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Klimawandel und Psychologie: Welchen Einfluss Umweltveränderungen auf unsere Psyche haben

In diese Welt möchte ich keine Kinder setzen.” Hinter Aussagen wie dieser kann immer öfter ein Grund stecken: Der Klimawandel. Dabei können Ängste, die mit zunehmenden klimabedingten Veränderungen einhergehen, nicht nur die eigene Familien- und Zukunftsplanung maßgeblich beeinflussen, sondern auch das Verhalten im Hier und Jetzt bestimmen. Denn auch in den Protestaktionen der vorrangig jungen Generationen spiegelt sich deutlich die Angst vor den kommenden Jahrzehnten wider. Gleichzeitig zeigt sich aber auch die Entschlossenheit zur Veränderung. Wie sich der Klimawandel auf die Psyche auswirken kann und welche psychotherapeutischen Techniken in der Praxis eingesetzt werden können, erfahren Sie in diesem Artikel.

Das Wichtigste in Kürze

  • Der Klimawandel kann sich direkt und indirekt auf die Psyche auswirken.
  • Mögliche psychische Erkrankungen im Rahmen der Klimakrise sind: Posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS), Depressionen, Angststörungen und Substanzmissbrauch.
  • Neue Konzepte im Rahmen des Klimawandels sind: Solastalgie, ökologische Trauer und Klimaangst.
  • Das ständige Präsenz in den Medien macht die Umweltkrise zu einer laufenden Bedrohung.
  • Mögliche psychotherapeutische Techniken sind: Entkatastrophisieren, Coping- und Stressmanagement, Methoden der Trauerbewältigung oder Resilienztraining.

Klimawandel und Psyche: Was hat es damit auf sich?

Der Klimawandel ist heute keine in der Zukunft liegende Bedrohung mehr. Schon längst nehmen die Folgen der Klimaerwärmung in verschiedenen Teilen der Welt ein bedrohliches Ausmaß an. Auch in Europa sind die Veränderungen nicht mehr zu leugnen. Reduzierter landwirtschaftlicher Ertrag durch Hitzewellen oder Starkregen mit Überflutungen haben sich unter anderem bereits in Deutschland vermehrt gezeigt. Nach der Flutkatastrophe im Juli 2021 stieg laut einer Umfrage die Angst der Deutschen vor Umweltkatastrophen in Rekordhöhe. So berichteten 69 % der Befragten von Ängsten im Bezug auf Naturkatastrophen. Vor der Flut 2021 waren es noch 41 %. 

Die Umwelt ist für den Menschen und seine Gesundheit ein entscheidender Faktor. Dass sich Umwelteinflüsse und -veränderungen auf die körperliche Gesundheit auswirken können, ist allgemein bekannt und anerkannt. Aber auch die mentale Gesundheit kann in direkter und indirekter Form durch den Klimawandel beeinflusst werden. Sie sollte daher von der Psychologie und Medizin nicht außer Acht gelassen werden.

Welche psychischen Erkrankungen kann der Klimawandel auslösen?

Fachleute unterscheiden in der Psychologie zwischen direkt und indirekt Betroffenen des Klimawandels:

Direkt Betroffene

Direkt Betroffene sind Menschen, die zum Beispiel eine Naturkatastrophe wie einen Hurrikan oder eine Überflutung erlebt und dabei möglicherweise ihre Heimat verloren haben. Auch Menschen, die beispielsweise in der Landwirtschaft arbeiten und dort mit den Folgen des Klimawandels ihre Lebensgrundlage verlieren, können direkt betroffen sein. Diese Erlebnisse gehen oft mit Gefühlen von Hilflosigkeit, Angst und Kontrollverlust einher.

Eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) kann als Reaktion auf traumatische Erlebnisse auftreten, unter welche auch Umweltkatastrophen fallen können. In New Orleans erlitten nach Hurrikan Katrina etwa 30 % der Befragten eine PTBS. Aktuell verursachen Naturkatastrophen und Großbrände weltweit etwa 5 % aller Traumatisierungen. Mit durch den Klimawandel bedingten zunehmenden Extremwetterereignissen ist anzunehmen, dass auch die Anzahl der Menschen mit PTBS steigen wird.

