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Trauma verstehen: die post­trauma­tische Belastungs­störung

Über die Hälfte aller Menschen werden in ihrem Leben mindestens einmal mit einem traumatischen Ereignis konfrontiert. Ereignisse also, die nicht nur zu körperlichen, sondern vor allem auch zu tiefen seelischen Verletzungen führen können. Oft verheilen diese Wunden mit der Zeit, manchmal sind sie aber auch so schwer, dass sie unseren gesamten Organismus in Alarmbereitschaft halten und eine posttraumatische Belastungsstörung entsteht. Wir zeigen dir, was ein Trauma ist, wie sich die Folgen erkennen und einordnen lassen und was du tun kannst, damit deine seelischen Wunden verheilen können.

Was ist ein Trauma? 

Ein Trauma ist ein Ereignis von so katastrophalem und bedrohlichem Ausmaß, dass es unsere Bewältigungsfähigkeiten übersteigt und bei fast jedem zu tiefer Verzweiflung führen würde. Das können Ereignisse sein, bei denen Menschen mit dem tatsächlichen oder drohenden Tod oder einer ernsthaften Verletzung konfrontiert werden. Dazu zählen beispielsweise schwere Unfälle, Naturkatastrophen oder sexuelle Gewalterfahrungen. Betroffene erleben dabei zum Beispiel Gefühle von Angst, Hilflosigkeit oder Entsetzen. Andere fühlen sich wiederum wie erstarrt oder abgelöst von ihrem eigenen Körper.

Das Wort Trauma kommt aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie Wunde. Damit beschreibt das Wort also sehr gut, was ein Trauma bei Menschen hinterlassen kann.

Folgen eines Traumas

Wenn wir ein Trauma erleben, werden wir mit einer außergewöhnlichen Bedrohung konfrontiert, die unseren gesamten Organismus in den Alarmzustand versetzt. In der Folge kommt es bei fast allen Menschen, die ein Trauma erlebt haben, unmittelbar danach zu belastenden Erinnerungen, einer erhöhten Schreckhaftigkeit oder sie vermeiden bestimmte Situationen, die mit dem Erlebten im Zusammenhang stehen. Andere leiden wiederum unter Schuldgefühlen und grübeln darüber, was sie hätten anders machen können. Das ist erst mal eine ganz normale Reaktion, die in Anbetracht des Erlebten gut nachvollziehbar ist. In den meisten Fällen klingen diese Beschwerden aber innerhalb von Tagen oder Wochen ab. Bei 15-24% der Betroffenen bleiben solche Symptome jedoch bestehen und es entwickelt sich eine posttraumatische Belastungsstörung. 

Die posttraumatische Belastungsstörung 

Die posttraumatische Belastungsstörung (kurz PTBS) kann als Folge eines traumatischen Ereignisses folgen. Dabei müssen Betroffene ein solches Trauma selbst erlebt oder bei anderen beobachtet haben. Das höchste Risiko geht dabei von länger andauernden, wiederholten Traumatisierungen aus, die von Menschen „gemacht” sind. Also zum Beispiel Kriege, Folter oder auch wiederholter sexueller Missbrauch. Innerhalb von sechs Monaten nach solchen Extrembelastungen beginnen dann in der Regel die Symptome.

Nach den gängigen Diagnosesystemen handelt es sich bei der posttraumatischen Belastungsstörung um eine offizielle Diagnose, die von ärztlicher und psychotherapeutischer Seite gestellt werden kann.

Wiedererleben und Traumagedächtnis

Eins der drei Hauptsymptome der PTBS ist das wiederholte Erleben des Traumas in ungewollten Erinnerungen, Träumen oder Alpträumen. Grund dafür ist unser Gedächtnis. So speichern wir Erlebnisse normalerweise in einer verarbeiteten Form ab, wodurch wir diese zeitlich einordnen und Abstand zu ihnen gewinnen können.

