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Chronischer Schmerz: Lässt sich das Schmerzgedächtnis löschen?

Wie erlernen wir eine neue Sprache? Ein wichtiger, wenn auch mühsamer Schritt ist meistens das Vokabelpauken. Je öfter du die neuen Wörter wiederholst, umso besser bleiben sie im Gedächtnis. Nach einer Weile kommen dir die Wörter dann immer schneller und irgendwann fast schon automatisch in den Kopf. 

Nicht nur neue Sprachen, sondern auch Schmerzen können gelernt werden. Wenn sie über einen längeren Zeitraum anhalten, „lernen“ wir den Schmerz und er kann schneller – fast automatisch  entstehen. Wie sprechen in diesem Zuge auch von einem Schmerzgedächtnis. Was genau sich dahinter verbirgt und ob wir Schmerzen auch wieder „verlernen“ – also das Schmerzgedächtnis löschen oder verändern – können, erfährst du in diesem Artikel. 

Wie entstehen Schmerzen? 

Es tut weh, wenn wir uns an einer Tischkante stoßen oder in den Finger schneiden. Unsere Haut verfügt über spezielle Sensoren, die äußere Reize wie Temperatur, Druck, Dehnung, chemische Stoffe, Verletzungen oder Entzündungsprozesse wahrnehmen und über Nervenbahnen an unser Gehirn übermitteln. 

Schmerzrezeptoren werden auch Nozizeptoren genannt. Der Begriff leitet sich aus den lateinischen Wörtern „nocere“ = schaden und „recipere“ = aufnehmen ab. Diese „Schadensmelder“ warnen uns vor bestehenden oder drohenden Verletzungen. Sie befinden sich nicht nur auf der Haut, sondern in fast allen Geweben und Organen unseres Körpers.

Im Gehirn angekommen werden die eingehenden Signale ausgewertet. Werden sie als bedrohlich oder schädigend interpretiert, entsteht ein Schmerzerleben. Schmerz findet also vor allem in unserem Kopf statt. Das bedeutet jedoch nicht, dass er nicht „echt” ist. 

Akuter und chronischer Schmerz

So unangenehm Schmerzen auch sind, ein Leben ohne sie ist weder möglich noch sinnvoll. Akuter Schmerz ist wie ein gut funktionierende Alarmanlage in unserem Körper. Wenn du dir in den Finger schneidest, signalisiert dir der Schmerz, das Messer beiseitezulegen, die Wunde zu säubern und zu verarzten. Akute Schmerzen haben meist eine klare Ursache und klingen nach einer Zeit der Heilung wieder ab. 

Manchmal kann es jedoch sein, dass Schmerzen anhalten, obwohl gar keine Ursache mehr vorliegt, die das Ausmaß der Schmerzen erklären könnte. Wenn dies für länger als sechs Monate der Fall ist, sprechen wir von chronischen Schmerzen. Betroffene leiden dabei oft nicht nur an den körperlichen, sondern auch an begleitenden psychischen Beschwerden. Manchmal können sogar durch anhaltende Schmerzen Depressionen entstehen, wenn die chronischen Schmerzen die Psyche stark belasten. 

Was ist das Schmerzgedächtnis?

Chronische Schmerzen gehen mit einer Veränderung in den Schmerzzellen und Nervenbahnen einher. Diese reagieren empfindlicher auf Reize und auch im Gehirn werden Reize stärker und schneller als Schmerzen wahrgenommen. 

Zum Beispiel tut der Rücken plötzlich schon bei kleinsten Verspannungen weh oder normale Berührungen oder Bewegungen können Schmerz auslösen. Das Schmerzsystem, das empfindlicher geworden ist, nennt sich auch Schmerzgedächtnis. 

Das Schmerzgedächtnis ist vergleichbar mit einer Alarmanlage, die bereits auf den kleinsten Windhauch oder das Rascheln der Bäume reagiert. Es wird ein Alarm (ein Schmerz) ausgelöst, obwohl gar keine Gefahr besteht. Das eigentlich sinnvolle Schutzsystem hat seine Warnfunktion verloren.

Schmerzgedächtnis löschen, aber wie?

