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Perfektionismus – Wenn alles perfekt sein muss

Ob im Job, der Beziehung oder beim Sport, manche Menschen wollen immer alles perfekt machen. Doch ist das überhaupt möglich? In diesem Artikel widmen wir uns dem Perfektionismus: Dem Drang, dass alles perfekt sein muss.

Was ist Perfektionismus?

Es gibt keine allgemeingültige Definition des Perfektionismus, da dieser in den unterschiedlichsten Formen und Ausprägungen auftreten kann. Was diese Ausprägungen jedoch gemeinsam haben können, sind vor allem zwei verschiedene Aspekte, in denen sich der Perfektionismus wiederfindet:

1Streben nach Vollkommenheit

Das Streben nach Vollkommenheit beschreibt die perfektionistische Einstellung, immer das Beste zu geben. „Schneller”, „Besser”, „Höher”. Gerade im Bereich der individuellen Leistungen, wo Erfolge und Misserfolge besonders sichtbar sind, wie Sport, Arbeit oder anderen persönlichen Herausforderungen spielt diese Dimension eine wichtige Rolle. 

2Perfektionistische Besorgnis

Menschen, die perfektionistische Besorgnis erleben, zweifeln an ihren eigenen Leistungen, reagieren übersensibel auf ihre Fehler und haben Angst, von anderen negativ bewertet zu werden. Das geht oft einher mit der übertriebenen Bemühung, Fehler zu vermeiden.
Sie fühlen sich „nicht gut genug“ und versuchen als Ausgleich, alles perfekt zu machen. Dabei werden sie begleitet von Sorgen, Selbstzweifeln und Grübeln: „Habe ich das auch wirklich richtig gemacht?”, „Fehlt da nicht noch was?”, „Habe ich an alles gedacht?”, „Das ist noch nicht gut genug”, „Das geht noch besser!”. So kann aus einem zunächst überwindbaren Hügel an Arbeit schnell ein riesiger Berg entstehen, der erklommen werden soll.

Darf ich also nicht mehr nach Perfektion streben? 

Diese Frage können wir für dich nicht beantworten. Wenn du weiterhin nach Perfektion streben willst, dann darfst du das tun. Manchmal können hohe Ansprüche, Ziele und Standards ja sogar motivierend sein. Das Problematische am Perfektionismus ist aber, dass diese Ansprüche meist unerreichbar hoch gesteckt werden und auf lange Sicht oft genau das Gegenteil bewirken. Ausgebranntsein und Frustration statt Zielerreichung.  So versuchen Perfektionisten stets 110 Prozent Einsatz zu geben, da sie auf einer übertriebenen Suche nach Vollkommenheit und Perfektion sind. Zeitgleich haben sie aber Angst, Fehler zu machen oder sie bewerten ihre Leistungen als nicht ausreichend. Diese Kombination aus Streben nach Vollkommenheit und perfektionistischer Besorgnis kann den Perfektionismus zur richtigen Belastung werden lassen.

Als gesunden Perfektionismus bezeichnet man übrigens die Kombination aus dem Streben nach Vollkommenheit mit einer gering ausgeprägten perfektionistischen Besorgnis, da das Streben nach hohen Zielen nicht im Zwiespalt mit der übertriebenen Angst vor möglichen Fehler steht.

Perfektionismus: eine Typ-Sache?

Prof. Rainer Sachse, Diplompsychologe und Leiter des Instituts für Psychologische Psychotherapie in Bochum, hat Folgendes zu Perfektionismus gesagt: 

Zitat: „Zum Perfektionismus neigen sowohl Menschen mit narzisstischen Zügen, etwa Workaholics, als auch Menschen mit zwanghaften Tendenzen, wobei sich ihr Perfektionismus auf unterschiedliche Weise zeigt.“ 

Perfektionismus und Narzissmus

Unter einem Menschen mit narzisstischen Persönlichkeitszügen versteht man einen jemanden, der sich durch ein selbstverliebtes oder extrem selbstsicheres Auftreten präsentiert. Diese Menschen haben ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Aufmerksamkeit, Anerkennung und Bewunderung. Menschen mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung haben Schwierigkeiten damit, Kritik und Misserfolge anzunehmen. 

