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Umgang mit Herausforderungen und Stress im Arztberuf: Ein Interview mit Dr. Alvar Mollik

Viele Ärztinnen und Ärzte sowie andere Mitarbeiter im Gesundheitswesen leiden unter chronischem Stress im Arztberuf. 15% der Ärztinnen und Ärzte gaben in einer Mitgliederbefragung des Marburger Bundes von 2019 an, dass sie bereits wegen Burnout in Behandlung waren.
Zu diesem Thema haben wir mit unserem Interviewpartner Dr. Alvar Mollik, Facharzt für Hals-Nasen-Ohren-Medizin und Mitgründer von Mindful Doctor, gesprochen. Er erzählt uns von seinen Erfahrungen als Arzt und seiner Motivation, das Gesundheitswesen zu verändern und die Gesundheit von Ärztinnen und Ärzten mehr in den Fokus zu rücken.

Lieber Alvar, vielen Dank, dass du dir heute Zeit genommen hast. Vielleicht kannst du uns zu Beginn erzählen, wie dein beruflicher Werdegang war?

Dr. Alvar Mollik: Ja, gerne! Zunächst habe ich eine Ausbildung als Krankenpfleger begonnen, welche ich dann jedoch für einen Medizinstudienplatz abgebrochen habe. Mittlerweile bin ich Facharzt für Hals-Nasen-Ohren-Medizin (HNO). Besonders gut hat mir am Job als Arzt immer gefallen, mit Menschen zusammenzuarbeiten und ihnen zu helfen. Gerade in der HNO war es sehr besonders zu sehen, wenn nach OPs die Lebensqualität von Betroffenen verbessert oder Krankheiten geheilt werden konnten. Vor zwei Jahren habe ich dann die Branche gewechselt, obwohl ich immer sehr gerne als Arzt gearbeitet habe.

Gemeinsam mit anderen Ärzten habe ich Mindful Doctor gegründet und wir richten mittlerweile unsere vierte Konferenz aus. Unsere Motivation zur Gründung war es, Ärztinnen und Ärzten zu helfen, mehr auf sich selbst zu achten. Unsere Philosophie ist, dass nur wenn man selbst gesund ist, man auch anderen Menschen gut helfen kann. Dabei nehmen wir sowohl die physische als auch die psychische Gesundheit in den Fokus. Außerdem widmen wir uns den Soft Skills, die nicht oder kaum im Studium gelehrt werden. Zum Beispiel bieten wir Workshops zum Thema Kommunikation an, da der Dialog mit Patientinnen und Patienten, Pflegekräften und anderen Ärztinnen und Ärzten ein wichtiger Bestandteil des Berufes ist.

Welche deiner beruflichen Erfahrungen haben vor allem zur Gründung von Mindful Doctor beigetragen? 

Dr. Alvar Mollik: Ich selbst habe im Beruf gemerkt, dass ich im Bereich der Kommunikation an meine Grenzen komme. Zum Beispiel in Gesprächen mit Patientinnen und Patienten und Kolleginnen und Kollegen. Ich hatte das Gefühl, wenig Kommunikations-Skills in meinem „Werkzeugkasten” zu haben. Ein Beispiel sind Gespräche mit Patientinnen oder Patienten, die eine Krebsdiagnose erhalten haben. Mein Ziel war es, Betroffene nicht zu überlasten, sondern gut auffangen zu können. Daher habe ich begonnen, mich mehr mit dem Thema zu beschäftigen.

Viele der Belastungen im Arbeitsalltag von Ärztinnen und Ärzten entstehen durch die beruflichen Rahmenbedingungen. Wie können sie es trotz des Stresses im Arztberuf schaffen, psychisch und physisch gesund zu bleiben und auf sich acht zu geben? 

Dr. Alvar Mollik: Wir ermutigen die Ärztinnen und Ärzte bei sich selbst und ihren Teams zu beginnen, dort Veränderungen einzuleiten und damit auch Vorbild für andere zu sein. Es gibt Dinge, die wir nicht beeinflussen können, aber einige Dinge wie die Kommunikation untereinander können wir verändern. Auch wenn das erstmal Kleinigkeiten sind, können sie einen positiven Einfluss haben.