Gibt es Möglichkeiten das Schmerzsystem wieder weniger empfindsam einzustellen und damit das Schmerzgedächtnis zu überschreiben? Auch wenn es leider keinen Knopf und auch kein Medikament gibt, mit dem du dein Schmerzgedächtnis löschen kannst, gibt es Möglichkeiten, es positiv zu beeinflussen und zu verändern.  

Den Fokus wechseln

Schmerzen haben ein großes Talent dafür, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Stell dir einen Scheinwerfer vor, der die unterschiedlichen Bereiche deines Lebens beleuchtet. Wenn du unter chronischen Schmerzen leidest, ist der Lichtkegel oft ausschließlich auf die Schmerzen gerichtet, während andere Bereiche im Schatten liegen. 

Auch wenn du damit nicht sofort dein Schmerzgedächtnis löschen kannst, ist es hilfreich, deinen Aufmerksamkeitsfokus zu verschieben. Indem du dein Gehirn mit einer anderen Aufgabe versorgst, muss es den Scheinwerfer zwangsläufig von den Schmerzen abwenden. Wie wäre es zum Beispiel, in Momenten, in den der Schmerz viel Aufmerksamkeit auf sich zieht, sich bewusst abzulenken? Versuche beispielsweise eine Kleinigkeit im Haushalt zu erledigen, eine Freundin anzurufen oder dir auf der Arbeit bewusst eine Aufgabe zu suchen, die deine Konzentration erfordert.

Den Aufmerksamkeitsfokus zu verschieben braucht Übung. Es kann sein, dass der Scheinwerfer, wenn du versuchst ihn umzulenken, schnell wieder zum Schmerz zurückkehren möchte. Habe Geduld: Mit etwas Übung nimmst du die Lenkung deines Scheinwerfers Schritt für Schritt wieder selbst in die Hand.

Bewegungen verändern, um das Schmerzgedächtnis zu löschen 

Das Schmerzgedächtnis tritt häufig in Situationen auf, die dem Gehirn bekannt vorkommen. Das kann eine bestimmte Körperhaltung bei langen Fahrten sein, eine typische stressige Situation bei der Arbeit oder auch eine eingefahrene Bewegung im Alltag. Beobachte am besten selbst, welche Bewegungen oder Haltungen bei dir typischerweise vorkommen und zu Schmerzen führen können.

Im Anschluss kann es hilfreich sein, darauf zu achten, in diesen Momenten ganz bewusst eine andere Körperhaltung anzunehmen, für ein paar Minuten spazieren zu gehen oder dich einmal zu dehnen. Je früher der Schmerz in solchen Situationen unterbrochen wird, desto weniger stark bildet sich das Schmerzgedächtnis aus.

Die eigene Schmerzhemmung ankurbeln

Schmerz ist keine Einbahnstraße, die nur von den Schmerzrezeptoren über das Rückenmark zum Gehirn verläuft. Unser Gehirn hat die Möglichkeit, eigene schmerzlindernde Stoffe, sogenannte Endorphine, zu produzieren und in die Gegenrichtung zu schicken. Um die Ausschüttung von diesen körpereigenen Schmerzmitteln anzukurbeln, hilft es, dich zu bewegen, für Entspannung zu sorgen und dem nachzugehen, was dir Freude bereitet.

Während es bei akutem Schmerz wie einem gebrochenen Arm sinnvoll ist, dich zu schonen, ist das bei chronischen Schmerzen nicht der Fall. Lass dich von deinen Schmerzen nicht abhalten. Das ist natürlich leichter gesagt als getan. Aber wenn du es schaffst, trotz Schmerzen aktiv zu sein, trägst du dazu bei, Schritt für Schritt dein Schmerzgedächtnis zu löschen.

Hole dir Unterstützung

Wenn du dir mehr Unterstützung im Umgang mit chronischen Schmerzen wünschst, kann ein Gespräch mit deiner Ärztin, einem Schmerztherapeuten oder einer Psychotherapeutin helfen. Gemeinsam könnt ihr überlegen, welche Unterstützung für dich die richtige ist. Auch unser Online-Training Chronischer Schmerz kann dir dabei helfen, deinen Umgang mit Schmerzen zu verändern und Belastungen zu verringern. Du lernst in dem Training unter anderem Techniken aus der Akzeptanz- und Commitmenttherapie kennen, die dich unterstützen können.

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