Bei Menschen mit narzisstischen Zügen und dem damit einhergehenden Streben nach Anerkennung, kommt ihr Perfektionismus vor allem im Arbeitskontext zum Vorschein. Sie arbeiten sehr hart, sehr viel und zeichnen sich durch ihre Art aus, alles perfekt machen zu wollen. Doch hier greift vor allem die erste Dimension des Perfektionismus „Streben nach Vollkommenheit”. Perfektionistisch orientierte Menschen mit narzisstischen Zügen geben sich mit ihren erreichten Erfolgen nicht zufrieden. Sie wollen mehr Aufmerksamkeit oder noch einen Tick besser sein und nehmen somit direkt das nächste Projekt in Angriff. Anerkennung sind für sie treibende Faktoren.   

Perfektionismus und der Zwang

Menschen mit zwanghaften Persönlichkeitszügen halten sich starr an bestimmte Regeln und Verhaltensabläufe (Anordnung von Gegenständen, Sauberkeit, Regeln). Sie haben Schwierigkeiten damit, sich an Gewohnheiten ihrer Mitmenschen anzupassen und tendieren eher dazu, Dinge nach ihren eigenen Vorstellungen zu machen. Menschen mit zwanghaften Persönlichkeitszügen sind eher ordentlich und bedacht, haben aber auch so hohe Ansprüche an sich selbst, die sie in der Regel kaum erreichen können. Ihr Anspruch an Perfektionismus äußert sich dadurch, dass sie alles möglichst korrekt machen möchten. Sie handeln streng nach Normen und Regeln, um möglichst keine Fehler zu begehen.   

Ist Perfektionismus also von der eigenen Persönlichkeit abhängig und nur bei Menschen anzutreffen, die entweder eine narzisstische oder zwanghafte Persönlichkeitszüge haben? 

Die eigene Persönlichkeit, Werte und Vorstellungen können eine wichtige Rolle dabei einnehmen, ob man perfektionistisch ist oder nicht. Sie ist jedoch nicht allesentscheidend.   

Entstehung und Ursachen

Perfektionismus ist nicht angeboren, sondern entwickelt sich meist schon in der Kindheit über individuelle Lernerfahrungen und die damit verbundene Sehnsucht nach Anerkennung. Perfektionisten verbinden Leistungen mit Anerkennung und Wertschätzung, Fehler beziehen sie fast ausschließlich auf ihr fehlendes Können oder Wissen. 

Ein Beispiel wie die Erziehung einen Perfektionismus entstehen lassen kann: 

Kinder können durch Bestrafung oder Ablehnung lernen, sich strikt an Regeln und Normen zu halten. Dieses, aus einer Angst vor Bestrafung, gelernte Verhalten sich genau an Regeln und Vorgaben zu halten, kann sich später im Erwachsenenleben, in einer übertriebenen Genauigkeit wiederfinden. Aber auch in einer perfektionistischen, fehlerfreien Arbeitsweise. 

Perfektionismus ablegen

„Viele Wege führen nach Rom”. Diese Redewendung kann auch im Kontext des Perfektionismus wiedergefunden werden, da sie sinngemäß die unterschiedlichsten Lösungswege beschreibt. Um den Perfektionismus ablegen zu können gibt es also nicht die eine perfekte Lösung.   

Aber wie lerne ich das? Einfach loslassen? Einfacher gesagt als getan, für jemanden, der alles möglichst genau und perfekt machen möchte. 

Eine Möglichkeit, die dabei unterstützen kann, den Perfektionismus abzulegen, kann der Lernprozess sein, dass Perfektion nicht erreichbar ist. Stattdessen gilt es zu lernen, Fehler und Unvollkommenheiten auszuhalten, um mehr Handlungsspielraum zu bekommen. Frage dich dabei: Was ist mir die Perfektion wert? Stelle dazu eine Kosten-Nutzen-Analyse auf und notiere, was du alles dafür in Kauf nehmen musst, diese zu erreichen. 

Zum Beispiel: Du erwartest Besuch. Statt die Wohnung perfekt sauber zu wischen, könntest du stattdessen versuchen, sie nur durchzusaugen. 

Kurz vor Schluss die restliche Arbeit, die auch am nächsten Tag erledigt werden kann, ruhen zu lassen und stattdessen den Feierabend genießen. Auch hier gilt wieder:

Es ist ein Lernprozess, der nicht von heute auf morgen gelingt. Kleine Schritte können jedoch hilfreicher sein als große Sprünge, da sie dir stetig Erfolge aufzeigen und dich somit motivieren, weiter am Ball zu bleiben.

Jede Reise beginnt mit einem ersten Schritt. Wir wünschen dir viel Erfolg dabei. 

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