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Saisonale affektive Störung – aktuelle Forschung zur jahreszeitlichen Depression

Gerade in der dunklen Jahreszeit verlieren viele Menschen ihren Antrieb, fallen auf ein niedriges Energieniveau zurück und zeigen depressive Stimmungszüge. Das Konzept der sogenannten saisonalen affektiven Störung – auch saisonale Depression genannt – ist bereits seit mehr als 30 Jahren bekannt und zahlreiche Forschungsarbeiten beschäftigen sich seitdem mit der Ätiologie und den potenziellen Behandlungsmöglichkeiten. Für eine erfolgreiche Diagnostik ist es wichtig zu erkennen, wann diese jahreszeitlichen Schwankungen eine pathologische Komponente haben. Wir zeigen in diesem Artikel auf, welche mögliche Pathogenese der saisonalen affektiven Störung zugrunde liegt, wie sie diagnostiziert werden kann und gehen auf Behandlungsmöglichkeiten sowie aktuelle Forschungsergebnisse ein.

Was versteht man unter der saisonalen affektiven Störung?

Bei der saisonalen affektiven Störung (SAD) handelt es sich um eine depressive Erkrankung, die hauptsächlich durch den Mangel an Umgebungslicht in den dunklen Jahreszeiten hervorgerufen wird. In verschiedenen Forschungsarbeiten konnte nachgewiesen werden, dass die menschliche Physiologie in gemäßigten Klimazonen klaren jahreszeitlichen Schwankungen vieler körperlicher und psychischer Funktionen unterliegt. Untersuchungen aus Mitteleuropa zeigten, dass sich etwa jede fünfte Person in irgendeiner Weise durch die dunkle Jahreszeit im Wohlbefinden beeinträchtigt fühlt. Physiologische Veränderungen, die hierbei eine Rolle spielen, finden sich unter anderem in den Bereichen Schlafdauer, Essverhalten, Körpergewicht, Energieniveau, Antrieb und Stimmungslage. In tropischen Regionen mit täglich-konstanter Sonneneinstrahlung konnten im Vergleich keine jahreszeitlichen Veränderungen dieser Parameter festgestellt werden.1 

Verlaufsformen der saisonal affektiven Störung

Die saisonale Depression wird der rezidivierenden depressiven Störung (ICD-10: F33) oder der bipolaren affektiven Störung (ICD-10: F31) zugeordnet. Dabei kommt es regelmäßig und über mindestens 2 Jahre zum Auftreten depressiver Episoden während einer bestimmten Jahreszeit. Am häufigsten kommt die sogenannte Herbst-Winter-Depression vor, welche durch einen Beginn im Herbst oder Winter mit einer spontanen Remission im darauffolgenden Frühjahr gekennzeichnet ist. Gelegentlich kann es auch zur Hypomanie/Manie in der nachfolgenden helleren Jahreszeit kommen. In sehr seltenen Fällen zeigt sich ein umgekehrter Verlauf mit dem Auftreten der depressiven Symptome im Frühjahr oder Sommer. Auf diese Verlaufsform wird im folgenden Artikel jedoch nicht näher eingegangen.1 

Welche Symptome gehen mit einer saisonalen affektiven Störung einher?

Typische Symptome der saisonalen Depression sind eine depressive Stimmungslage mit Antriebslosigkeit, Anhedonie und Konzentrationsstörungen. Die Mehrheit der Betroffenen zeigt interessanterweise Symptome, die einer atypischen Depression zugesprochen werden. Dabei geht die saisonale affektive Störung entgegen einer klassischen depressiven Störung eher mit Hypersomnie und bleierner Schwere, sowie einer Appetitsteigerung mit Kohlenhydratheißunger und daraus resultierender Gewichtszunahme einher.1,2

Der Schweregrad kann von einer milden Form, die auch als subsyndromale saisonale affektive Störung („Winterblues”) bezeichnet wird, bis hin zu schweren klinischen Depressionen reichen.3 Die Jahresprävalenz der saisonalen affektiven Störung in der Allgemeinbevölkerung liegt bei 2 – 4 Prozent. Bei 8 – 12 Prozent zeigen sich Hinweise auf eine subsyndromale SAD.1

Die Diagnose einer saisonalen Depression nach ICD-10

In der 10. Auflage der internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (ICD-10) wird die saisonale affektive Störung der rezidivierenden depressiven Störung (ICD-10: F33) zugeordnet. Bisher sieht das ICD-System keinen eigenen Diagnoseschlüssel vor, denn auch im ICD-11 wird die Verschlüsselung unter den rezidivierenden depressiven Störungen (ICD-11: 6A71) vorgenommen werden.3 

Diagnose

Was sind die Diagnosekriterien der saisonalen Depression?