Indirekt Betroffene

Auch bereits die Sorge um tatsächliche oder potenzielle Auswirkungen des Klimawandels kann zu Stress führen. Dieser kann sich im Laufe der Zeit summieren und schließlich zu anhaltenden emotionalen und psychischen Problemen führen. Betroffene finden sich unter anderem in der jüngeren Generation, die sich zum Beispiel in Klimabewegungen wie Fridays for Future einsetzt.

Der Klimawandel bringt für viele Menschen ein dauerhaftes Gefühl der Unkontrollierbarkeit und Hilflosigkeit mit sich. Diese Gefühle können mit der Zeit zu stressbedingten Erkrankungen wie Depressionen, Burnout, Angststörungen oder Substanzmissbrauch münden. Auch das Erleben eines Extremwetterereignisses oder der Verlust eines nahestehenden Menschen durch ein solches kann ein Prädiktor für die Entwicklung dieser Erkrankungen sein.

Solastalgie, Ökotrauer und Klimaangst als neue Konzepte

Eine psychische Belastung durch den Klimawandel muss sich nicht zwangsläufig in einer diagnostizierbaren psychischen Störung manifestieren. In der Psychologie kursieren bereits eine Reihe neu entstandener Konzepte, die darauf abzielen, die Auswirkungen des Klimawandels auf die Psyche und das Wohlbefinden zu beschreiben. Die drei häufigsten Konzepte wollen wir hier kurz erläutern:

Solastalgie

Eine vertraute Umgebung kann Menschen Beständigkeit und Sicherheit vermitteln. Diese Umgebung kann durch den Klimawandel aber gefährdet sein oder sich verändern. Fühlen sich Menschen der Veränderung gegenüber machtlos, kann dies zu Stress und einer Art Heimweh führen, obwohl Betroffene noch am Heimatort leben. Dieses durch den Klimawandel verursachte Verlustgefühl, welche das eigene Identitäts-, Kontroll- und Zugehörigkeitsgefühl bedroht, wird in der Psychologie als Solastalgie bezeichnet.

Ökologische Trauer

Dieses Konzept beschreibt die Trauer, die im Zusammenhang mit erlebten und erwarteten ökologischen Verlusten empfunden werden kann. Dazu zählt unter anderem der Verlust von biologischen Arten, Ökosystemen und bedeutungsvollen Landschaften aufgrund akuter oder fortschreitender Umweltveränderungen.

Klimaangst

Klimaangst oder Öko-Angst bezeichnet die Angst, die sich in Anbetracht des Ausmaßes, der Komplexität und der Realität einer sich vom Klimawandel bedingt verändernden und unsicheren Umwelt ergeben kann. Dazu zählen Ängste vor all dem, was durch den Klimawandel passieren könnte. Beispiele sind die Angst vor möglichen Umweltkatastrophen, die Sorge um die eigenen Kinder und Enkelkinder und auch die existenzielle Frage, ob der Klimawandel das Ende der Menschheit einläutet.

Der Klimawandel als chronischer Stressor

Der Klimawandel als akute Bedrohung kann gut nachvollziehbar aus dem Erleben eines schwerwiegenden Umweltereignisses resultieren, welches einen großen Einfluss auf die psychische Integrität haben kann. Die Klimakrise kann jedoch auch ein chronischer Stressor sein. Er ist kontinuierlich vorhanden, jedoch in seiner Auswirkung nur schwer vorhersehbar und greifbar. Die Belastung ergibt sich bei den meisten Menschen deshalb vor allem aus der Dauerpräsenz in den Medien. Diese kann dazu führen, dass die Bedrohung ständig latent vorhanden ist, ohne dass sich in der Regel die Möglichkeit auf ein Entrinnen zeigt. 

