Corona: Quarantäne mit Kindern

Dass eine Familie in Quarantäne mit Kindern zwei Wochen lang in den eigenen vier Wänden bleibt, kommt unter normalen Umständen nicht vor. Das hat vor allem folgenden Grund: Es geht nicht gut. Kinder brauchen Bewegung und Spielkameraden, Erwachsene benötigen andere soziale Kontakte und kinderfreie Zeit, außerdem müssen sie in Ruhe arbeiten.

Das alles interessiert den Corona-Virus jedoch nicht, deshalb wollen wir euch mit ein paar Denkanstößen unterstützen. Wie kann Quarantäne mit Kindern gelingen? Eine kleine Vorwarnung: Dieser Blogartikel wird keine Bastelanregungen bereithalten und auch nicht empfehlen, Kindersportprogramme auf YouTube mit den Kleinen nachzuturnen. Natürlich können diese Ideen in manchen Situationen sehr nützlich sein. Allerdings möchten wir dir einige andere Denkanstöße geben, die dir die familiäre Quarantänezeit erleichtern können.

Zusammenfassen könnte man das so: Wir müssen in der Quarantäne-Zeit nicht versuchen, Erzieher, Lehrer, Großeltern und Spielkameraden zu ersetzen. Es geht nicht darum, Quarantäne für Kinder zu gestalten, sondern mit unseren Kindern. Dazu gehört, dass wir auch unsere eigenen Bedürfnisse nicht außer Acht lassen.

Was brauchen meine Kinder?

Kreativität entsteht aus Mangel, meint Philosophie-Professor und Bestseller-Autor Richard David Precht. Die Quarantänezeit gibt uns die Möglichkeit, diese theoretische Feststellung gründlich auf Praxistauglichkeit zu prüfen. Doch was bedeutet das konkret? Es bedeutet: Wir müssen morgens nicht panisch das Tonpapier samt Bastelanleitung rauslegen, täglich Papageienkuchen backen und abends zwanzig Runden Uno spielen.

Stattdessen können wir einfach mal versuchen, bewusst weniger Aktivitäten für unsere Kinder vorzubereiten, vorzugeben und anzubieten. Natürlich fällt uns das als Eltern schwer, weil wir glauben, ganz genau zu wissen, was unseren Kindern in der Quarantäne fehlt und – seien wir ehrlich – auch fürchten, dass uns die Kinder so beschäftigungslos pausenlos auf die Nerven gehen.

Du kannst jedoch einfach mal versuchen, die Quarantänezeit als Experiment zu betrachten. Versuche, dabei folgende Fragen für dich zu beantworten: Können sich meine Kinder vielleicht länger selbst beschäftigen, als ich ihnen zutraue und mit etwas ganz anderem, als ich es vermuten würde? Macht Langeweile tatsächlich kreativ? Fällt es mir eventuell selbst schwerer, das Nichtstun zu ertragen, als meinen Kindern?

Womit wir beim nächsten Punkt wären.

Was brauche ich?

Oft glauben wir, diese Frage mühelos beantworten zu können. Doch häufig beruht das, was wir meinen zu brauchen, auf Gewohnheiten. Wir empfinden das als angenehm, was wir normalerweise tun – und Nichtstun im strengeren Sinn gehört für die meisten nicht dazu.

In einem Experiment der University of Virginia verpassten sich zwei Drittel aller männlichen und ein Viertel aller weiblichen Probanden lieber selbst Elektroschocks, als tätigkeitslos den eigenen Gedanken nachzuhängen. Das tägliche Hamsterrad – für uns und für die Kinder – auch in der Quarantäne aufrechtzuerhalten, scheint daher die naheliegende und angenehmste Lösung zu sein.

Es gibt jedoch noch einen anderen Weg, den wir zumindest austesten können: Wir können die Quarantäne mit Kindern als Einladung verstehen, das Nichtstun zu üben. Diese Alternative hat auch den Vorteil, dass wir unseren Kindern vorleben, wie wir in Muße sein können. Vorausgesetzt, wir haben selbst eine Idee davon, wie das geht.

Quarantäne mit Kindern: Wie geht eigentlich Muße?

„Wenn du dich langweilst, bist du nicht aufmerksam.“ Das sagte der Psychiater, Psychotherapeut und Mitbegründer der Gestalttherapie Friedrich Perls. Er meinte damit, dass wir uns unmöglich langweilen können, wenn wir aufmerksam darauf achten, was in uns und um uns herum geschieht.

Wenn wir wirklich zuhören, kann sich unser innerer Monolog ungefähr so anhören: „Oh, mein Knie juckt aber doll. Warum denke ich denn jetzt an meine verstorbene Großmutter? Was sie wohl zur Corona-Krise gesagt hätte? Jetzt weiß ich, was ich heute Abend essen will: Lasagne!“ Und so geht es munter weiter.

Gedanken, Gefühle, Körperempfindungen, Handlungsimpulse. Wozu sollte es gut sein, diese Phänomene ganz genau wahrzunehmen? Zum einen lernen wir uns dadurch besser kennen, sind ganz „bei uns“, entschleunigen und begegnen auch unseren Kindern aufmerksamer. Wir können viel adäquater auf unsere und ihre tatsächlichen Bedürfnisse eingehen. Zum anderen können wir unsere eigene Kreativität bemerken, wenn wir entdecken, dass zwischen all den Großmutter-Lasagne-Gedanken plötzlich eine geniale Idee für ein Start-up, ein Buch oder ein Kochrezept auftaucht.

Carl Rogers, der Psychologe und Psychotherapeut, der die klientenzentrierte Gesprächspsychotherapie entwickelte, beobachtete nämlich, dass Kreativität zum Vorschein kommt, wenn wir mit unserem wahren Selbst in Kontakt sind. In der Quarantänezeit können wir Kontakt zu diesem Selbst herstellen, indem wir schlichtweg aufmerksam uns selbst gegenüber sind und nicht automatisiert unseren Tag füllen.

Also kein Uno mehr spielen?

Es geht nicht darum, dass du dir irgendetwas verbietest und deinen Kindern das gemeinsame Spiel verweigerst. Aber du kannst ein Stück weit zurücktreten und den Spieß umdrehen: Statt deinen Kindern Spielangebote zu machen, lass dir von ihnen Ideen liefern, was ihr machen könntet. Und dann kannst du aufmerksam in dich hineinhorchen, ob du Lust hast, gerade Salzteig zu machen, Nintendo zu spielen oder zu puzzeln.

Du kannst gemeinsam mit deinen Kindern diese Quarantänezeit nutzen, um euch besser kennenzulernen – jeder für sich, als auch als Familie. So wird diese Ausnahmezeit eine Chance für Veränderung und Wachstum und keine katastrophale Phase, die man händeringend mit allen noch möglichen Aktivitäten überbrücken muss. Natürlich ist dieses Vorgehen nicht immer reibungslos und leicht, aber mal ehrlich: Ist es das vor Corona gewesen?