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Burnout: Diagnostik und Diagnoseschlüssel

Mit dem Burnout-Syndrom gehen in der Regel eine deutliche Erschöpfung, eine verminderte Arbeitsleistung und weiterführende gesundheitliche Probleme einher. In den letzten Jahren ist es durch zunehmend veränderte Bedingungen in der Arbeitswelt geprägt durch Globalisierung, Entgrenzung und Beschleunigung zu immer mehr neuen Anforderungen und Stress im Arbeitskontext gekommen. Die auf diese Weise veränderten Arbeitsbedingungen fördern nachweislich die Entwicklung von Burnout Beschwerden. Erkannt werden diese jedoch nicht in jedem Fall.1

Alles Wichtige zur Diagnostik des Burnout-Syndroms sowie den gängigsten Messinstrumenten, erfahren Sie hier.

Definition und Diagnoseschlüssel: Burnout im ICD-10 und ICD-11

Noch wird das Burnout-Syndrom in der Praxis nach ICD-10 und damit als Zusatzdiagnose aus der Kategorie „Probleme mit Bezug auf Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung” (Diagnoseschlüssel ICD-10: Z73.0) verschlüsselt. Unter dieser Kategorie wird das Ausgebranntsein durch die Stichpunkte „Burnout” und „Zustand der totalen Erschöpfung” beschrieben.2

Im Januar 2022 ist mit dem ICD-11 die Neuauflage erschienen, in der sich erstmalig eine  spezifischere Definition des Burnouts findet. Burnout wird weiterhin nicht als eigenständige Diagnose gesehen, jedoch genauer beschrieben als ein Syndrom, das aus chronischem Arbeitsstress resultiert, der nicht erfolgreich bewältigt werden kann (Diagnoseschlüssel ICD-11: QD85). Damit wird klar herausgestellt, dass sich ein Burnout auf den Arbeitskontext bezieht.3 Ob sich das Burnout-Syndrom nur auf den Arbeitskontext beschränken lässt und ob Burnout zukünftig eine eigenständige Diagnose sein sollte, wird aktuell in vielen Forschungsarbeiten diskutiert. 

Die Symptome des Burnout-Syndroms

Im neuen Diagnoseschlüssel wird auch die Burnout-Symptomatik näher definiert. So lässt sich das Burnout-Syndrom durch Symptome in drei Dimensionen kennzeichnen. Diese sind:

  1. ein Gefühl der Erschöpfung und Energielosigkeit
  2. eine erhöhte mentale Distanz zur Arbeit oder eine negative Einstellung dem Job gegenüber
  3. ein Gefühl der Ineffektivität und mangelnden Leistungsfähigkeit3

Hinsichtlich einer eindeutigen Burnout-spezifischen Symptomatik lässt sich dennoch keine generalisierbare Aussage machen. Nach Burisch et al. (2014) werden mehr als 120 körperliche und psychische Symptome mit Burnout in Verbindung gebracht. Eindeutige Kernsymptome lassen sich dabei nicht festlegen.4
Eine Auswahl der Symptome finden sie hier:4,5 

Psychosomatische Beschwerden:

  • Schlafstörung
  • Konzentrationsprobleme
  • Gedächtnisstörung
  • Insuffizienzgefühle
  • Gleichgültigkeit
  • Verlust an Empathie
  • Müdigkeit
  • Erschöpfung
  • Übelkeit
  • Rückenschmerzen
  • Atembeschwerden
  • Engegefühl in der Brust
  • Tinnitus  

Welche Messinstrumente gibt es zur Diagnostik von Burnout?

Mittlerweile gibt es zahlreiche Screening-Instrumente für das Erfassen eines Burnouts, von denen sich in der Praxis jedoch nur wenige durchgesetzt haben. Am häufigsten zur Burnout-Diagnostik verwendet wird das Maslach-Burnout-Inventory (MBI), welches weitestgehend als Goldstandard der Screeningmethoden angesehen wird. 

