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Psychotherapie per Kosten­erstattung: Wie funktioniert’s?

Psychotherapie gehört in Deutschland zu den Kassenleistungen der gesetzlichen Krankenversicherungen, die deren Kosten in der Regel vollständig übernehmen. Die Anzahl der dafür von den Krankenkasse zugelassenen Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten ist jedoch begrenzt und die Wartezeiten auf einen Therapieplatz oft monatelang. Auch wenn die Antwort auf die Frage „Wie finde ich einen Psychotherapieplatz?” also klar ist, fällt die Umsetzung oft schwer. Aber es gibt noch eine andere Möglichkeit. In solchen Fällen können gesetzlich Versicherte nämlich den Weg in die psycho­therapeutische Privat­praxis gehen und sich die Behandlungs­kosten von ihrer Kasse erstatten lassen. Doch was steckt hinter diesem Kosten­erstattungs­verfahren und wie funktioniert es? Wir geben Antworten und Tipps für die Antrags­tellung. 

Was ist das Kostenerstattungsverfahren?

Gesetzliche Krankenversicherungen müssen für ihre Versicherten grundsätzlich eine bedarfsgerechte, flächendeckende, zeit- und wohnortnahe Versorgung sicherstellen. Dazu zählt auch die Psychotherapie. Aufgrund gravierender Versorgungs­engpässe kommt es jedoch immer wieder dazu, dass trotz umfangreicher Suche kein Platz bei einem Psychotherapeuten oder einer Psychotherapeutin mit Kassen­zulassung zu finden ist oder dieser mit einer unzumutbar langen Wartezeit einhergeht. Unzumutbar gilt dabei in der Regel eine Wartezeit von mehr als 3 Monaten. Die gesetzlichen Kranken­versicherungen können ihren Versorgungs­auftrag also nicht erfüllen – Fachleute sprechen von einem Systemversagen.

Mit einer Kassenzulassung können Psychotherapeuten die Therapie­kosten über die gesetzlichen Krankenkassen abrechnen. Die Anzahl der Kassen­­zulassungen ist in Deutschland jedoch begrenzt. Viele Psycho­­thera­pe­uten haben also eine abgeschlossene Ausbildung und eine Behandlungs­erlaubnis (Approbation), arbeiten jedoch beispielsweise in einer Privatpraxis, da sie über keine Kassen­­zulassung verfügen.

Bei einem solchen Systemversagen können sich gesetzlich Versicherte laut § 13 Absatz 3 Fünftes Sozialgesetzbuch (SGB V) die benötigte Psychotherapie selbst beschaffen und sich in einer psycho­therape­utischen Privat­praxis behandeln lassen – also bei einem Psycho­thera­peuten oder einer Psycho­thera­peutin ohne Kassen­zulassung. Die Kosten hierfür können sich Betroffene dann von ihrer jeweiligen Kranken­versicherung erstatten zu lassen.

Übrigens übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen prinzipiell keine Kosten, wenn Psychotherapie bei allgemeinen Lebensproblemen zum Einsatz kommt (z. B. bei Paar- oder Erziehungsberatung). Dasselbe gilt, wenn sie der Persönlichkeits- oder beruflichen Entwicklung dient. Ebenfalls nicht übernommen werden psycho­thera­peutische Behandlungen von Heil­praktiker­innen und Heil­praktikern.

Wie funktioniert die Kostenerstattung für Psychotherapie? 

Die folgenden Tipps sind eine gute Grundlage und können dir bei deinem Antrag auf Kosten­erstattung der Psychotherapie helfen. Bislang gibt es jedoch keine klaren gesetzlichen Regelungen zum Kosten­erstattungs­verfahren und auch das Antrags­verfahren ist nicht einheitlich geregelt. Deshalb direkt der erste Hinweis: 

1Informiere dich bei deiner Krankenkasse nach deren individuellen Vorgaben

Das gilt übrigens nicht nur für die einzureichenden Unterlagen und die Anzahl der erhaltenen Absagen, sondern beispielsweise auch dafür, bis zu welcher Entfernung deine Krankenkasse eine Psychotherapie noch als wohnortnah und damit zumutbar einstuft. Auch hierfür gibt es nämlich keine klaren gesetzlichen Regelungen. 

💡 Wichtig zu wissen: Die Psychotherapie, die gesetzlich Versicherte über das Kosten­erstattungs­verfahren in einer Privatpraxis erhalten, ist identisch zu der, die über eine Kassen­zulassung erfolgt. Die behandelnden psychologischen Psycho­thera­peutinnen und Psycho­thera­peuten verfügen also über die gleiche Qualifikation und bieten die gleichen Behandlungs­methoden an.

2Psychotherapeutische Sprechstunde vereinbaren

Gesetzlich Versicherte müssen vor Therapiebeginn eine 50-minütige psychotherapeutische Sprechstunde aufsuchen – auch bei der Kosten­erstattung. In dieser füllt die Psychotherapeutin ein Formular aus (PTV-11), in dem deine psychischen Beschwerden eingeschätzt und eine Behandlungs­empfehlung gegeben wird. Zudem kann vermerkt werden, welche maximale Wartezeit ganz konkret als zumutbar angesehen wird. Das PTV-11-Formular legst du deinem Antrag auf Kosten­erstattung bei und kannst somit eine Psychotherapie als für dich notwendige, unaufschiebbare und dringliche Leistung nachweisen.