Ich habe oft erlebt, dass es nach der Arbeit sehr schwer sein kann, abzuschalten. Vielen Ärztinnen und Ärzten geht es genauso, sie bleiben gedanklich bei der Arbeit. Gerade nach der Arbeit ist es daher wichtig, sich Zeit für etwas zu nehmen, das einem guttut. Auch kleine Gewohnheiten zur Förderung der Gesundheit können schon einen Einfluss haben. Mir persönlich hat es geholfen, nach der Arbeit Sport zu machen und mich dadurch um sich selbst zu kümmern. Wenn man Kinder hat, kann das natürlich schwieriger in der Umsetzung sein, da helfen dann eher kürzere Rituale.

Im Umgang mit beruflichen Belastungen ist es wichtig, Grenzen zu ziehen und Aufgaben auch mal abzulehnen. Ich habe das Gefühl, dass dies im Arztberuf aber schwierig ist, da – wenn man Überstunden oder Zusatzschichten ablehnt – Kolleginnen oder Kollegen einspringen müssen oder eben die Versorgung der Patientinnen und Patienten nicht gewährleistet ist. Was für Möglichkeiten haben Ärztinnen und Ärzte trotzdem auf sich zu achten? 

Dr. Alvar Mollik: Ja, ich kenne das auch von mir. Man muss mehr arbeiten und einspringen und wird durch den Stress im Arztberuf im Zweifel selbst krank und fällt aus. Es ist wirklich ein Spagat, sowohl sein Team zu unterstützen, als auch auf sich selbst zu achten. Das Problem ist klar. Wir haben es zunehmend mit einem Ärzte- und Pflegekräftemangel zu tun. Zusätzlich muss immer mehr Zeit für Dokumentation aufgewendet werden. Hier müssen vor allem strukturelle Probleme gelöst werden und über Lösungen wie dem Einsatz von sogenannten Physician Assistants, also Hilfskräften, die im Arztalltag unterstützen können, nachgedacht werden. Insgesamt sollten Strukturen geschaffen werden, die für Entlastung sorgen.

Zum Thema Grenzen setzen: Es ist wichtig, die eigenen Grenzen im Beruf klar aufzuzeigen und deutlich zu machen, dass es so nicht geht. Auch eine Kündigung und der Wechsel des Arbeitsplatzes können eine Überlegung wert sein. Wichtig ist auch, Probleme offen anzusprechen und sich in der Ärzteschaft zu vernetzen. Dadurch kann man sich austauschen und auch erfahren, wo es besser läuft und wie andere mit der Belastung umgehen.

Ein Austausch untereinander kann mit verschiedenen Sorgen verbunden sein. So haben viele Ärztinnen und Ärzte, die unter psychischen Belastungen oder Erkrankungen leiden, Schwierigkeiten, offen darüber zu sprechen und sich Hilfe zu holen. Auch Sorgen vor Stigmatisierung können eine Rolle spielen. Wie ist da deine Erfahrung und was kann man tun?

Dr. Alvar Mollik: Ja, ich denke auch, dass psychische Erkrankungen im Arztberuf ein Tabuthema sind. Dabei gibt es ja besonders bei Ärzten hohe Burnoutraten. Es ist einfach ein Beruf mit vielen Belastungen. Und damit meine ich nicht nur die langen Arbeitszeiten, sondern auch die emotionalen Belastungen. Ich denke, es ist umso wichtiger, Strukturen für einen gegenseitigen Austausch zu schaffen. Das Problem ist, dass im beruflichen Alltag kaum Zeit für einen Austausch bleibt und es bisher wenig Strukturen dafür gibt. Dabei ist es notwendig, auch über die behandelten Fälle zu reden, gerade über die, bei denen es nicht so gut lief. Dadurch wird auch eine Fehlerkultur gefördert. Es fehlt auch an Feedbackgesprächen, um zu schauen, wo man noch unterstützen kann und um zu erfahren, wie es der anderen Person eigentlich geht. Das sind alles Mittel, um Stress, Burnout und Depressionen vorzubeugen. Vielleicht können wir da auch aus Bereichen wie der Psychotherapie lernen. Dort gibt es schließlich auch regelmäßige Intervisionsgruppen. 

Ein großes, viel diskutiertes Thema im Alltag von Ärztinnen und Ärzten stellt die Digitalisierung der Gesundheitsbranche dar. Welche Chancen und Risiken siehst du in der zunehmenden Digitalisierung in der Medizin?

