Das Wichtigste in Kürze (TL;DR): Agoraphobie ist eine Angststörung: Betroffene meiden bestimmte Orte oder Situationen wie Menschenmengen, öffentliche Plätze, Busse und Bahnen oder das Reisen allein. Dahinter steckt oft die Angst, dort eine Panikattacke zu bekommen, nicht fliehen zu können oder keine Hilfe zu erhalten. Typische Symptome sind Herzrasen, Schwindel und Atemnot – begleitet von Vermeidungsverhalten, das die Angst aufrechterhält. Die gute Nachricht: Agoraphobie ist gut behandelbar, vor allem mit kognitiver Verhaltenstherapie und Übungen, die schrittweise aus der Vermeidung zurück in den Alltag führen.
Was ist die Agoraphobie?
Als Agoraphobie wird die Angst vor öffentlichen Plätzen oder vor Menschenansammlungen bezeichnet. Aber auch die Angst davor, alleine oder weit weg von zu Hause zu reisen, fällt unter den Begriff.
Agoraphobie setzt sich aus den altgriechischen Worten „Agora” (Versammlungsplatz, Marktplatz) und „Phobos” (Furcht, Angst) zusammen und wird deshalb auch Platzangst genannt. Agoraphobie ist aber nicht zu verwechseln mit der Klaustrophobie. Bei dieser steht nämlich die Angst vor engen und geschlossenen Räumen wie Fahrstühle und U-Bahnen im Vordergrund.
Bei der Agoraphobie fürchten die Betroffenen, bestimmte Orte bei einer Panikattacke nicht schnell genug verlassen zu können oder dass keine Hilfe zur Verfügung stünde. Bei den Betroffenen führt das Verlassen der Situation meistens dazu, dass die Angst sofort reduziert werden kann.
In schweren Fällen tritt die Angst schon direkt dann auf, wenn ein als sicher erlebter Ort wie etwa die Heimatstadt oder die Wohnung verlassen wird. Ohne die Begleitung einer weiteren Person ist es für die Betroffenen dann teilweise sehr schwer, die eigenen vier Wände zu verlassen.
ICD-10: Wann spricht man von Agoraphobie?
Ob jemand starke Angst in bestimmten Situationen erlebt oder ob eine Agoraphobie vorliegt, beurteilen Fachpersonen nicht nach Bauchgefühl. Sie orientieren sich dabei an Diagnosemanualen wie der ICD-10-GM des BfArM. Darin ist beschrieben, welche Merkmale für bestimmte körperliche und psychische Erkrankungen typisch sind.
Für die Agoraphobie bedeutet das: Entscheidend ist nicht allein, wie unangenehm jemand Menschenmengen, öffentliche Plätze oder Bahnfahren erlebt. Fachpersonen prüfen, ob ein typisches Muster vorliegt: Angst, körperliche Symptome und Vermeidungsverhalten müssen zusammen auftreten und den Alltag deutlich belasten.
Welche Kriterien hat Agoraphobie nach ICD-10?
– Die Angst tritt in mindestens zwei typischen Situationen auf, etwa in Menschenmengen, auf öffentlichen Plätzen, beim Reisen mit weiter Entfernung von zu Hause oder beim Reisen allein.
– Betroffene fürchten dabei häufig, nicht schnell genug fliehen zu können oder im Notfall keine Hilfe zu bekommen.
– In diesen Situationen oder schon in der Erwartung daran treten körperliche Angstsymptome auf, etwa Herzklopfen, Schwitzen, Zittern, Schwindel oder Atemnot.
– Die Situationen werden vermieden oder nur unter starker Anspannung ausgehalten.
– Den Betroffenen ist oft bewusst, dass die Angst übertrieben sein kann. Trotzdem fühlt sie sich sehr real und belastend an.
Je nachdem, ob zusätzlich Panikattacken auftreten, unterscheidet man zwischen Agoraphobie ohne Panikstörung (ICD-10 Code F40.00) und Agoraphobie mit Panikstörung (ICD-10 Code F40.01).
Wichtig: Diese Kriterien dienen nur der Orientierung. Die Diagnose einer Agoraphobie kann letztlich nur eine ärztliche oder psychotherapeutische Fachperson stellen.
