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Impostor-Syndrom: Von der Angst, ein Hochstapler zu sein

Die meisten werden es wahrscheinlich kennen: Es steht eine wichtige Aufgabe oder neue Herausforderung an und schon melden sich innere Zweifel, Ängste und Unsicherheit: „Werde ich das schaffen?“. Das ist erstmal ganz normal. Menschen, die unter dem Impostor-Syndrom leiden, sehen diese Angst jedoch als klares Zeichen für ihre eigene Unfähigkeit. Und zwar ganz unbegründet. Ihre Überzeugung ist: „Wenn ich gut genug wäre, dann hätte ich keine Angst“. Wir zeigen dir, was hinter diesem Phänomen steckt und was du dagegen tun kannst.

Der englische Begriff Impostor steht für Betrüger, Schwindler, Hochstapler. Daher auch die deutsche Bezeichnung Hochstapler-Syndrom.

Was ist das Impostor-Syndrom?

Im Kern des Hochstapler-Syndroms stehen massive Selbstzweifel und die Überzeugung, nicht gut genug zu sein. Trotz eindeutiger Erfolge und Lob, glauben Betroffene, dass sie das alles unverdient, nur durch Glück oder aus Versehen erreicht haben. Also nicht durch ihre eigenen Fähigkeiten. Deshalb sind sie davon überzeugt, von ihren Mitmenschen überschätzt zu werden. Sie glauben sogar, dass sie diese täuschen, da sie eigentlich gar nicht so gut seien, wie es von außen scheint. In der Folge befürchten Betroffene, dass sie jemand entlarven und ihr vermeintlich unfähiges „wahres Ich“ entdecken könnte.

Obwohl das Impostor-Syndrom typischerweise in der Arbeitswelt auftritt, kann es alle Lebensbereiche betreffen. So sind einige Betroffene z.B. überzeugt, keine guten Eltern zu sein, während andere befürchten, in Beziehungen als unfähige Partner oder Partnerinnen entlarvt zu werden.

Im Teufelskreis des Hochstapler-Syndroms

Menschen mit Hochstapler-Syndrom versuchen alles, um unentdeckt zu bleiben und der befürchteten Scham zu entkommen. Und zwar auf zwei Wegen: Überarbeiten oder Vermeiden. 

So neigen einige Betroffene dazu, besonders viel und hart zu arbeiten, um ihre vermeintliche Unfähigkeit auszugleichen. Andere versuchen ihren Ängsten wiederum durch Vermeidung aus dem Weg zu gehen. Sie schieben z.B. anstehende Aufgaben auf oder verspäten sich bei Terminen. Sie haben also so große Versagensängste, dass sie sich selbst Hürden schaffen, die ihnen bei einem vermuteten Misserfolg als Ausrede dienen könnten. 

Beide Strategien führen kurzfristig zur Entlastung, weil der erhoffte Erfolg eingetreten (Überarbeiten) oder der Kelch erstmal an ihnen vorübergegangen ist (Vermeidung). Die Entlastung weicht aber schnell wieder der Angst. Betroffene fürchten, die Erfolge nicht aufrechterhalten zu können oder vor neue Herausforderungen gestellt zu werden. Ein Teufelskreis entsteht. 

Impostor-Syndrom: Die Kompetenz-Typen

Neben den verschiedenen Bewältigungsversuchen im Umgang mit Angst, können Betroffene auch etwas anderes unter Kompetenz verstehen und von sich erwarten. Hier lassen sich fünf sogenannte Kompetenz-Typen unterscheiden. 

1. Die Perfektionisten finden sich vor allem im Arbeitsleben und stellen extrem hohe Ansprüche an sich. Sie erwarten alles zu 110% richtig zu machen. Wenn das nicht gelingt (und das gelingt niemandem), fühlen sie sich als Versager bestätigt. 

2. Die Naturtalente konzentrieren sich darauf, wie und wann sie etwas tun. Und zwar: perfekt und beim ersten Versuch. Die Annahme ist, dass Kompetenz automatisch vorhanden sein muss und nicht erst erlernt werden darf. 

3. Die Experten verstehen unter Kompetenz, alles zu wissen. Und zwar schon im Vorfeld. Wenn die Experten die Antwort auf eine Frage nicht kennen, scheint ihre Unfähigkeit bestätigt.  

4. Die Einzelgänger sehen Kompetenz nur dann, wenn sie alles alleine machen. Teamarbeit ist für sie ein Zeichen der eigenen Unfähigkeit: „Sonst hätte ich das ja alleine geschafft”.  

5. Die Superhelden glauben, härter als alle anderen arbeiten zu müssen. Kompetenz bedeutet für sie, alle Lebensbereiche und Rollen perfekt auszufüllen: Kollegin, Partnerin, Familienvater, Kumpel.