Im Diagnostischen und statistischen Leitfaden psychischer Störungen (DSM-5) jedoch wurden Diagnosekriterien für die saisonale Depression erstellt. Demnach darf die Diagnosestellung erfolgen, wenn:

  1. ein regelmäßiger zeitlicher Zusammenhang zwischen dem Auftreten von depressiven Episoden und einer bestimmten Jahreszeit besteht (z. B. Auftreten immer im Herbst).
  2. vollständige Remissionen ebenfalls regelmäßig in der gleichen Jahreszeit auftreten (z. B. Remission immer im Frühjahr). 
  3. in den letzten beiden Jahren zwei depressive Episoden aufgetreten sind, die den o. g. saisonalen Bezug hatten und keine weiteren depressiven Episoden ohne saisonalen Bezug auftraten.
  4. deutlich mehr saisonal gebundene depressive Episoden im Lebenszeitverlauf auftraten als von der Jahreszeit unabhängige depressive Episoden.4 

Ein besonderes Merkmal der Erkrankung ist das hohe Risiko für ein Rezidiv in den nachfolgenden Jahren. Etwa zwei Drittel der Personen, die eine saisonale Depression diagnostiziert bekommen, leiden im darauffolgenden Winter erneut unter den Symptomen.5 

Die Pathogenese der saisonalen Depression

Als Ursache der saisonale affektiven Störung wird der Lichtmangel im Winter in Kombination mit einer genetischen Veranlagung angesehen. Mehrere Studien konnten nachweisen, dass die genetische Vulnerabilität eine bedeutende Rolle für die individuelle Empfindlichkeit gegenüber den Jahreszeiten einnimmt. Nach wie vor sind die genauen Pathomechanismen jedoch unklar und es liegen mehrere Hypothesen vor.1 

Die Phasenverschiebungshypothese von Lewy et al. (2007) etwa postuliert, dass den Beschwerden eine Störung der biologischen Uhr Betroffener zugrunde liegt. Dabei stimme die biologische Uhr in den dunklen Monaten nicht mit dem natürlichen Tag-Nacht-Zyklus überein, weshalb die nächtliche, schlaffördernde Melatoninsekretion verzögert erfolge. Abzuleiten wäre daraus, dass eine morgendliche Lichttherapie diese Verschiebung korrigieren könnte. In mehreren Studien konnte jedoch keine eindeutige Überlegenheit der morgendlichen Lichttherapie gegenüber einer abendlichen nachgewiesen werden.6,7 

Auch andere Modelle, wie die Photochemische Hypothese, bei der der Modulation der serotonergen Neurotransmission über Signale der photoneuronalen Netzwerke eine bedeutende Rolle zukommt, sind weiterhin Gegenstand der Forschung.1 

Therapie der saisonalen affektiven Störung

Zur Therapie der saisonal abhängigen Depression steht aktuell als wichtige Strategie die Lichttherapie zur Verfügung. Außerdem werden Psychopharmakotherapie und Psychotherapie sowie soziale Interventionen (z. B. Selbsthiflegruppen) je nach Krankheitsbild empfohlen. Als zusätzliche Unterstützung der Therapie sollten Modifikationen des Lebensstils angewandt werden. Dazu zählen eine gesunde Schlafhygiene, ausreichende Bewegung vor allem im Freien und die Optimierung von Umgebungslicht.1

Lichttherapie

Nach wie vor ist der genaue Wirkmechanismus der Lichttherapie unklar. Es wird jedoch vermutet, dass Veränderungen des zirkadianen Rhythmus angestoßen werden. Dabei trifft das helle Licht auf die Nervenzellen in der Retina. Das Lichtsignal wird über Neuronen des sogenannten retinohypothalamischen Traktes (Teil des Sehnervs) zum Nucleus suprachiasmaticus (Kerngebiet im Hypothalamus) weitergeleitet. Dieser gilt als zentrale biologische Uhr und gibt daraufhin das Signal zur Ausschüttung von u. a. Serotonin, was einer Depression entgegenwirken kann. Außerdem wird die Melatoninsekretion am Tag reduziert, was sich positiv auf den Tag-Nacht-Rhythmus auswirkt.8 

