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Wie Psychotherapie das Gehirn verändert

Mit der Weiterentwicklung technischer Möglichkeiten im Bereich der Hirnforschung konnte der Zusammenhang zwischen psychischen Erkrankungen und neuronalen Auffälligkeiten im Gehirn bereits vielfach belegt werden. Und auch die Erkenntnisse über neuronale Effekte von Psychotherapie häufen sich in den letzten Jahren zunehmend. Erfahren Sie in diesem Artikel, auf welche Art und Weise sich Psychotherapie auf das Gehirn auswirkt und welchen Mehrwert diese neuen Erkenntnisse für die Behandlung von psychischen Erkrankungen versprechen.

Das Wichtigste in Kürze:

  • Psychotherapeutische Interventionen wirken sich auf die neuronale Struktur und Funktionsweise des Gehirns aus
  • Zu den Wirkweisen zählen: die Normalisierung anormaler Aktivitätsmuster, die Rekrutierung zusätzlicher Gehirnareale, die vor der Behandlung keine anormale Aktivität aufwiesen, sowie eine Kombination aus den beiden vorangegangenen Wirkweisen
  • Ob eine psychotherapeutische oder eine pharmakologische Behandlung im Einzelfall die bessere Prognose versprechen, entscheiden Sie als behandelnde Ärztinnen und Psychotherapeuten
  • Ein besseres Verständnis für die neuronale Grundlage psychischer Erkrankungen und psychotherapeutischer Interventionen kann perspektivisch dazu beitragen, dass Behandlungen besser an die individuellen Bedürfnisse von Patientinnen und Patienten angepasst werden

Der Sitz der Seele im Körper

»Ich habe so viele Leichen seziert und noch nie eine Seele gefunden.«

Rudolf Virchow (1821 – 1902), deutscher Arzt, Begründer der Zellularpathologie

Darüber, was die Seele ist und wo sie im Körper zu finden ist, zerbrechen sich Menschen seit jeher den Kopf. Der technologische Fortschritt, insbesondere im Bereich der bildgebenden Verfahren (z. B. funktionelle Magnetresonanztomografie und Positronen-Emissions-Tomografie), ermöglicht erstmals den Blick in das Innere des menschlichen Körpers. Wenn Neurowissenschaftlerinnen und Neurowissenschaftler heutzutage von der Seele sprechen, meinen sie daher weniger eine Art gegenstandslosen Geist als vielmehr mentale Prozesse wie Denken und Fühlen, die mit bildgebenden Verfahren beobachtbar sind und einzelnen Hirnarealen zugeordnet werden können. Mit dem Wissen, dass psychische Prozesse im Gehirn physisch lokalisierbar sind, stellt sich die Frage nach dem Einfluss neuronaler Prozesse auf die Entstehung und Aufrechterhaltung psychischer Erkrankungen und umgekehrt.

Auswirkungen von Psychotherapie auf das Gehirn

Dass sich Lernprozesse auf die strukturelle und funktionelle Beschaffenheit des Gehirns auswirken, ist bereits ausreichend untersucht worden. In einer der wohl bekanntesten Studien zu diesem Thema untersuchten Maguire und Kollegen strukturelle Veränderungen im Hippocampus Londoner Taxifahrer. Nicht nur zeigte sich bei den Taxifahrern ein größeres Hippocampusvolumen im Vergleich zu nicht taxifahrenden Kontrollpersonen. Auch korrelierte die Länge der Tätigkeit als Taxifahrer positiv mit der Größe des rechten hinteren Hippocampus. Macguire und Kollegen schlossen daraus, dass sich die Navigationsexpertise (also die beruflich bedingte Lernerfahrung) der Taxifahrer in der strukturellen Veränderung einer für die räumliche Orientierung relevanten Hirnstruktur zeigte. 

Ein weiteres zentrales Konzept zur Beschreibung der neuronalen Veränderbarkeit (auch: Plastizität) wird durch den Prozess der Langzeitpotenzierung beschrieben. Vereinfacht gesagt lässt sich unter Langzeitpotenzierung das Wachstum neuer beziehungsweise die Verstärkung bereits bestehender synaptischer Verbindungen durch wiederholtes Lernen verstehen. 

Wenn wir nun davon ausgehen, dass der psychotherapeutische Prozess ein Lernen bzw. Umlernen maladaptiver Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen anstrebt, dann sollten sich auch hier Veränderungen in der neuronalen Struktur und Funktionsweise zeigen. Barsaglini, Sartori, Benetti, Pettersson-Yeo & Mechelli unterscheiden diesbezüglich zwischen den folgenden drei Hauptwirkweisen von Psychotherapie auf das Gehirn:

1Normalisierung der anormalen Aktivitätsmuster

Eine mögliche Wirkweise von Psychotherapie besteht darin, strukturelle oder funktionelle Anomalien, die mit einer bestimmten Psychopathologie vor der Therapie verbunden sind, rückgängig zu machen. Oder anders gesagt: Psychotherapie kann die Struktur und Funktion des Gehirns „normalisieren”. 

2Rekrutierung zusätzlicher Bereiche, die vor der Behandlung keine anormale Aktivierung aufwiesen

Eine weitere mögliche Wirkweise von Psychotherapie auf das Gehirn ist die Rekrutierung zusätzlicher Hirnareale, die vor der Behandlung keine strukturellen oder funktionellen Anomalien aufgewiesen haben. Das heißt, es werden unbeteiligte Hirnareale aktiviert, um für die anormalen Aktivitätsmuster in anderen Bereichen des Gehirns zu kompensieren. 

