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Wie kann ich mein schlechtes Gewissen loswerden?

Ich sollte, hätte, müsste – Mist, jetzt fühle ich mich schlecht. Die Gedanken kreisen, Ablenkung funktioniert nur bedingt, auch das gute Zureden von anderen schafft oft keine Abhilfe. Wer ein schlechtes Gewissen hat, der straft sich im Grunde selbst und helfen tut das eigentlich keinem. Oder? Hat ein schlechtes Gewissen auch gute Seiten? Falls ja, wie können wir sie effektiv nutzen, um anschließend das schlechte Gewissen guten Gewissens gehen zu lassen?

Die Psychologie dahinter: So kommt ein schlechtes Gewissen zustande

Sprachlich hat das Gewissen offensichtlich etwas mit Wissen zu tun. Und zwar wissen wir es besser, haben uns in unseren Augen aber nicht danach, also nicht „richtig” verhalten. Aber was wissen wir da eigentlich?

Unser Gewissen hat vor allem mit unseren inneren Werten zu tun. Einerseits unseren persönlichen Werten, aber es kann sich auch um gesellschaftliche Werte handeln, die uns – ob wir wollen oder nicht – beeinflussen.

Lüge ich zum Beispiel und sage eine Verabredung unter einem Vorwand ab, kann sich ein schlechtes Gewissen breitmachen, weil ich gegen meinen inneren Wert „Ehrlichkeit” verstoßen habe. Lasse ich meine Kinder lange fernsehen, um meine Ruhe zu haben, kann ich ein schlechtes Gewissen erleben, weil ich ihnen gegenüber in dieser Zeit nicht fürsorglich handle.

Ein schlechtes Gewissen ist jedoch rein subjektiv. Das bedeutet: Person A plagen vielleicht Gewissensbisse, wenn die Kinder lange fernsehen, Person B überhaupt nicht. Das hat etwas mit der Unterschiedlichkeit der Werte zu tun und auch wie wir sie gewichten. Ebenso kann auch das schlechte Gewissen bei Person A variieren: So kann langes Fernsehen an einem verregneten Sonntag kein schlechtes Gewissen machen, wochentags bei Sonnenschein jedoch schon. 

Ein schlechtes Gewissen ist also werteabhängig, personenabhängig und situationsabhängig.

Obwohl es damit etwas unberechenbar erscheint, können wir Strategien erlernen, um besser mit ihm umzugehen.

Ich habe ein schlechtes Gewissen – was nun?

Wie bei allen unangenehmen Gefühlen oder auch negativen Gedanken gilt: Je mehr wir gegen sie ankämpfen, desto mehr Aufmerksamkeit schenken wir ihnen und verstärken sie damit. Am Ende haben wir bloß noch ein schlechtes Gewissen darüber, dass wir ein schlechtes Gewissen haben. Deshalb lautet der erste Schritt, um ein schlechtes Gewissen loswerden zu können:

1Das schlechte Gewissen da sein lassen

Das klingt widersprüchlich, ist aber sehr wirksam, um uns innerlich entspannen zu können. Wir schalten sozusagen vom Kampf- in den Akzeptanzmodus. Anschließend können wir uns folgende Frage stellen:

2Welchen meiner Werte habe ich verletzt?

Diese Frage zielt darauf ab, etwas über dich und deine Werte zu lernen. Damit bekommt das schlechte Gewissen etwas Konstruktives. 

Wenn du zum Beispiel ein schlechtes Gewissen hast, weil du deiner Meinung nach in der letzten Woche bei der Arbeit nicht genug geleistet hast, verletzt das vielleicht deinen Wert der Disziplin oder Produktivität.

Wichtig ist: Es hat nichts mit Nachlässigkeit oder einer negativen Absicht zu tun, wenn wir unsere Werte mal nicht erfüllen. Du kannst durch ein schlechtes Gewissen vielmehr anderen Werten auf die Spur kommen, die dein Handeln motiviert haben.

Im Falle der Arbeit: Warst du vielleicht nicht produktiv, weil du den Werten Selbstfürsorge, Erholung, Ruhe und Entspannung mehr Raum gegeben hast? Und ist das nicht genauso berechtigt? Habe den Mut, dem Platz zu verschaffen, was dir wichtig ist. Auch wenn das vielleicht im Gegensatz zu dem steht, was andere – zum Beispiel dein Arbeitgeber oder deine Arbeitgeberin – für wichtig halten. Wenn du das übst, kann dein schlechtes Gewissen dem Gefühl mit sich im Reinen zu sein und der inneren Ruhe weichen. 

Die Frage nach den Werten ist auch dann besonders lohnenswert, wenn du den Eindruck hast, ein schlechtes Gewissen ohne Grund zu haben – vermutlich bist du dir deiner Werte oder einem deiner Werten noch gar nicht bewusst.

Doch es gibt noch eine andere Möglichkeit:

3Optional: Das Ruder rumreißen

Manchmal müssen wir auch feststellen, dass sich kein anderer „versteckter” Wert in den Vordergrund gedrängt hat, sondern wir uns einfach nicht nach unserem „moralischen Kompass” verhalten haben. Meistens können wir daran dann noch etwas verändern. Das kann bedeuten, in der nächsten Woche bei der Arbeit mehr Gas zu geben, sich bei jemandem zu entschuldigen oder doch noch den Fernseher auszuschalten und mit den Kindern zu spielen. Diese Kurskorrektur erfordert in den meisten Fällen einige Anstrengung und Mut. So haben wir die Wahl, ob wir das Ruder rumreißen oder unser schlechtes Gewissen doch lieber behalten.

Anderen gegenüber schuldig fühlen

Manchmal geht es weniger um uns und unsere Werte, sondern darum, dass wir anderen gegenüber ein schlechtes Gewissen oder auch Schuldgefühle haben. Wir denken, wie wir uns verhalten könnte anderen missfallen oder dass es ihnen sogar schlecht geht – wegen uns. Ein schlechtes Gewissen kann uns daher dazu antreiben, es anderen recht machen zu wollen. Vermutlich ist vielen von uns klar, dass wir selbst nicht glücklich werden, wenn wir so leben, wie andere es – vermeintlich – von uns erwarten. Aber wie können wir aus dieser Fremdbestimmung herauskommen? 

Das kann gelingen, indem wir die Verantwortung für unser Verhalten übernehmen. Außerdem müssen wir anderen die Verantwortung für das, was sie fühlen und wie sie auf uns reagieren, zurückgeben. Dafür können wir nämlich nichts. Die Rede ist nicht von Rücksichtslosigkeit, sondern von einer gesunden Unabhängigkeit, die Gewissensbisse anderen gegenüber überflüssig macht und uns ein Stück Freiheit schenkt. 

Wenn du mehr über dieses Thema der geteilten Verantwortung in Beziehungen wissen möchtest, interessiert dich vielleicht auch unser Artikel zum Thema Beziehungsunfähigkeit.

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Autorin:
Victoria Bindrum Psychologin
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