Die meisten der verfügbaren Burnout-Instrumente verfügen über kein hinreichendes empirisches Fundament. Die Fragebögen spiegeln primär das subjektive Belastungserleben der Betroffenen wieder. Dabei fehlen in der Regel eine empirische Absicherung sowie aus dem jeweiligen Punktwert abgeleitete Behandlungsempfehlung. Überraschend ist dieser Umstand jedoch nicht. Grundsätzlich kann ein Fragebogen nur so gut sein wie das Konzept, welches er versucht abzubilden. Da es aber bis vor Kurzem keine verbindliche Burnout-Definition gab und auch die Aktuelle weiterhin unscharf ist, gingen die Fragebogen-Autoren zwangsläufig von ihren subjektiven Konzepten aus.6

Maslach-Burnout-Inventory

Das Maslach-Burnout-Inventory (MBI) wurde ursprünglich nicht für die Burnout-Diagnostik in der klinischen Praxis entwickelt, sondern sollte der Wissenschaft dazu dienen, das Burnout-Phänomen näher zu ergründen. Die größte Schwierigkeit für die Praxis sehen die Autorinnen darin, bei der großen Anzahl an verschiedenen Situationen berufsübergreifende, internationale und allgemeingültige Cut-Off-Werte festzulegen. Die aktuell im MBI festgelegten Cut-Off-Werte sind aus einfachen rechnerischen Mitteln generiert und die Einstufungen der Schweregrade stellen damit keine diagnostisch gültigen Werte für die medizinische Praxis dar.7

Der MBI besteht aus ursprünglich 22 Items, welche die 3 Dimensionen des Burnout-Erlebens abbilden:

  1. Emotionale Erschöpfung (9 Items)
  2. Depersonalisation (5 Items)
  3. Leistungs(un)zufriedenheit (8 Items)

Kritik am MBI weist darauf hin, dass es praktisch unmöglich ist, keine Punkte im MBI zu erzielen. Schon deshalb, weil viele der erfragten Symptome unspezifisches elementares menschliches Erleben widerspiegeln. Problematisch ist, dass das Inventar auf diese Weise impliziert, dass jeder mehr oder weniger ausgebrannt ist. Viele der Items bilden außerdem Aspekte ab, die auch zu den Kernsymptomen depressiven Erlebens gehören, was die Abgrenzung zur depressiven Episode erschwert.6 

Weitere diagnostische Instrumente

Neben dem MBI gibt es weitere Fragebögen, die meist jedoch nur auf einen bestimmten Aspekt des Burnout-Syndroms abzielen und daher zur Diagnostik nur eingeschränkt nutzbar sind. 

Das Tedium Measure (TM) erfragt in 21 Items die körperliche, geistige und emotionale Erschöpfung und ermöglicht eine schnelle Auswertung und Selbstdiagnose. Ein anderes Instrument, das ebenfalls nur das Erschöpfungserleben abbildet, ist das Copenhagen Burnout Inventory (CBI). 

Ein neuer Ansatz in der Burnout-Diagnostik wurde mit den Arbeitsbezogenen Verhaltens und Erlebensmustern (AVEM) verfolgt. Ziel dieses Testes ist es, die individuellen Bewältigungsmuster im Umgang mit beruflichen Belastungen zu identifizieren. Das Verfahren ermöglicht die Zuordnung eines Individuums zu vier „Typen” der Stressbewältigung, von denen zwei ein Risikomuster für das Erleiden eines Burnout-Syndroms abbilden. Das AVEM wird zuletzt im deutschsprachigen Raum verstärkt verwendet und die Ergebnisse lassen sich zur Selbstreflexion präventiv und therapeutisch gut nutzen.8

Tipps für die Praxis: Differentialdiagnostik des Burnouts

Die beste Einstiegsfrage ist es immer, Betroffene direkt zu fragen, ob sie sich ausgebrannt fühlen oder das Gefühl haben unter einem Burnout-Syndrom zu leiden. 

Bevor dann jedoch die Diagnose eines Burnout-Syndroms vergeben werden kann, sollte eine differenzialdiagnostische Abklärung erfolgen und sowohl somatische als auch andere psychische Erkrankungsbilder ausgeschlossen werden. 

Somatische Differentialdiagnostik

Für einen chronischen Erschöpfungszustand können zahlreiche Ursachen vorliegen, da „Müdigkeit“ und „Erschöpfung“ unspezifische Symptome zahlreicher somatischer Erkrankungen sein können. Erkrankungen wie beispielsweise Anämien, Hypothyreosen, eine Herzinsuffizienz oder Tumorerkrankungen können für die Symptomatik ursächlich sein oder verstärkend wirken.  