3Eine Kombination aus 1 und 2

Auch die Kombination aus beiden Wirkweisen ist möglich, das heißt die Neutralisierung anormaler Aktivität zum einen sowie die zusätzliche Rekrutierung weiterer Hirnareale zum anderen.

Wirkweise von Psychotherapie in Abhängigkeit vom Krankheitsbild

Auf welche dieser drei Art und Weisen sich Psychotherapie auf das Gehirn auswirkt, ist dabei abhängig vom jeweiligen Krankheitsbild. So kamen die Autorinnen und Autoren zu dem Schluss, dass sich Psychotherapie bei von Zwangsstörungen, Depressionen und Schizophrenie Betroffenen vor allem in einer Normalisierung der anormalen Aktivitätsmuster zeigt. Im Fall der Zwangsstörung bedeutet dies zum Beispiel eine Verringerung des Stoffwechsels im orbitofrontalen Kortex und dem Kopf des Nucleus Caudatus. 

Anders ist dies bei Betroffenen einer Posttraumatischen Belastungsstörung. Bei diesem Krankheitsbild wirkt sich Psychotherapie weniger in Form von der Normalisierung anormaler Aktivitätsmuster in den betroffenen Bereichen (vor allem frontaler Kortex und Amygdala) aus. Vielmehr werden zusätzliche Bereiche (vor allem in frontalen und temporalen Regionen) rekrutiert, die vor der Behandlung keine anormale Aktivierung aufwiesen. 

Ein Beispiel für die Kombination aus diesen beiden Wirkweisen psychotherapeutischer Interventionen stellt das Krankheitsbild der spezifischen Phobien dar. Hier funktioniert der Genesungsmechanismus entweder über die Normalisierung limbischer und präfrontaler Regionen oder durch eine Reorganisation im medialen orbitfrontalen Cortex (OFC).

Psychotherapie oder Psychopharmaka? 

In vielen Fällen lassen sich psychische Erkrankungen sowohl durch psychotherapeutische Intervention als auch durch pharmakologische Ansätze behandeln. Beide Behandlungsformen zeigen nachweislich auch Therapieeffekte auf neuronaler Ebene. Ein entscheidender Unterschied liegt in der Tatsache, dass sich die Effekte einer psychotherapeutischen Behandlung oft weniger unmittelbar zeigen als die einer pharmakologischen Behandlung. Dafür gelten sie in vielen Fällen als nachhaltiger und mit weniger Nebenwirkungen verbunden. In der klinischen Praxis liegt es an Ihnen als behandelnde Ärztinnen und Psychotherapeuten zu entscheiden, welche Art der Behandlung im Einzelfall die beste Prognose verspricht. Faktoren wie die gegenwärtige Verfassung der Patientin oder des Patienten, die Bereitschaft zu der jeweiligen Behandlungsmethode und mögliche Nebenwirkungen können dabei von größerer Bedeutung sein als die explizite neuronale Wirkweise.

Fazit

Perspektivisch kann ein besseres Verständnis für die genauen Auswirkungen von Psychotherapie auf das Gehirn dazu beitragen, die Behandlung psychischer Erkrankungen individueller auf die Bedürfnisse der Patientinnen und Patienten abzustimmen.

Dies kann dadurch geschehen, dass wir – im Sinne der Grundlagenforschung – die neurobiologischen Prozesse psychischer Erkrankungen und psychotherapeutischer Interventionen noch genauer verstehen. Aber auch, indem maladaptive neurobiologische Prozesse und psychotherapeutische Interventionen – im Sinne der personalisierten Psychotherapie – aufeinander abgestimmt werden. Eine erweiterte Diagnostik auf neuronaler Ebene bietet so perspektivisch die Chance, therapeutische Ansätze genau an den Funktionen und Strukturen auszurichten, die durch die psychische Erkrankung verändert sind. Während diese Behandlungsansätze derzeit noch Zukunftsmusik sind, zeigen erste vielversprechende Studien, dass Patientinnen und Patienten durchaus von einer neurobiologisch begründeten Individualisierung profitieren. 

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Autorin:
Anna Unger-Nübel Psychologin
  • Quellennachweis
    1. Barsaglini, A., Sartori, G., Benetti, S., Pettersson-Yeo, W., & Mechelli, A. (2014). The effects of psychotherapy on brain function: A systematic and critical review. Progress in neurobiology, 114, 1-14.
    2. Passiatore, R., Antonucci, L. A., Bierstedt, S., Saranathan, M., Bertolino, A., Suchan, B., & Pergola, G. (2021). How recent learning shapes the brain: Memory-dependent functional reconfiguration of brain circuits. NeuroImage, 245, 118636.
    3. Maguire, E. A., Gadian, D. G., Johnsrude, I. S., Good, C. D., Ashburner, J., Frackowiak, R. S., & Frith, C. D. (2000). Navigation-related structural change in the hippocampi of taxi drivers. Proceedings of the National Academy of Sciences, 97(8), 4398-4403.
    4. Siegelbaum, S. A., & Kandel, E. R. (2013). Prefrontal cortex, hippocampus, and the biology of explicit memory storage. Principles of neural science, 5, 1499-501.
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