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Realität Arbeitsstress: Chancen der Z-Diagnose Burnout

Während sich die Arbeitssicherheit stetig verbessert und körperliche Belastungen durch Schwerstarbeit, fehlende Pausen oder Lärm kontinuierlich abgenommen haben, werden die psychischen Beanspruchungen im Berufskontext immer komplexer. So wird der Beruf beispielsweise nicht mehr nur als Quelle des Erwerbseinkommens, sondern zunehmend auch als wichtiger Teil der eigenen Identität und des Selbstwerts verstanden. Das bietet Chancen der Weiterentwicklung und Sinnstiftung, kann insbesondere bei beruflichen Rückschlägen, unerfüllten Hoffnungen und Erwartungen jedoch schnell zu Selbstzweifeln und Sinnverlust führen. Zudem sind Jobs oft von einem ständigen Leistungs- und Optimierungsdruck geprägt und es kann zur Herausforderung werden, sich von Effizienzsteigerung, einer stetig wachsenden Geschwindigkeit und permanenter Erreichbarkeit ausreichend abzugrenzen. In der Folge fühlen sich viele Beschäftigte zunehmend gestresst, erschöpft und ausgebrannt.

Laut aktuellem Gesundheitsreport der Techniker Krankenkassen haben 2020 die krankheitsbedingten Fehlzeiten im Vergleich zu den Vorjahren zwar deutlich abgenommen, die Krankschreibungen aufgrund psychischer Diagnosen wie beispielsweise Depressionen und Angststörungen stiegen jedoch leicht. Dabei sind psychische Diagnosen mit einem Anteil von ca. 20 Prozent der häufigste Grund krankheitsbezogener Fehlzeiten. Und das, obwohl das Arbeitsschutzgesetz seit 2013 auch die Prävention psychischer Gesundheitsgefahren mit einschließt.

Stress und Burnout

Eine mit andauernd hoher Arbeitsbelastung assoziierte Stressreaktion entsteht oft schleichend und kann sich für Betroffene in vielfältigen Symptomen äußern. Neben einer anhaltenden Erschöpfung und Leistungsabfall, stehen beispielsweise Schlafprobleme, Antriebslosigkeit oder eine zunehmend negative Einstellung zur eigenen Arbeit im Fokus. Wer vorher motiviert, kreativ und zufrieden bei der Arbeit war, macht nun Dienst nach Vorschrift, wird zynisch dem Job gegenüber oder kündigt bereits innerlich. Diese Bandbreite an Symptomen hat oft eine gemeinsame Ursache: Menschen leiden unter chronischem Arbeitsstress bei gleichzeitig fehlenden Strategien zur Stressbewältigung und Verbesserung der Selbstfürsorge. Immer häufiger wird in diesem Kontext von Burnout gesprochen. 

Burnout im ICD-10 und ICD-11 

Burnout wird im ICD-10-GM unter Z73 „Probleme mit Bezug auf Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung” verschlüsselt. Eine empirisch bestätigte Spezifizierung im Sinne von diagnostischen Kriterien und eine entsprechende Klassifizierung von Burnout als eigenständige psychische Erkrankung fehlen im ICD-10-GM. In dem Januar 2022 in Kraft tretenden ICD-11, zählt Burnout (QD85) weiterhin zu den Faktoren, die den Gesundheitszustand beeinflussen – genauer zu „Probleme im Zusammenhang mit Beschäftigung und Arbeitslosigkeit” – und wird weiterhin nicht als eigenständige Krankheit verstanden. Als Syndrom, das durch chronischen, nicht verarbeiteten Arbeitsstress entsteht, wird Burnout jedoch erstmals genauer spezifiziert. Kennzeichnend sind laut WHO dabei drei Dimensionen: 

  1. Energielosigkeit und Erschöpfung 
  2. eine zunehmend negative Haltung oder mentale Distanz zum eigenen Job 
  3. Gefühl von mangelnder Leistungsfähigkeit 

Danach bezieht sich das Burnout-Syndrom ausschließlich auf den beruflichen Kontext, andere Lebensbereiche werden explizit ausgeschlossen. Ob sich Burnout dabei tatsächlich nur auf den Arbeitskontext beschränken lässt oder ein eigenständiges Störungsbild darstellt, bleibt weiterhin Gegenstand aktueller Forschung und wissenschaftlicher Diskussionen. 

Burnout: Die versteckte Depression? 

Aufgrund des mitunter großen Überschneidungsbereichs in Symptomen wie Antriebs- und Energielosigkeit, Interessenverlust sowie Konzentrationsprobleme werden Burnout und Depression oft in einen Zusammenhang gebracht. Vor dem Hintergrund dieser vor allem in der Praxis oft unklaren Trennschärfe beider Beschwerdebilder, wird in der Fachliteratur daher kritisch diskutiert, ob sich hinter einer Burnout-Kodierung nicht eigentlich immer eine manifeste Depression verstecke. Der Hintergrund: Im Vergleich zu einer Depression gilt ein Burnout in unserer Leistungsgesellschaft oft als akzeptierter und „erwünschter”, da es mit einem „zu viel Arbeit” assoziiert wird. Das führe – so kritische Stimmen – nicht nur zu einem Verschleiern von depressiven Erkrankungen, sondern stigmatisiere Menschen mit Depressionen zusätzlich, die im Umkehrschluss für ein „zu wenig Arbeit” stünden. 