Dabei kann die andauernde Konfrontation mit dem Thema besonders bei jungen Menschen mit hohem Umweltbewusstsein negative Folgen wie Besorgnis, Ängste und Stress hervorrufen. Im Hinblick auf die Risikowahrnehmung dieser unbestimmten, andauernden Bedrohung zeigt der Klimawandel aus der Perspektive der Psychologie gewisse Gemeinsamkeiten mit anderen Risikodomänen wie atomare Bedrohungen oder Terrorismus. Dies macht das Spannungsfeld deutlich, in dem wir uns befinden. Es ist notwendig, über den Klimawandel zu sprechen, um eine nachhaltige Veränderung anzustoßen. Gleichzeitig ist es jedoch entscheidend, auch aktiv zu vermitteln, was die Gesellschaft und jede Einzelperson beitragen kann, um bei der Bevölkerung kein Gefühl der Ohnmacht zu erzeugen.  

Einzug des Klimawandels in Psychologie und Forschung

Im Rahmen von Psychotherapie wird es zunehmend erforderlich, psychische Erkrankungen wie Angststörungen, Depressionen oder PTBS auch in Verbindung mit dem Klimawandel zu sehen. Als psychotherapeutische Techniken eignen sich in diesem Bezug zum Beispiel Entkatastrophisieren, die Vermittlung von Coping- und Stressmanagement, Methoden der Trauerbewältigung oder ein Resilienztraining. Der Klimawandel als Stressor weist die Besonderheit auf, dass er die gesamte Menschheit betrifft und sein Ende nicht absehbar ist, wie es meist bei individuellen Stressoren wie zum Beispiel Trennungen oder einem Jobverlust der Fall ist. Daher wird es in Zukunft erforderlich sein, bewährte psychotherapeutische Ansätze und Verfahren entsprechend zu adaptieren und neue Techniken zu entwickeln.

Die Deutsche Psychotherapeuten Vereinigung (DPtV) hat im Januar 2021 eine Klima-AG gegründet, welche daran arbeitet, nachhaltige Lösungen für den psychotherapeutischen Arbeitsalltag im Rahmen der Klimakrise zu finden. Auch die „Psychologists for Future / Psychotherapists for Future“ (Psy4F) möchten mit ihrem Fachwissen einen positiven Einfluss auf den Umgang mit der Klimakrise nehmen. Dahinter verbergen sich Psychologinnen und Psychologen sowie Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten, die einerseits Aufklärungsarbeit zur Förderung einer nachhaltigen Zukunft leisten und andererseits Unterstützung für Menschen bieten wollen, die psychische Folgen wie Burnout oder Depressionen durch die Folgen des Klimawandels erlitten haben.

Haben Sie Patientinnen und Patienten, die von psychischem Stress im Rahmen der Klimakrise betroffen sind? Dann können Sie Betroffenen eine erste Hilfe anbieten und ihnen das psychologische Online-Therapieprogramm HelloBetter Stress und Burnout verordnen. Hier lernen Betroffene Strategien aus der kognitiven Verhaltenstherapie kennen, welche die Stressbeanspruchung nachhaltig reduzieren und einen hilfreichen Umgang mit stressbedingten Belastungen steigern können.

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Autorin:
Sarah Boppert Ärztin
  • Quellennachweis
    1. Psychology & Global Climate Change addressing a multifaceted phenomenon and set of challenges, A Report of the American Psychological Association. Abgerufen von: https://www.apa.org/science/about/publications/climate-change-booklet.pdf
    2. Galway, L., Beery, T., Jones-Casey, K., Tasala, K (2019). Mapping the Solastalgia Literature: A Scoping Review Study. International Journal of Environmental REsearch and Public Health, Volume 16, Issue 15. doi: 10.3390/ijerph16152662
    3. Bunz, M., Mücke, H (2017). Klimawandel – physische und psychische Folgen. Bundesgesundheitsblatt, Ausgabe 60, Seite 632-639. doi: 10.1007/s00103-017-2548-3
    4. Umfrage der R+V-Versicherung: Die Ängste der Deutschen 2021. Abgerufen von: https://www.ruv.de/newsroom/themenspezial-die-aengste-der-deutschen/grafiken-zahlen-ueberblick
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