Jede Psychotherapiepraxis mit Kassenzulassung bietet eine psychotherapeutische Sprechstunde an. Und zwar unabhängig davon, ob dort auch die eigentliche Behandlung stattfindet. Die dadurch entstehenden Kosten werden in jedem Fall von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen. Erstgespräche in Privatpraxen sind unter Umständen nicht kostenfrei. Informiere dich am besten vorab.

3Systemversagen nachweisen

Grundlage für das Kosten­erstattungs­verfahren ist der Nachweis, dass du trotz angemessener Bemühungen keinen zeit- und wohnortnahen Therapieplatz bei einem von den gesetzlichen Krankenkassen zugelassenen Psychotherapeuten oder einer zugelassenen Psychotherapeutin finden konntest. Alle unternommenen Kontaktversuche und Absagen solltest du deshalb protokollieren (Name der Ansprechperson, Datum, Uhrzeit, frühestmöglicher Therapiebeginn). Laut Bundes­psychotherapeuten­kammer kannst du dich in der Regel nach etwa 3-5 Absagen an eine Privatpraxis wenden. 

Im Rahmen des Kosten­erstattungs­verfahrens fordern immer mehr gesetzliche Kranken­versicherungen, dass der Patientenservice 116117 der Kassenärztlichen Vereinigung zur Terminvermittlung kontaktiert wurde und wiederholt (etwa 5 Mal) keinen Therapieplatz unter angemessenen Bedingungen vermitteln konnte. Lasse dir auch hierüber einen Nachweis vom Patientenservice ausstellen. 

4Privatpraxis kontaktieren

Sobald du eine psychotherapeutische Privatpraxis gefunden hast, in der du zeitnah eine Therapie beginnen kannst, solltest du dir auch das vonseiten der Praxis vor Behandlungs­beginn bescheinigen lassen. Entscheidend ist, dass der Psychotherapeut oder die Psychotherapeutin über eine Approbation in einem Richt­linien­verfahren verfügt. Das heißt, er oder sie hat eine staatliche Behandlungs­erlaubnis für die Therapieformen kognitive Verhaltens­therapie, Psychoanalyse, tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie oder systemische Therapie. Erfrage das am besten vorab oder informiere dich im Internet.

5Antrag auf Kostenerstattung der Psychotherapie stellen

Schließlich musst du bei deiner gesetzlichen Krankenkasse schriftlich einen „Antrag auf Psycho­therapie und Kosten­erstattung nach § 13 Absatz 3 SGB V” stellen. In diesem teilst du unter anderem mit, dass du mehrfach vergeblich versucht hast, einen zeit- und wohnortnahen Therapie­platz bei einem Psycho­therapeuten oder einer Psycho­therapeutin mit Kassen­zulassung zu bekommen. Zudem nennst du deiner Kranken­kasse eine Frist, innerhalb derer sie dir einen passenden Psycho­therapie­platz vermitteln sollen (z. B. eine Woche). Vordrucke hierfür findest du im Internet sowie über die Bundespsychotherapeutenkammer. Diesem Antrag legst du die oben besprochenen Anlagen bei: 

  1. PTV-11-Formular aus der psychotherapeutischen Sprechstunde
  2. Protokoll der unternommenen Kontaktversuche und Absagen 
  3. ggf. Nachweis des Patientenservice der Kassenärztlichen Vereinigung 
  4. Zusage der Privatpraxis über den kurzfristigen Therapiebeginn 

Der Antrag auf Kostenerstattung muss immer von dir selbst und vor Behandlungsbeginn gestellt werden. Alle Kosten, die vor der Entscheidung der Krankenkasse entstanden sind, werden nicht übernommen. 

Und was dann? 

Spätestens 3 Wochen, nachdem der Antrag bei deiner gesetzlichen Kranken­kasse eingegangen ist, muss diese über die Kosten­erstattung entscheiden. Läuft die Frist ohne schriftliche Stellung­nahme deiner Krankenversicherung ab, gilt der Kosten­erstattungs­antrag als bewilligt. Wichtig ist dabei: Die Kranken­kassen dürfen die zu erstattenden Therapie­kosten eigentlich nicht beschränken. Trotzdem kommt es oft vor, dass nur die Kosten erstattet werden, die ein zugelassener Psycho­therapeut bekommen würde. Falls die tatsächlichen Behandlungs­kosten aber diesen Satz übersteigen und nicht erstattet werden, braucht es eine Erklärung deines behandelnden Psycho­therapeuten. Ansonsten hast du einen Schadens­ersatz­anspruch und dein Therapeut darf die Mehrkosten nicht mehr in Rechnung stellen. 

Kostenerstattung abgelehnt: Widerspruch einlegen 

Es ist leider keine Seltenheit, dass dein Antrag auf Kostenerstattung trotz klarem Systemversagen der gesetzlichen Krankenkasse abgelehnt wird. Und zwar ohne, dass eine Behandlungs­alternative bei einem Psycho­therapeuten oder einer Psycho­therapeutin mit Kassen­zulassung ermöglicht wird. In diesem Fall lohnt es sich, Widerspruch einzulegen. Auch hierfür finden sich Vordrucke im Internet sowie über die Bundespsychotherapeutenkammer

Auf unserem Blog geben wir dir zudem Antworten auf die Fragen „Brauche ich eine Therapie?” und „Wie läuft eine Psychotherapie ab?”. Darüber hinaus bieten wir von HelloBetter wissenschaftlich geprüfte, psychologische Online-Kurse zur Unterstützung bei vielen psychischen Beschwerden. Auch diese können dir helfen, die Wartezeit bis zu einem Therapieplatz zu überbrücken und deine Lebensqualität zu steigern. 

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