Anwendung der Lichttherapie 

Das Standardprotokoll für eine wirksame Lichttherapie sieht eine Nutzung eines weißen Lichtes mit hoher Intensität von 10.000 Lux für 30 Minuten am frühen Morgen vor. Es sollte ein Abstand von 60 – 80 cm zur Lichtquelle eingehalten und auf das Schließen der Augen verzichtet werden. Die Anwendung sollte über mehrere Wochen und zu jedem Winterbeginn bereits präventiv wieder erfolgen.8 Einige Betroffene bemerken eine Verbesserung ihrer Symptome bereits nach wenigen Tagen, bei anderen kann es bis zu 4 Wochen dauern.1

Zum Vergleich: In Innenräumen liegt die Beleuchtungsstärke bei weniger als 100 Lux, bei heller Bürobeleuchtung bei 500 Lux, im Freien an einem bewölkten Tag bei 5.000 Lux und an einem sonnigen Tag bei mehr als 50.000 Lux.8

Laut aktueller Leitlinie zur unipolaren Depression liegt für die saisonale Depression eine starke Empfehlung bei moderater Evidenz für einen Therapieversuch mit Lichttherapie vor. In der Regel sollte eine Lichttherapie kombiniert mit anderen Interventionen erfolgen. Bei leichter und rein saisonaler Symptomatik ist jedoch auch ein Therapieversuch als Einzelintervention denkbar.9 

Aus der Forschung zur Lichttherapie

In einer Studie unter Betroffenen der SAD, in der eine kognitive Verhaltenstherapie (KVT) mit einer alleinstehenden Lichttherapie verglichen wurde, konnte bei der Verbesserung der Mehrzahl der Symptome keine Unterschiede zwischen den beiden Therapiemethoden festgestellt werden. Bei der Lichttherapie zeigten sich sogar schnellere Remissionen in den Bereichen frühe Schlaflosigkeit, Hypersomnie, psychische Ängste und sozialer Rückzug. Während für die letzten beiden Bereiche noch keine Erklärung gefunden werden konnte, lässt sich die Verbesserungen der Schlafsymptome durch die Regulationskomponente der Lichttherapie beim pathologischen Tag-Nacht-Rhtymus erklären. Dies legt nahe, dass zur Therapie bei SAD-Betroffenen mit deutlichen Schlafsymptomen eine Lichttherapie mit der kognitiven Verhaltenstherapie kombiniert werden sollte.2 

Kognitive Verhaltenstherapie

Wie bei der saisonal unabhängigen Depression gilt die kognitive Verhaltenstherapie ebenfalls als sehr vielversprechend in der Behandlung der SAD. Eine auf die saisonale Depression zugeschnittene kognitive Verhaltenstherapie sollte eine Verhaltensaktivierung beinhalten, die darauf abzielt, Rückzugsverhalten zu verringern und das Engagement für angenehme Aktivitäten im Winter zu erhöhen. Außerdem sollten Betroffene mittels kognitiver Therapie lernen, depressive Gedanken umzustrukturieren. Dazu gehören auch SAD-spezifische negative Kognitionen über die Jahreszeiten, die Lichtverfügbarkeit und das Wetter. Außerdem können mit den Betroffenen Frühwarnzeichen besprochen und eine Rückfallprophylaxe erarbeitet werden.2

Während die Lichttherapie kaum nachhaltige Wirkungen hat, konnte in einer Forschungsarbeit belegt werden, dass bei der kognitiven Verhaltenstherapie deutlich weniger Depressionsrückfälle und weniger schwere Symptome in den Jahren darauf auftraten.2 

