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DiGA Erfahrungen einer Psychotherapeutin: Ein Interview mit Evelyn Beverly Jahn

Wie können DiGA in die psychotherapeutische Praxis integriert werden? Unsere Interviewpartnerin Evelyn Beverly Jahn ist psychologische Psychotherapeutin, Leiterin einer Lehrpraxis und Dozentin an verschiedenen Ausbildungsinstituten. Sie hat sich tiefergehend mit dem Thema digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) beschäftigt und bereits einige Erfahrungen mit DiGA in der psychotherapeutischen Praxis gemacht. Sie berichtet uns davon, wie Sie die Voraussetzungen für eine DiGA prüft, wie Sie DiGA verordnet und in der psychotherapeutischen Praxis einsetzt. Außerdem hat sie einige Ideen, wie auch körperbasierte Verfahren verstärkt in DiGA eingesetzt werden können.

Liebe Frau Jahn, vielen Dank, dass Sie sich heute Zeit genommen haben, um Ihre Erfahrungen als Psychotherapeutin zu digitalen Gesundheitsanwendungen, auch DiGA genannt, mit uns zu teilen.
DiGA scheinen noch weitestgehend unbekannt, auch unter Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten. Wie sind Sie ursprünglich darauf aufmerksam geworden?

Evelyn Beverly Jahn: Tatsächlich war das Thema DiGA in meiner Praxistätigkeit so am Rande präsent. Natürlich haben wir Flyer zugesandt bekommen – in die Praxis und per Mail. Zugegebenermaßen habe ich diesen Materialien am Anfang gar nicht so viel Aufmerksamkeit zukommen lassen. Auslöser für die vertiefte Beschäftigung war die Anfrage des Fernsehsenders MDR, wo ich als Expertin für psychologische und psychotherapeutische Fragen gelistet bin. Die Redakteurin wollte zum Thema DiGA gerne einen Beitrag machen. In Vorbereitung auf diesen Beitrag habe ich meine vertiefte Recherche begonnen und auch in Selbsterfahrung verschiedene Apps selbst angewendet – und bin restlos begeistert!

Wie haben Sie sich in Vorbereitung auf den Beitrag informiert? Was waren für Sie hilfreiche Informationsquellen zum Thema DiGA?

Evelyn Beverly Jahn: Also ich habe mich natürlich erst mal so ein Stück weit über die Flyer vorgearbeitet, dann bin ich aber relativ schnell direkt an die Hersteller herangetreten. Ich habe mich mit verschiedenen Leuten zusammengesetzt und mir die Programme erklären lassen. Außerdem habe ich mir die Recherche der Journalistin vom MDR genauer angeschaut.

Hatten Sie schon Gelegenheiten, digitale Gesundheitsanwendungen in der psychotherapeutischen Praxis zu verordnen?

Evelyn Beverly Jahn: Ja, das machen wir inzwischen schon ziemlich regelmäßig. Da gibt es noch ein paar Unsicherheiten. Ich bin auch Supervisorin und Dozentin an verschiedenen psychotherapeutischen Ausbildungsinstituten und dort ist es oft nicht klar, ob auch Auszubildende DiGA verschreiben dürfen.* Ich empfehle in solchen Fällen, einen kurzen Befund zu schreiben und an die jeweilige Haus- oder Facharztpraxisen zu schicken, welche es dann verschreiben kann.

* Anmerkung von HelloBetter: In Absprachen mit psychotherapeutischen Ausbildungsinstituten und Supervisorinnen und Supervisoren ist auch eine Verordnung über die Ausbildungsinstitute möglich.  

Welche Erfahrungen haben Sie als Psychotherapeutin bisher mit der Verordnung von DiGA über Kassenrezepte gemacht? Wie hoch war der Mehraufwand für die Verordnung?

Evelyn Beverly Jahn: Die Erfahrung ist, dass das relativ schnell geht. Für uns als Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten ist es nur noch nicht so habituiert, dass wir Rezepte ausstellen. Das ist ja normalerweise etwas, das im ärztlichen Versorgungsbereich liegt und wir sind das in der Berufsgruppe nicht gewöhnt. Ich empfinde es aber nicht als große Hürde. Der Aufwand entsteht, glaube ich, eher für die Patientinnen und Patienten. Denn die müssen sich ja um die Einlösung des Rezepts bei der Krankenkasse kümmern und nicht einfach nur zur Apotheke gehen. Therapeutisch finde ich das aber interessant, weil das eine Aussage über die Motivation macht.

Wie Sie schon beschrieben haben, ist der Umgang mit Rezepten für Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten noch ungewohnt. Über welchen Weg holen Sie sich die Arzneimittelrezepte?

