik hinsichtlich des Coronavirus? Ist sie angebracht oder unangebracht?


Wie hilfreich ist meine Angst?

Letztendlich sollten wir uns immer fragen: Wie hilfreich ist meine Angst? Hilft sie mir wirklich, mich effektiv zu schützen? Im Gegensatz zu einer Antilope müssen wir uns nämlich nicht von unseren Reflexen leiten lassen. Da wir über einen differenzierteren präfrontalen Kortex verfügen, der Hirnregion, die maßgeblich bei der Regulation emotionaler Prozesse und Handlungssteuerung beteiligt ist, können wir uns bewusst entscheiden. Welche Informationsquellen möchte ich nutzen? Welche Vorsichtsmaßnahmen machen Sinn? Das Hinterfragen der Angst schützt unsere mentale Gesundheit dabei manchmal nämlich mehr, als von Angst geleitete Schlüsse und Handlungen.