Weitere Therapiemöglichkeiten

Neben Lichttherapie und Psychotherapie stellen moderne Antidepressiva eine effektive Behandlungsmöglichkeit dar. Sie sollten zum Einsatz kommen, wenn eine Lichttherapie oder KVT aus Zeitmangel nicht durchgeführt werden kann oder es zu keinem ausreichenden Ansprechen der Therapiemethoden kam. Für die Behandlung der saisonal affektiven Störung eignen sich vor allem antriebssteigernde Antidepressiva wie selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRIs), selektive Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SNRIs), Bupropion und Agomelatin. Eine Kombination der Pharmakotherapie mit Lichttherapie oder KVT ist sehr gut möglich.1 

Weiterhin konnte nachgewiesen werden, dass körperliche Aktivität zur Linderung der Symptome einer saisonalen Depression beitragen kann. Denn auch körperliche Aktivität kann zur Ausschüttung von Endorphinen und Serotonin führen. Insbesondere wenn eine Bewegungsintervention mit Lichttherapie kombiniert wurde, konnten sich Verbesserungen von Stimmung und Energie zeigen lassen.3

Fazit für die Praxis

Die saisonale affektive Störung gewinnt in der Forschung zunehmend an Bedeutung, doch noch immer bestehen zahlreiche Unklarheiten bezüglich der Ätiologie und Pathophysiologie. Als eigenständige Diagnose wird sie zwar im ICD-10 und ICD-11 noch nicht vorgesehen, trotzdem sollte die Erkrankung in der Diagnostik nicht übersehen werden. Betroffene sollten aufgrund des rezidivierend auftretenden Charakters der saisonalen Depression eine adäquate Therapie, bestehend zum Beispiel aus KVT und Lichttherapie erhalten und für Frühwarnzeichen sensibilisiert werden. So kann auch ein Rückfall in der  dunklen Jahreszeit frühzeitig erkannt und behandelt werden. 

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Autorin:
Sarah Boppert Ärztin
  • Quellennachweis
    1. Bartova, L., Kasper, S (2021). Chronobiologie der Depression. Psychiatria Danubina, 2021; Vol. 33, No. 3, pp 446-453. doi: https://doi.org/10.24869/psyd.2021.446  
    2. Meyerhoff, J., Young, M.A., Rohan, K.J (2019). Patterns of Depressive Symptom Remission during the Treatment of Seasonal Affective Disorder with Cognitive-Behavioral Therapy or Light Therapy. Depression and Anxiety, 35(5) 457-467. doi: 10.1002/da.22739
    3. Drew, E.M., Hanson, B.L., Huo, K (2021). Seasonal affective disorder and engagement in physical activities among adults in Alaska. International Journal of circumpolar health, 80(1): 1906058. doi: 10.1080/22423982.2021.1906058
    4. Dorsch Lexikon der Psychologie. Saisonal abhängige affektive Störung. abgerufen von: https://dorsch.hogrefe.com/stichwort/saisonal-abhaengige-affektive-stoerung (Stand: 06.01.2023)
    5. Nussbaumer-Streit, B., Forneris, C.A., Morgan, L.C., Van Noord, M.G., Gaynes, B.N., Greenblatt, A., Wipplinger, J., et al. (2019). Light therapy for preventing seasonal affective disorder. Cochrane Database of Systematic Reviews, 2019(3): CD011269. doi: 10.1002/14651858.CD011269.pub3
    6. Meesters, Y., Gordijn, M.C.M (2016). Seasonal affective disorder, winter type: current insights and treatment options. Psychology Research and Behaviour Management, 9: 317–327. doi: 10.2147/PRBM.S114906
    7. Lewy, A. J., Rough, J., Songer, J., Mishra, N., Yuhas, K. & Emens, J. S. (2007). The phase shift hypothesis for the circadian component of winter depression. Dialogues in Clinical Neuroscience, 9 (3), 291-300. 
    8. Do, A., Li, V.W., Huang, S., Michalak, E.E., Tam, E.M., Chakrabarty, T., Yatham, L.N., Lam, R.W (2022). Blue-Light Therapy for Seasonal and Non-Seasonal Depression: A Systematic Review and Meta-Analysis of Randomized Controlled Trials. The Canadian Journal of Psychiatry, 67(10): 745–754. doi: 10.1177/07067437221097903
    9. Bundesärztekammer (BÄK), Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV), Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF). Nationale Versorgungsleitlinie Unipolare Depression – Langfassung, Version 3.0. 2022. doi: 10.6101/AZQ/000493, https://www.leitlinien.de/themen/depression 
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