Evelyn Beverly Jahn: Man kann die Formulare bei der zuständigen KV beantragen und die schicken die Rezepte zu. Das ist wirklich unkompliziert.

Welche Erfahrungen haben Sie nach der Verordnung einer DiGA gemacht? Haben die Patientinnen und Patienten dann noch Rückfragen und entsteht dort eine Mehrbelastung für Sie als Psychotherapeutin?

Evelyn Beverly Jahn: Ja, das passiert. Da würde ich aber gar nicht sagen, dass das eine Belastung ist, sondern ich würde das als Investment sehen. Ich selbst bin auch nicht mit dieser Technik groß geworden. Die älteren Patientinnen und Patienten haben vielleicht mal die eine oder andere Hürde. Aber ehrlich gesagt staune ich da oft, wie auch ältere Menschen das nutzen können und sich überwinden. Ich hätte dort mit mehr Ablehnung gerechnet, aber diese Bedenken höre ich eher unter Kolleginnen und Kollegen und nicht vonseiten der Patientinnen und Patienten.

Als Verhaltenstherapeutin und Hypnotherapeutin liebe ich alles, was zu visualisieren ist, weil das aus meinem wissenschaftlichen Verständnis heraus nochmal viel mehr Sinneskanäle anspricht. Wenn ich etwas sehe und haptisch betätige, dann habe ich ein ganzheitliches Erleben. Und das steuert eben auch Veränderungsprozesse besser, wenn möglichst viele neuronale Netze aktiviert sind. Daher: Es ist einfach nur eine Umstellung, die wir als Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten zu leisten haben. Ich sehe das aber nicht als Mehrbelastung. Mir persönlich macht es eher Spaß, das Ganze zu erforschen. Und junge Leute haben damit in der Regel gar keine Probleme.

DiGA bieten ja auch die Möglichkeit, die Daten bei Einverständnis der Patientinnen und Patienten zu exportieren und gemeinsam in den Sitzungen zu besprechen. Wie sind da Ihre Erfahrungen? Nutzen Sie diese Datenexporte in der Therapie?

Evelyn Beverly Jahn: Das mache ich unterschiedlich. Natürlich ist das Thema Hausaufgaben – darunter würde das regelmäßige Ausfüllen und Bearbeiten der DiGA im Rahmen der Therapie ja fallen – in der therapeutischen Behandlung manchmal ein vulnerables Thema. Da braucht es, glaube ich, erstmal eine gute Aufklärung, damit ich nicht in eine parentale oder belehrende Rolle komme. Ich kläre das sehr gut vorher auf und überlasse dann Handlungsspielraum. Ich übersetze mich immer so, dass es nicht darum geht, dass ich die Übungen der DiGA kontrolliere, sondern ich frage immer als Erstes: „Wie nützlich erleben Sie es denn?” Ich muss da nicht draufschauen, ich möchte nur gerne in der Summe erfahren „Was macht es denn mit Ihnen?” 

Woran merken Sie, dass eine DiGA gut zu einem Patienten oder einer Patientin passen könnte? Und gibt es bestimmte Voraussetzungen, die Sie vor einer DiGA Verordnung prüfen?

Evelyn Beverly Jahn: Ja, es braucht  – analog zu unserem anderen therapeutischen Vorgehen – eine Passung zwischen dem Patienten bzw. der Patientin und der Intervention, die ich setze. Passend ist für mich, wenn das Störungsbild das hergibt und man schaut, ob es bereits eine einigermaßen solide Veränderungsmotivation* gibt. Wenn ich diese Veränderungsmotivation fühle, das Störungsbild passt und es dazu eine gute DiGA gibt, dann gibt es – glaube ich – das größte Outcome. Wenn im Vordergrund noch die Problemfixierung steht und zwar eine Therapiemotivation*, aber noch keine Veränderungsmotivation da ist, dann würde ich DiGA nicht empfehlen.

DiGA würde ich zum Beispiel auch nicht bei fluiden Schizophrenien verschreiben. Natürlich gibt es ein paar Kontraindikationen.

* Anmerkung von HelloBetter: Eine Veränderungsmotivation bedeutet, dass die Person bereit ist, selbst Veränderungen vorzunehmen, um ihr Leiden zu verringern. Eine Therapiemotivation beschreibt wiederum die Motivation, eine Therapie zu beginnen und durchzuführen. 

Glauben Sie, dass DiGA für bestimmte Erkrankungen in der psychotherapeutischen Versorgung besser geeignet sind, als für andere? 

