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Selbstfindung – (wie) geht das?

Wer bin ich? An dieser Frage kommt wohl keiner von uns im Laufe des Lebens vorbei und es gibt wahrscheinlich keine Person, der die Beantwortung leicht fällt. Denn bei Selbstfindung geht es um mehr als Name, Alter, Adresse, Beruf und Hobbys. Selbstfindung meint eine tiefere Erkenntnis des eigenen Wesens, das in Kontakt kommen mit dem, was wir im Alltag so leichtfertig „Ich” nennen. 

Dieser Artikel bietet dir eine etwas andere Sichtweise auf dein Selbst und kann dir – wenn du dich darauf einlässt – viele neue Möglichkeiten offenbaren. Bist du bereit?

Selbstfindung: Wer will da eigentlich wen finden?

Wenn wir auf die körperlichen und psychischen Veränderungen seit unserer Geburt zurückblicken, wird uns zwangsläufig klar: Unser Selbst ist kein fest gefügtes Etwas. Nicht nur unser Äußeres verändert sich stetig, auch unsere Eigenschaften, Vorlieben, Meinungen, unsere Aufgaben, unsere Reaktionen auf bestimmte Dinge und so weiter. Neueste Erkenntnisse der Forschung weisen sogar darauf hin, dass selbst unsere Gene sich durch unsere Erfahrungen verändern können und jede Zelle unseres Körpers im Laufe der Jahre immer wieder ausgetauscht wird. 

Und auch wenn es sich trotzdem so anfühlt und erscheint, als gäbe es in uns ein stabiles Selbst, das all diese Veränderungen irgendwie „durchmacht”, so entspricht das doch nicht der Realität.

Die kuriose Annahme lautet: Dein „Ich“ ist biologisch betrachtet, eine Art erfundenes Wesen, ein Mythos – in etwa wie ein Einhorn. 

Klingt komisch? Schauen wir mal: Dein Gehirn kann problemlos das Bild eines Einhorns erzeugen, ihm bestimmte Eigenschaften zuschreiben und ihm einen Namen geben. Aber letztendlich ist dieses Einhorn nur eine von dir zusammengesetzte Vorstellung. Diese Vorstellung wird in einem andauernden Prozess fortwährend erzeugt und erweckt dadurch den Anschein einer Stabilität. 

Dieser Vorgang wird – wenn es um das Selbst und nicht um Einhörner geht – in der Neurologie als „Selfing“, zu Deutsch etwa „selbsten“ bezeichnet. Du oder besser gesagt dein Gehirn, „selbstet“ tagein, tagaus, in einem so kontinuierlichen Fluss, dass dir das gar nicht weiter auffällt. Da das Selbst also eine dynamische Angelegenheit ist, gleicht Selbstfindung einer Art Schatzsuche, bei der wie nie ans Ziel gelangen können. Doch letztendlich ist die Erkenntnis kein „festes” Selbst zu sein, kein Grund zur Verzweiflung, sondern der Startschuss für innere Freiheit.

Sei wer du willst

Selbstfindung ist frustrierend, wenn wir glauben, dass es ein Selbst gibt, das wir bloß nicht finden können. Viele Menschen kommen sich bei dieser Suche deshalb verloren und einsam vor.

Wenn du jedoch weißt, dass es gar kein stabiles Selbst gibt, kann aus der verwirrenden Selbstfindung eine kreative und erfüllende Selbsterfindung werden.

Aber wie soll das funktionieren? Genauso wenig wie wir unsere äußere Erscheinung per Fingerschnipp ändern können, kann das mit unserem Charakter gelingen – oder? Doch genau das ist möglich. Du kannst dich jederzeit anders verhalten, anders reagieren, dich dafür entscheiden, der Mensch zu sein, der du sein möchtest. Das Ganze scheint bloß so verzwickt, weil wir erstens denken, dass es schwierig ist sich zu verändern, vielleicht auch Angst vor Veränderung haben. Und zweitens, weil wir bestimmte Gewohnheiten haben, die wir jedoch mit der Zeit durch neue Gewohnheiten ersetzen können.