Was ist eine Agoraphobie mit Panikstörung?
Eine Agoraphobie kann mit einer Panikstörung gemeinsam auftreten oder ohne.
Wer an einer Agoraphobie mit Panikstörung leidet, erlebt in vielen Fällen eine Panikattacke, wenn er oder sie sich in einer der beängstigenden Situationen befindet. Bei einer „reinen Panikstörung“ können Panikattacken jederzeit und an verschiedenen Orten auftreten. Sie können dabei auch an Orten entstehen, die mit Sicherheit verbunden werden, wie zum Beispiel das eigene Schlafzimmer. Im Gegensatz dazu gibt es bei Panikattacken, die mit Agoraphobie zusammenhängen, immer einen klaren Zusammenhang zur Situation, zum Beispiel zum Restaurant, zum Einkaufszentrum oder zur Reise allein.
Welche Symptome können bei Agoraphobie auftreten?
In der gefürchteten Situation können folgende Symptome auftreten:
- Herzklopfen, erhöhte Herzfrequenz
- Schweißausbrüche
- Zittern
- Mundtrockenheit
- Atembeschwerden
- Beklemmungsgefühl
- Magen-Darm-Beschwerden
- Gefühl von Schwindel, Unsicherheit, Schwäche, Benommenheit
- Angst verrückt zu werden oder zu sterben
- Gefühllosigkeit oder Kribbelgefühle
- Hitzewallungen oder Kälteschauer
- Entfremdungsgefühl (hinsichtlich der eigenen Person)
- Gefühl in einer fremden Umgebung zu sein (Derealisationsgefühl)
Meist ist den Betroffenen klar, dass ihre Befürchtungen und Ängste übertrieben sind. Dennoch besteht eine starke emotionale Belastung durch die Angstsymptome und die Isolation in der eigenen Wohnung.
Typische Situationen, die Symptome auslösen, sind zum Beispiel:
- volle Geschäfte und Kaufhäuser,
- Menschenmengen bei Veranstaltungen,
- das Anstehen in langen Schlangen,
- Fahrten mit Bus, Bahn oder Flugzeug,
- lange Autofahrten
- oder das Reisen allein und weit weg von zu Hause.
Agoraphobie-Selbsttest
Habe ich Platzangst?
Die folgenden Fragen können dir eine erste Orientierung geben. Sie ersetzen keine professionelle Diagnose, sondern dienen der Selbstreflexion. Je öfter du mit „Ja“ antwortest, desto eher lohnt sich ein Gespräch mit einer Fachperson.
- Meide ich bestimmte Orte wie Menschenmengen, Kaufhäuser, öffentliche Verkehrsmittel oder weite Plätze?
- Habe ich Angst, in solchen Situationen nicht schnell genug wegzukommen oder keine Hilfe zu bekommen?
- Treten dabei körperliche Symptome auf, zum Beispiel Herzrasen, Schwindel, Schwitzen oder Atemnot?
- Fühle ich mich sicherer, wenn mich eine vertraute Person begleitet?
- Verlasse ich mein Zuhause nur noch ungern oder mit großer Anstrengung?
- Schränken diese Ängste meinen Alltag, meinen Beruf oder meine Beziehungen ein?
- Halten die Beschwerden schon seit mehreren Wochen oder Monaten an?
- Vermeide ich Situationen inzwischen, um die Angst gar nicht erst aufkommen zu lassen?
Wenn du dich in mehreren Punkten wiedererkennst, ist das kein Grund zur Beunruhigung, aber ein guter Anlass, dir Unterstützung zu holen. Eine fachliche Einschätzung bekommst du zum Beispiel in der hausärztlichen, psychotherapeutischen oder psychiatrischen Praxis.
Wie unterscheiden sich Agoraphobie und soziale Phobie?
– Menschen mit Agoraphobie sorgen sich vor allem um ihre körperliche und psychische Unversehrtheit.
– Bei einer Sozialphobie geht es hauptsächlich um die Angst davor, als sozial merkwürdig oder peinlich wahrgenommen zu werden.