Folgen des Hochstapler-Phänomens

Das Impostor-Syndrom kostet vor allem sehr viel Kraft. So stehen viele Betroffene oft unter Dauerstress, da sie permanent bemüht sind, ihre vermeintliche Unfähigkeit auszugleichen und nicht entlarvt zu werden. 

In der Folge kann es zu Schlafstörungen, Bluthochdruck oder anderen psychosomatischen Beschwerden wie Kopf- und Bauchschmerzen kommen. Darüber hinaus kann vor allem das Überarbeiten dazu führen, dass andere Lebensbereiche vernachlässigt werden. Wenn du z.B. ständig Überstunden machst, weil du glaubst, nicht gut genug zu sein und deshalb mehr arbeiten musst, kann darunter auch das Familienleben oder deine Freizeit leiden.

Wie entsteht das Impostor-Syndrom?

Bei Menschen mit Hochstapler-Syndrom zeigt sich oft eine Kombination aus einem geringen Selbstvertrauen und Perfektionismus. Die Ursachen dafür liegen oft schon in der Kindheit. So können Eltern – trotz bester Absichten – bei ihren Kindern unrealistische Ansprüche an die eigene Person fördern. Eine Aussage wie „Gib immer dein Bestes“ kann z.B. zu der Annahme führen, nie aufgeben zu dürfen und alles perfekt machen zu müssen. Dadurch kann es Kindern schwer fallen, Fehler zuzulassen und sich nicht als Versager zu fühlen. 

Grundsätzlich gilt, dass alle Menschen vom Impostor-Syndrom betroffen sein können. Es zeigt sich jedoch, dass vor allem leistungsstarke und erfolgreiche Menschen betroffen sind. Also genau die Personen, die eigentlich von ihrer eigenen Leistungsfähigkeit überzeugt sein könnten. Bei ihnen sind aber auch Perfektionismus und Leistungsorientierung besonders verbreitet. 

Das Impostor-Syndrom überwinden

Der erste Schritt zur Überwindung des Hochstapler-Syndroms ist das Erkennen der verschobenen Selbstwahrnehmung. Das ist oft gar nicht leicht. Dieser Artikel und der Austausch mit anderen, können dir dabei aber helfen. Manchmal ist auch eine Psychotherapie sinnvoll. Vor allem dann, wenn sich das Impostor-Syndrom zu einer Depression oder einem Burnout entwickelt. Mache dir darüber hinaus immer wieder folgende Gedanken bewusst:

1„Das Leben ist nicht perfekt. Fehler zu machen, ist okay.”

Fehler gehören zum Leben dazu und werden passieren. Entscheide dich also, sie zu akzeptieren und aus ihnen zu lernen. Halte dir auch vor Augen, wie Kinder Laufen lernen. Das ist ein Prozess und klappt nicht von heute auf morgen. Hinfallen und Aufstehen sind ganz natürlich.

2„Gedanken und Gefühle sind keine Tatsachen.”

Gedanken und Gefühle sind, was sie sind: Gedanken und Gefühle. Keine Tatsachen. Nur weil du also denkst und fühlst, ein Hochstapler zu sein, heißt das nicht, dass du richtig liegst. Versuche, achtsam zu sein, einen Schritt zurückzutreten und Distanz zu deinen Gedanken und Gefühlen aufzunehmen.

3„Viele Wege führen nach Rom.”

Perfektion suggeriert, dass es den einen richtigen Weg gibt. Das kann Menschen ordentlich unter Druck setzen. Versuche stattdessen realistisch zu sein: Es gibt nicht die perfekte Wahl. Viele Wege führen nach Rom und jeder dieser Wege kann gut sein.

4„Ich bin nicht allein.”

Du kannst dir sicher sein: Die allermeisten von uns haben ähnliche Unsicherheiten und Selbstzweifel. Auch wenn man das den meisten gar nicht ansieht. Wie Enten, die wirken, als würden sie entspannt auf dem Wasser treiben, aber mit ihren Flossen manchmal ordentlich strampeln müssen. Und das ist okay. 
In unserem Blogartikel zum Thema Selbstbewusstsein stärken findest du darüber hinaus noch weitere Tipps, mit denen du gezielt gegen Selbstzweifel ankommen kannst.

5„Glück ist ein kleiner Teil von Erfolg.”

Menschen mit Impostor-Syndrom neigen dazu, ihre Leistungen als reine Glückssache abzuwerten. Mach dir bewusst: Auch Glück kann ein kleiner Teil von Erfolg sein, aber es entwertet den Erfolg nicht. Wichtig ist immer, was du daraus machst. Wenn du also Erfolge hast, dann liegt das auch immer an deinen Fähigkeiten.

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