Evelyn Beverly Jahn: Vorsichtig wäre ich bei jemandem, der schon sehr viel Multimedia konsumiert – wobei man da auch sagen könnte, die Person nimmt das Handy ja eh viel in die Hand und dann eher nochmal gerichtet. 

Grundsätzlich achtsam – was nicht heißt, dass ich es gar nicht anwende – bin ich bei zwanghaften Patientinnen und Patienten, die gerne tracken. Da geht es eher darum, mal auszuhalten, dass etwas nicht erfasst wird und dass man etwas übersehen könnte. Da wäre ich vorsichtiger für alle, die ein erhöhtes Bedürfnis nach Kontrolle und Sicherheit haben. 

Wie genau integrieren Sie DiGA in die psychotherapeutische Versorgung? Als Wartezeitüberbrückung, als Ergänzung zur Behandlung oder in der Rückfallprophylaxe?

Evelyn Beverly Jahn: Wenn wir eine Passung sehen, geben wir DiGA auch gerne schon in der Sprechstunde mit. Das erleben beide Seiten – glaube ich – als hilfreich, denn wir haben zwar eine Sprechstunde, aber nicht immer einen Therapieplatz. Wir können dann trotzdem etwas mitgeben, was wissenschaftlich fundiert ist und was ein nächster Schritt sein kann. 

Was ich wirklich hilfreich finde und wo ich es persönlich gerne einsetze, ist in der Psychoedukation. Den psychoedukativen Teil finde ich durch die verschiedenen Formate wie Audio und Video sehr anschaulich – das kann ich ja gar nicht so schick machen in der Therapie. Auch diese Symptomerfassungen schaue ich mir dann gerne an. Dann sieht man ja oft auch einen Unterschied, wenn die Patientinnen und Patienten das zu Hause selber machen oder ich es exploriere. Da gibt es keine 100%ige Kongruenz, was ich spannend finde. So gewinne ich auch nochmal zusätzlich Informationen, weil das natürlich auch durch die jeweilige Befindlichkeit tagesaktuell gesteuert wird.

Sie haben jetzt schon einige Vorteile von DiGA genannt, wie zum Beispiel die Unterstützung in der Psychoedukation, die Wartezeitüberbrückung und das Ansprechen mehrerer Sinneskanäle. Sehen Sie bei DiGA auch Nachteile?

Evelyn Beverly Jahn: Ein Nachteil ist vielleicht, dass der Druck ein Stück weit erhöht wird, da viele DiGA eine persönliche, psychologische Begleitung und Ansprechpersonen haben – was andererseits ja auch gut ist. Dadurch entzieht man sich der DiGA nicht ganz so leicht, wenn man weiß, da ist jemand dahinter.*

Was auch nachteilig ist, dass immer wieder Patientinnen und Patienten das Gefühl haben, „Google hört mit” – also im Sinne der Datensicherheit. Auch dieses Gefühl „Was passiert mit diesen Daten?” Das ist eine typische Sorge. Ich frage die Patientinnen und Patienten dann immer, ob sie auch Facebook oder Instagram haben und erkläre ihnen die Unterschiede.**

* Anmerkung von HelloBetter: Einige DiGA – wie die DiGA von HelloBetter – werden von Psychologinnen und Psychologen zur Gewährleistung der Patientensicherheit begleitet. Bei HelloBetter wird den DiGA Teilnehmenden eine Psychologin oder ein Psychologe zur Seite gestellt. Dieser oder diese gibt den Teilnehmenden nach jeder Einheit ein Feedback und achtet z. B. auf potentielle Symptomverschlechterungen.

** Anmerkung von HelloBetter: Die DiGA-Verordnung definiert mit über 80 Anforderungen an technische und organisatorische Maßnahmen den von der Datenschutz-Grundverordnung verlangten Stand der Technik für DiGA Hersteller. Mehr zum Thema Datenschutz bei DiGA finden Sie im Interview mit unserem Datenschutzbeauftragten.

Haben denn einige Ihrer Patientinnen und Patienten eine DiGA schon durchlaufen und Ihnen Feedback dazu gegeben? 

Evelyn Beverly Jahn: Wie immer in der Therapie ist es so: Im Beginnen liegt meist der Zauber, im Durchhalten liegt die Pein. Ich habe schon das Gefühl – aber vielleicht weil ich auch noch nicht ganz so konsequent dran bleibe – dass das Bearbeiten der DiGA nach ein paar Wochen auch abbrechen oder versanden kann. Natürlich auch, weil das erhoffte Outcome nicht immer sofort eintritt. Also so eine naive Erlösungsfantasie wie „Ich mache jetzt die App oder eine Psychotherapie und dann wird alles gut”, die spielt sicherlich hier auch eine Rolle. Das liegt bestimmt auch an meiner Stichprobe an Patientinnen und Patienten, weil ich als Leiterin einer Lehrpraxis eher „schwere Fälle” habe. 