Was dabei sehr helfen kann, ist das Wissen über Werte, die dir wichtig sind und Gewohnheiten, die ihnen entsprechen. Diese sogenannte psychologische Flexibilität ist ein Kernkonzept der Akzeptanz- und Commitmenttherapie und kann als die Fähigkeit verstanden werden, offen zu fühlen und zu denken und dadurch wertegeleitet zu handeln. 

Selbstfindung und Werte

Werte sind grundlegende Eigenschaften, die dir wichtig sind. Beispiele für Werte sind: Selbstfürsorge, Spiritualität, Loyalität, Freiheit oder Verantwortung. Werte sind deshalb so wunderbar, weil sie auf kein bestimmtes Ziel festgelegt sind. Wenn einer deiner Werte Liebe ist, so kann das bedeuten, dass du eine Familie gründen willst – es kann aber auch sein, dass du ehrenamtlich in der Altenpflege arbeitest. Du hast also die Möglichkeit, deinen Werten auf ganz verschiedenen Wegen Ausdruck zu verleihen. Und zwar im Kleinen genauso wie im Großen: Du kannst der Kassiererin im Supermarkt ein Lächeln schenken oder eine Spendenaktion auf die Beine stellen. Der Wert Liebe hat also – so wie jeder Wert – viele Gesichter und egal wie du ihn lebst, du kannst dadurch Sinnhaftigkeit und Erfüllung spüren. 

Liebe ist nicht so deins? Kein Problem! Mehr dazu, wie du in Sachen Selbstfindung deinen Werten auf die Schliche kommst, findest du auch in unserem Artikel zum Thema innere Werte.

Achtung: Genauso wie das Selbst dynamisch ist, sind auch deine Werte nicht in Stein gemeißelt. Das, was dir wichtig ist, verändert sich zwar meistens nicht täglich, aber die Gewichtung kann unterschiedlich sein. Frage dich deshalb am besten täglich, auf welchen Wert du dich heute konzentrieren möchtest. 

Selbstfindung und Gewohnheiten

Du kannst zu jedem Menschen werden, wenn du dich nur lange genug wie dieser Mensch verhältst. „Welcher” Mensch du sein willst, kannst du durch deine Werte festlegen. Bei der Frage, wie du dich verhältst, kommen unter anderem Gewohnheiten ins Spiel. 

Laut einer Überlieferung kommt der Begriff Identität” aus dem Lateinischen essentitas” für Sein” und identidem”, was wiederholt” bedeutet. Deine Identität ist demnach dein wiederholtes Sein”.

Welche Gewohnheiten entsprechen deinen Werten? Kommen wir damit noch einmal zur Liebe zurück: Du kannst es dir zur Gewohnheit machen, täglich die Kassiererin im Supermarkt anzulächeln oder einmal im Monat einer ehrenamtlichen Tätigkeit nachzugehen. Ist dein Wert Selbstfürsorge, kannst du dir angewöhnen, gesund zu frühstücken oder nachmittags eine halbe Stunde spazieren zu gehen. Mache am besten eine Liste mit möglichen Gewohnheiten, die für dich realistisch umsetzbar sind und deinen Werten entsprechen.

💡 Tipp: Kopple neue Gewohnheiten an Gewohnheiten, die du bereits hast. Zum Beispiel schreibe ich zu meinem morgendlichen Kaffee eine liebe Nachricht an eine Person oder nach dem Mittagessen gehe ich eine halbe Stunde spazieren. Weitere Tipps erhältst du auch in unserem Artikel zum Thema Gewohnheiten ändern.

„Sei du selbst!” 

Bestimmt hast du diesen Rat schon oft gehört und bist nach diesem Artikel vermutlich noch etwas verwirrter als vorher. Auch, wenn es dir noch nicht so vorkommt: Das ist großartig. Wenn du dir durch Beobachtung in nächster Zeit mehr und mehr darüber bewusst wirst, dass „du selbst sein” ein Prozess ist, kannst du spontaner, authentischer und losgelöster reagieren. Und so steigerst du nebenbei deine psychologische Flexibilität. Ganz nach dem Motto: Goodbye Selbstfindung, ich bin alles, was ich will! 

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Autorin:
Victoria Bindrum Psychologin
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