Ein Trauma überflutet unser Gehirn aber mit einer so großen Stressreaktion, dass die Speicherprozesse im Gehirn verändert werden und das Erlebte nicht angemessen verarbeitet werden kann. In der Folge kann das Trauma oft nur in Bruchstücken erinnert werden. Zudem können die Ereignisse nicht zeitlich eingeordnet werden und Erinnerungen laufen so ab, als fänden sie im Hier und Jetzt statt. Diese besondere Form des Abspeicherns und Erinnerns wird in der Fachsprache als Traumagedächtnis bezeichnet. 

Die Bedeutung von Triggern

Für unser Überleben ist es zudem wichtig, dass wir mögliche Bedrohungen möglichst früh erkennen. Deshalb speichert unser Gehirn alle Reize, die in einer bedrohlichen Situation wie dem Trauma da waren, als gefährlich ab. Und zwar egal, ob sie direkt mit dem Trauma zu tun hatten (z. B. eine Person) oder nicht (z. B. ein Geruch). Nehmen wir solche Reize (Trigger) dann in Zukunft wahr, löst unser Gehirn sofort eine Alarmreaktion aus, um bestmöglich vorbereitet zu sein. Die Erinnerungen an das Trauma schießen dadurch oft blitzschnell ins Bewusstsein (Fflashbacks).  

Vermeidung

Als zweites typisches Symptom kommt es bei einer posttraumatischen Belastungsstörung zu Vermeidung. Das kann bedeuten, dass Betroffene bestimmten Orten ausweichen, nicht mehr die Nachrichten schauen oder nur in Begleitung rausgehen. Andere lenken sich wiederum ab oder vermeiden es, mit anderen über das Trauma zu sprechen. Vermeidung kann dabei ganz bewusst geschehen, oder auch unbewusst, indem Menschen sich beispielsweise emotional taub fühlen. Gemeinsam ist allen Formen, dass bestimmte Gefühle oder Gedanken nicht erlebt werden sollen – zum Beispiel aus Schutz vor belastenden Erinnerungen oder aus Angst davor, dass sich das Erlebte wiederholen könnte. 

Übererregung 

Das dritte Hauptsymptom der PTBS zeigt sich in einem Zustand der Übererregung. Das kann bedeuten, dass Betroffene reizbar sind oder schnell zu Wutausbrüchen neigen. Oder sie erleben Ein- und Durchschlafstörungen, Konzentrationsprobleme und haben das Gefühl, ständig vorsichtig und wachsam sein zu müssen. Übererregung kann sich also auf verschiedenen Ebenen zeigen, äußert sich aber vor allem auf körperlicher Ebene. Ausgelöst durch die extreme Bedrohung des Traumas befinden sich Betroffene sozusagen in einer Art Daueralarmzustand.

Neben den drei Hauptsymptomen der posttraumatischen Belastungsstörung können eine Reihe weiterer Anzeichen hinzukommen. Dazu gehören vor allem Schuldgefühle, aber auch ein Verlust von Freude oder Gleichgültigkeit gegenüber anderen.

Trauma ist nicht gleich PTBS

Nach einem Trauma entsteht nicht bei allen Menschen eine posttraumatische Belastungsstörung. So gibt es bestimmte Risiko- und Schutzfaktoren, die einen Einfluss haben können. Kinder und Jugendliche sowie ältere Erwachsene haben beispielsweise ein erhöhtes PTBS-Risiko. Neben dem Alter können aber auch eine besondere Schwere des Traumas oder bereits früher erlebte Traumatisierungen eine posttraumatische Belastungsstörung begünstigen. 

Schützend kann sich wiederum auswirken, wenn Betroffene während des Traumas für sich einen gewissen Spielraum an Einflussmöglichkeiten erlebt haben und nach dem Trauma offen über das Erlebte sprechen können. Wenn ihnen dann geglaubt wird, sie ernstgenommen und wertgeschätzt werden, kann das Risiko zusätzlich gesenkt werden.