Kann da auch ein Grund sein, dass Ihre Patientinnen und Patienten, wenn es an die Bearbeitung bestimmter Themen geht, dafür gerne die persönlichen Therapiestunden nutzen wollen?

Evelyn Beverly Jahn: Das denke ich. Ich denke auch, dass viele dann verstanden haben, wie das Programm läuft. Manche sagen auch „Ich hab die Idee verstanden, ich kann das jetzt ohne die DiGA durchführen.” Manchmal passt es vielleicht auch thematisch nicht mehr in den Therapieverlauf, weil wir uns weniger symptomorientiert, sondern vielleicht mehr biografisch oder in anderen Treatment-Bereichen bewegen. Ich finde die DiGA HelloBetter Stress und Burnout gut, denn das ist so ein übergeordnetes Thema. Da habe ich die Erfahrung, die kann man auch durchführen, wenn man zum Beispiel gerade in der Exposition einer Angstbehandlung ist.

Das liegt vermutlich auch daran, dass diese DiGA durch die verschiedenen Zusatzmodule sehr individuell genutzt werden kann und auch viele störungsübergreifende Themen wie Problemlösekompetenzen und Entspannungstechniken abdeckt. 

Evelyn Beverly Jahn: Genau – da ist es ein breiterer Fächer. 

Sie haben jetzt schon Erfahrungen mit verschiedenen DiGA gemacht. Wenn Sie sich eine DiGA wünschen könnten – welche wäre das? Wo sehen Sie noch Bedarf?

Evelyn Beverly Jahn: Darüber habe ich auch in meinem Team gesprochen. Ich persönlich, als Paar- und Sexualtherapeutin, find es großartig, dass es die DiGA HelloBetter Vaginismus Plus gibt. Ich würde mir das auch für die erektile Dysfunktion wünschen. 

Was sicher kein ganz einfacher Teppich ist, aber was für alle und auch für Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten sehr hilfreich wäre, wäre etwas zum Thema Sucht.*

* Anmerkung von HelloBetter: Das Online-Therapieprogramm HelloBetter Weniger Alkohol trinken steht Betroffenen zur Reduktion von Alkoholkonsum zur Verfügung. Das Online-Therapieprogramm ist aktuell nicht als DiGA gelistet, einige Krankenkassen übernehmen jedoch die Kosten. 

Im Zentrum einer möglichen vierten Welle der Verhaltenstherapie könnten nach aktuellen Entwicklungen körperbasierte Ansätze stehen. Die bewusste Arbeit mit dem Körper hat das Ziel, neben dem beobachtbaren Verhalten und den inneren Prozessen des Denkens und Fühlens eine weitere Ebene des Erlebens in den therapeutischen Prozess mit aufzunehmen – den Körper. Auch Sie setzen sich für die Weiterentwicklung therapeutischer Interventionsmethoden in Richtung körper- und erlebnisorientierter Verfahren ein. Sehen Sie eine Möglichkeit, solche Verfahren verstärkt in DiGA einzubetten?

Evelyn Beverly Jahn: Das wäre natürlich ein unglaublich spannendes Feld, ich weiß aber nicht, wie realistisch das ist. Ich sag Ihnen mal, an was ich denken würde: Einmal, dass man den Bottom-up-Weg beschreibt, indem man die Teilnehmenden dazu einlädt, Experimente zu machen. Also: Wie helfe ich mir, durch körperliche Aspekte meine Befindlichkeit zu ändern?

Mir fällt spontan dazu ein: eine App zu Skills. Und dabei meine ich nicht nur Skills aus dem Bereich DBT, sondern auch körperbasierte Skills. Ein Beispiel aus der Embodiment-Forschung: Ich habe gerade eine Dissertation dazu gelesen, die gut zeigt, wie die Augenbewegungen auf physiologischer Ebene Entspannung fördern. Dort, wo wir Wissen darüber haben, wie wir den Körper benutzen können, könnte man das als Verhaltensexperiment – zum Beispiel in animierten Videos – vormachen. Ein Beispiel wären Neutralisationsübungen zur Spannungsregulierung. Das wäre großartig!

Also das Thema: Wie kann ich emotionale Kontrolle und Selbstregulation verbessern. Wenn wir uns neurobiologische Befunde anschauen, ist so etwas Top-Down kaum möglich. Wir sind über den Körper viel schneller.

Liebe Frau Jahn, vielen Dank für die Inspirationen und das interessante Gespräch!

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Autorin:
Juliane von Hagen Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin
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