Zur Diagnostik des Burnouts werden daher zumindest die folgenden Untersuchungen empfohlen:7

  • Ausführliche körperliche Untersuchung
  • Laborchemische Untersuchung mit Elektrolyt- und Schilddrüsenhormonstatus
  • Elektrokardiogramm (EKG)
  • Bei Verdacht und weiterer Symptomatik zusätzlich Lungenfunktionsstatus, Bildgebungen, etc.

Psychische Differentialdiagnostik

Die Differentialdiagnostik hinsichtlich anderer psychischen Erkrankungen, vor allem aus dem affektiven Formenkreis, kann sich im ersten Moment schwierig gestalten. Die Symptomatik beispielsweise von Burnout und einer Depression ähneln sich in vielen Fällen, was die Abgrenzung erschwert. Während bei der Diagnostik einer Depression explizit auf ätiologische Kriterien verzichtet wird, bezieht sich ein Burnout-Syndrom laut Diagnosekriterien jedoch immer auf den beruflichen Kontext. Daher sollte bei Verdacht auf ein Burnout unbedingt eine ausführliche Berufs- und Stressanamnese erfolgen.8 

Weitere Informationen zur Differentialdiagnostik bei Burnout und typischen Anamnesefragen zur Abgrenzung von anderen psychischen Erkrankungen haben wir Ihnen in unserem Fachblog zusammengetragen. 

Behandlung: Was können die nächsten Schritte nach einer Burnout-Diagnostik sein?

Leider gibt es noch keine standardisierten Behandlungsmöglichkeiten für Betroffene mit Burnout-Erleben. Ohne eine Diagnose aus der psychischen Krankheitsgruppe („F-Diagnose”) ist es schwierig, eine psychotherapeutische Behandlung abzurechnen. Dabei könnten Betroffene von einer solchen deutlich profitieren. 

Eine neue, auf das Burnout-Syndrom abgestimmte Behandlungsoption bietet die digitale Gesundheitsanwendung (DiGA) HelloBetter Stress und Burnout, welche als digitale Burnout-Behandlung auf Rezept verordnet werden kann. In diesem Online-Therapieprogramm lernen die Betroffenen durch Strategien aus der kognitiven Verhaltenstherapie mit der Stressbeanspruchung im Arbeitskontext umzugehen. Die Wirksamkeit des Online-Programms wurde in mehreren randomisierten, kontrollierten Studien nachgewiesen. 

Weitere Informationen zu unseren Online-Therapieprogrammen finden sie auf unserer Informationsseite für Fachkreise. Dort bieten wir auch regelmäßige kostenfreie Webinare und CME-Fortbildungen zum Thema Burnout an. 

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Autorin:
Sarah Boppert Ärztin
  • Quellennachweis
    1. Kaschka, W. P., Korczak, D., Broich, K (2011). Burnout: A Fashionable Diagnosis. Deutsches Ärzteblatt International, 108(46): 781-7. doi: 10.3238/arztebl.2011.0781
    2. Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte. Internationale Klassifikation der Erkrankungen – ICD-10. Abgerufen von: https://www.dimdi.de/static/de/klassifikationen/icd/icd-10-who/kode-suche/htmlamtl2019/block-z70-z76.htm#Z73
    3. Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte. Internationale Klassifikation der Erkrankungen – ICD-11, deutscher Entwurf. Abgerufen von: https://www.bfarm.de/DE/Kodiersysteme/Klassifikationen/ICD/ICD-11/uebersetzung/_node.html;jsessionid=E1412C351ED65C543883EF41750FF591.intranet261
    4. Burisch, M (2014). Das Burnout Syndrom (4. Auflage). Springer-Verlag: Berlin, Heidelberg. doi: https://doi.org/10.1007/978-3-642-36255-2
    5. Maslach, C., Jackson, S. E., & Leiter, M. P. (1997). Maslach burnout inventory. Evaluating Stress: A Book of Resources, 3rd Edition, Scarecrow Education, Lanham, 191-218.
    6. Hillert, A (2014). Burnout – Zeitbombe oder Luftnummer (Auflage 1). Schattauer-Verlag: Stuttgart.
    7. Korczak, D., Kister, C., Huber, B (2010). Differentialdiagnostik des Burnout-Syndroms. Schriftenreihe Health Technology Assessment, Bd. 105, DIMDI Köln. doi: 10.3205/hta000087L
    8. Koch, S., Lehr, D., Hillert, A (2015). Burnout und chronischer beruflicher Stress (Auflage 1). Hogrefe Verlag: Göttingen.  
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