Solche Risiko- und Schutzfaktoren können zwar einen Einfluss haben, bedeuten aber nicht zwangsläufig, dass es zu einer PTBS kommt beziehungsweise diese ausbleibt. 

Was tun nach einem Trauma?

Bei akuten Gewalterfahrungen ist es wichtig, dass du so bald wie möglich das Ereignis meldest und dokumentieren lässt – beispielsweise durch die Polizei oder andere vertrauliche Begutachtungsstellen. Bei anhaltender Gewalt ist es zudem wichtig, dass du das entsprechende Umfeld verlässt. Unterstützung bieten verschiedene Beratungsstellen oder auch Frauenhäuser. In unserem Artikel zu Gewalt in der Beziehung haben wir dir wichtige Hilfsangebote zusammengefasst, die auch unabhängig von Beziehungsgewalt greifen. 

Ruhe, Gespräche und Selbstbestimmung 

Auch einige Zeit nach einem Trauma steht der Körper oft noch so unter Strom, dass Betroffene unruhig sind und irgendetwas tun wollen. Das verbraucht jedoch wichtige Energie und kann zu einer anhaltenden Erschöpfung führen. Nach einem traumatischen Ereignis ist es also wichtig, in einer geschützten Umgebung zur Ruhe zu kommen und Geborgenheit zu spüren. Dazu kannst du alles tun, was dir bislang geholfen hat, dich zu beruhigen. Du kannst dich zum Beispiel mit einem Buch ins Bett legen, spazieren gehen oder deinem gewohnten Sport nachgehen. Bring dich auf andere (ruhige) Gedanken, aber achte darauf, dich nicht um jedes Mittel vom Trauma abzulenken. Auch das kann Kraft kosten und zu Erschöpfung statt Erholung führen. 

Darüber hinaus kann es helfen, mit wenigen vertrauten Menschen über das Erlebte zu sprechen und es dadurch zu verarbeiten. Um die Grenzen beider Seiten zu schützen, ist es sinnvoll, vorher einen Zeitraum festzulegen, in dem über das Trauma gesprochen werden kann. Und es gilt: Erzähle nur so viel, wie du möchtest und achte auf dich. 

Konzentriere dich bei all dem auf das, was du schaffst – Schritt für Schritt. Das kann etwas zurückgeben, was durch ein Trauma verloren gegangen sein kann: ein Gefühl von Kontrolle und Selbstbestimmung.

PTBS behandeln und Trauma bewältigen  

Entwickelt sich eine posttraumatische Belastungsstörung, reichen diese Tipps aber nicht mehr aus und es braucht psychotherapeutische oder ärztliche Unterstützung. So kann eine unbehandelte PTBS zu einer Reihe weiterer privater, beruflicher und partnerschaftlicher Belastungen führen. Die Vermeidung kann beispielsweise dazu führen, dass sich Betroffene auch in Beziehungen immer mehr zurückziehen, Konzentrationsprobleme können sich wiederum auf die Arbeitsleistung auswirken. Und auch die körperliche Gesundheit kann unter den Folgen einer posttraumatischen Belastungsstörung leiden, indem zum Beispiel Infekte wahrscheinlicher werden. 

Behandeln lässt sich die PTBS zum Beispiel im Rahmen einer kognitiven Verhaltenstherapie. Deren Ziel ist es, das Trauma so gut wie möglich ins normale Gedächtnis zu überführen und Abstand zu ihm zu gewinnen. Dazu werden die belastenden Erinnerungen im geschützten Raum der Psychotherapie angeschaut und nachträglich verarbeitet. Zudem lernen Betroffene, mit ihren unangenehmen Gedanken und Gefühlen umzugehen und ihre Lebensqualität wiederherzustellen. Auf unserem Blog zeigen wir dir, welche Therapieformen es gibt und beantworten die Frage „Wie finde ich einen Psychotherapieplatz?

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Autorin:
Verena Schmitz Psychologische Psychotherapeutin für Erwachsene und Gruppen
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