Dr. Alvar Mollik: Ich selbst arbeite bei einem großen Telemedizinanbieter und sehe dort viele Vorteile. Telemedizin ist ein Instrument, um unkompliziert und jederzeit ärztliche Hilfe bekommen zu können. Ich begreife digitale Tools in der Medizin als Ergänzung zu ärztlichen Behandlungen, die neue Möglichkeiten schaffen. So können beispielsweise digitale Gesundheitsanwendungen die Wartezeiten auf Therapieplätze überbrücken. Als Arzt kann es außerdem hilfreich sein, sich die digital erfassten Daten von Patientinnen und Patienten anzuschauen und sich damit einen ersten Überblick zu verschaffen. Diese Patientendaten können auch zwischen Experten grenzenlos ausgetauscht und konsiliarisch besprochen werden. Ganz im Sinne des Patienten. Es ist quasi wie ein Werkzeugkasten, der die Medizin erweitert.

Zum Thema Risiken finde ich es wichtig, dass digitale Programme immer in Kombination mit Behandelnden eingesetzt werden. Patientinnen und Patienten sollten nicht alleine gelassen werden, sondern die Möglichkeit haben, Fragen zu stellen und beraten zu werden. Diese Begleitung kann über die Programme oder Behandelnde umgesetzt werden. Zudem sollte natürlich immer auf die Datensicherheit geachtet werden. 

Bei Mindful Doctor stolpert man immer wieder über den Begriff Mind Body Medizin. Was ist für dich Mind Body Medizin und wo findet das Konzept in der Medizin bisher Anwendung?

Dr. Alvar Mollik: Bei der Mind Body Medizin geht es grundsätzlich um Gesundheitsförderung, auch im präventiven Bereich, um Krankheiten zu vermeiden. Dabei werden beide Säulen, Psyche und Körper, mit einbezogen und als eine Einheit betrachtet. Es geht auch darum, wie man Stress vermeiden und reduzieren kann. Das kommt meiner Meinung nach in der jetzigen Medizin zu kurz. Auch für Ärztinnen und Ärzte ist dieses Wissen wichtig, um die Patientinnen und Patienten präventiv unterstützen zu können. 

Vom 23. – 24. September richtet Mindful Doctor die MIDO Health Konferenz aus. Was erwartet die Teilnehmenden dort? 

Dr. Alvar Mollik: Die Konferenz wird auch in diesem Jahr wieder digital ausgerichtet. Man kann sich also von überall aus zuschalten und auch im Nachhinein Vorträge anschauen. Es wird verschiedene Vorträge und frei wählbare Workshops geben. Ein Schwerpunktthema wird die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sein. Prof. Dr. Mandy Mangler wird darüber in ihrem Vortrag berichten. 

Ein weiteres wichtiges Thema bringt David-Ruben Thies mit. Er wird über sein Konzept und seine Visionen von Krankenhäusern sprechen und welche Erfahrungen er damit in seinem Krankenhaus der Zukunft, den Waldkliniken, gemacht hat. Prof. Dr. Gustav Dobos wird zur Mind Body Medizin und der Umsetzung im klinischen Alltag referieren und dazu auch einen Workshop anbieten. Diese und viele weitere Vorträge aus verschiedenen Disziplinen erwarten die Teilnehmenden. In den Workshops können die Themen noch weiter vertieft werden. Auch Dr. Horvath von HelloBetter wird einen Workshop zum Thema „Digital gegen Burnout” halten, in welchem es um den Umgang mit dem Burnout-Syndrom in der medizinischen und psychotherapeutischen Praxis gehen wird. 

Ich hoffe, dass die Themen für die Teilnehmenden eine Inspiration sein können, um das Gesundheitswesen zu verändern und auch die eigene Gesundheit mehr ins Zentrum ihres eigenen Lebens und der Medizin zu rücken.

Alvar, wir bedanken uns für das Gespräch!

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Autorin:
Juliane von Hagen Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin
  • Quellennachweis
    1. Mitgliederbefragung MB-Monitor 2019 des Marburger Bundes. Abgerufen von https://www.marburger-bund.de/sites/default/files/files/2020-01/MB-Monitor%202019_Zusammenfassung_Ergebnisse.pdf
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