Dabei soll festgehalten werden, dass es im Kontext von arbeitsplatzbezogenen Stressreaktionen selbstverständlich zu Fehldiagnosen kommen kann, nach denen eine manifeste Depression, die als solche auch benannt werden sollte, bewusst oder unbewusst als Z73 kodiert wird. Darüber hinaus kann sich ein mit Burnout assoziierter Leidenszustand auch zu einer Depression entwickeln und eine entsprechende Klassifizierung notwendig machen. Solche Schwierigkeiten entsprechen gängigen (differential-)diagnostischen Herausforderungen, werden durch die fehlende ICD-10 Spezifizierung des Burnout-Syndroms aber zusätzlich verstärkt. Das Burnout-Syndrom kann jedoch weder für vermeintliche Stigmatisierung verantwortlich gemacht noch aufgrund der genannten Punkte generell infrage gestellt werden. 

Burnout oder Depression?

Ausgehend von den oben genannten Dimensionen der ICD-11 Spezifizierung zeigt sich ein Burnout nur im Arbeitskontext – andere Lebensbereiche bleiben „symptomfrei” – und eindeutig aufgrund einer dort erlebten chronisch erhöhten Stressbelastung. Im Gegensatz dazu lässt sich bei Depressionen kein kontextspezifischer Auslöser so klar benennen und auch die Symptomatik wirkt sich in der Regel auf alle Lebensbereiche aus.

Z-Diagnose Burnout: Chancen und Perspektiven  

Mit dem Verständnis von Burnout als ein explizit durch chronisch erhöhten Arbeitsstress ausgelöstes Syndrom, fühlen sich viele Betroffene in ihrer Berufs- und Lebensrealität abgeholt und validiert. So entspricht die erlebte Erschöpfung, geistige Distanzierung und verringerte Leistungsfähigkeit womöglich nicht den Kriterien einer voll ausgeprägten psychischen Erkrankung, führt aber trotzdem zu bedeutendem Leid und krankheitsbedingten Leistungseinbußen. Genau dieser Zustand kann durch die Z-Diagnose Burnout verbalisiert und greifbar gemacht werden. 

Die Kodierung einer Z73 kann Betroffene zudem unterstützen, die Hilfe zu bekommen, die sie benötigen. Und zwar ohne, dass die Beschwerden von Betroffenen aggraviert werden und eine medizinische und möglicherweise schädliche Überversorgung induziert wird. Denn auch das ist im Falle eines für einen Burnout typischen Beschwerdebilds entscheidend: Einer vorschnellen und unverhältnismäßigen Vergabe von vor allem Depressionsdiagnosen – samt der genannten potientiellen negativen Folgen für die Betroffenen – entgegenzuwirken. So ist es möglich, einem subjektiv bedeutsamen und spezifischen Leidenszustand mit einer Z-Diagnose gerecht zu werden und Betroffene in ihrem Störungsverständnis zu würdigen, ohne unmittelbar eine F-Diagnose zu vergeben.

Fachkundige (präventive) Behandlungsangebote können bei einer genaueren Einschätzung der Symptomatik unterstützen, den Leidensdruck verringern und einer Verschlechterung der Symptome – beispielsweise im Sinne einer Depression – entgegenwirken. Das bedeutet selbstverständlich auch, dass immer eine sorgfältige Abklärung und Differentialdiagnostik eines Burnouts durch ärztliche und/oder psychotherapeutische Behandelnde erfolgen sollte, um genannte Fehldiagnosen zu vermeiden. 

Ein Umdenken in der Gesellschaft  

Um Burnout als Beschwerdebild und den damit verbundenen Leidensdruck anzuerkennen und Betroffene zu validieren, erscheint aber auch – neben weiterer wissenschaftlicher Forschung und Diskussionen – ein Umdenken in der Gesellschaft sinnvoll. Statt das Burnout-Syndrom als vermeintliche Auszeichnung für ein Übermaß an Leistung und Arbeitseinsatz zu verkennen oder als Modediagnose per se infrage zu stellen, braucht es ein Bewusstwerden des damit für Betroffene verbundenen spürbaren Leidensdrucks. Den Arbeitskontext als potentielle Ursache psychischer Symptome klar zu benennen, würde dessen Bedeutung in der Lebensrealität vieler Menschen nicht nur gerecht werden, sondern unter anderem auch Unternehmen in die Pflicht nehmen, Erwartungen zu hinterfragen, gängige Arbeitsstrukturen zu verändern und die psychische Gesundheit von Mitarbeitenden durch konkrete Maßnahmen zu stärken. Typische Einflussmöglichkeiten liegen dabei beispielsweise im Führungsstil, Unternehmenskultur sowie in der Organisationsstruktur. 

Betroffene dauerhaft stärken

Bestimmte Belastungen wie Termindruck oder steigende Erwartungen an Erreichbarkeit und Leistungsfähigkeit werden auch weiterhin Herausforderungen einer zunehmend komplexeren Arbeitswelt sein. Um entsprechenden Stressreaktionen und Burnout entgegenzuwirken, ist es daher entscheidend, dass Menschen ihre Resilienz stärken und einen konstruktiven Umgang mit Stressoren erlernen. Denn die Fähigkeit, die eigenen Stresssignale zu erkennen, individuelle Grenzen zu spüren und Möglichkeiten zu finden, wieder Balance und Erholung herzustellen, ist gesundheitserhaltend und somit auch leistungsfördernd. Auch das Wissen über die eigenen Stärken kann helfen, genauso wie der Umgang mit unangenehmen Gedanken und Gefühlen und die Überzeugung, über hilfreiche Lösungsstrategien zu verfügen und Probleme und Herausforderungen bewältigen zu können. 

Dieser Artikel wurde in Zusammenarbeit von Dr. Alena Rentsch und Verena Schmitz veröffentlicht.

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Autorin:
Verena Schmitz Psychologische Psychotherapeutin für Erwachsene und Gruppen
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