Ein Unterschied besteht auch darin, dass bei Menschen mit Agoraphobie die Begleitung anderer eher zu einem Gefühl der Sicherheit führt. Bei einer sozialen Phobie sind außerdem die Symptome in der Regel äußerlich sichtbar (Erröten, Schwitzen, Zittern etc.), während bei einer Agoraphobie körperliche Veränderungen wie Herzrasen, Schwindel oder Atembeschwerden eher subjektiv wahrgenommen werden.
Wenn die Angst, das Haus zu verlassen, übermächtig wird
Bei einer schweren Agoraphobie kann allein der Gedanke, die eigene Wohnung zu verlassen, starke Angst auslösen. Manche Betroffene trauen sich ohne Begleitung kaum noch vor die Tür, einige verlassen das Haus praktisch gar nicht mehr. Der sichere Ort – die Wohnung, die vertraute Umgebung – wird dann zum einzigen Raum, in dem die Angst beherrschbar wirkt.
Wichtig ist die Abgrenzung: Bei einer Agoraphobie hält dich die Angst vor bestimmten Situationen zu Hause. Bei einer Depression ist es eher die Antriebs- und Freudlosigkeit, die zum Rückzug führt. Beides kann auch gemeinsam auftreten. Und selbst wenn der Aktionsradius bereits sehr klein geworden ist: Dieser Zustand ist veränderbar. Eine Therapie setzt genau hier an und hilft dir, deinen Lebensraum Schritt für Schritt zurückzugewinnen.
Wie häufig ist Platzangst?
Weltweit sind 1,5 Prozent aller Menschen im Laufe ihres Lebens von einer Agoraphobie betroffen (Roest & de Vries, 2019). Frauen entwickeln eine Agoraphobie ungefähr doppelt so häufig wie Männer. Die Statistik wird aber vermutlich dadurch beeinflusst, dass Männer im Schnitt seltener Hilfe suchen und es daher auch zu weniger Diagnosen kommt. Die Agoraphobie tritt statistisch bei Frauen meistens vor dem 30. Lebensjahr zum ersten Mal auf. Bei den Männern gibt es nach dem 40. Lebensjahr einen zweiten „Gipfel“ des ersten Auftretens.
Diese Zahl stammt aus den WHO World Mental Health Umfragen nach den aktuellen DSM-5-Kriterien. Je nach Definition und untersuchter Gruppe fallen die Werte aber unterschiedlich aus: In einer großen deutschen Längsschnittstudie mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen lag die nach DSM-IV erfasste Lebenszeitprävalenz der Agoraphobie mit 8,5 % deutlich höher – sogar höher als die von Panikattacken (4,3 %) oder einer Panikstörung (0,8 %; Wittchen et al., 1998).
Über die europäischen Länder hinweg zeigt sich außerdem: Bleibt eine Agoraphobie unbehandelt, verläuft sie häufig chronisch, wird in der Hausarztpraxis oft übersehen und tritt nicht selten gemeinsam mit einer Depression auf (Goodwin et al., 2005). Das macht eine frühe Behandlung umso wichtiger.
Was sind die Ursachen einer Agoraphobie?
Insgesamt ist nicht eindeutig geklärt, wie eine Agoraphobie entsteht. Manche Forschende vermuten, dass zuerst Panikattacken auftreten. Langfristig führt das wiederholte Auftreten von Panikattacken dann dazu, dass Betroffene bestimmte Orte vermeiden, in denen diese häufiger vorkommen. Andere Studien gehen eher von einem umgekehrten Zusammenhang aus. Hierbei ist es ein bisschen wie mit der Frage nach der Henne und dem Ei.
Festhalten kann man, dass es, ähnlich wie bei anderen psychischen Erkrankungen, nicht eine einzige Ursache gibt, die zu einer Agoraphobie führt. Stattdessen existieren Risikofaktoren, welche die Entstehung einer Platzangst begünstigen können. Dazu gehören:
1 Biologische Faktoren
· Genetik: Auch wenn in Studien nachgewiesen wurde, dass die Genetik bei der Entstehung einer Agoraphobie eine Rolle spielt, bedeutet das nicht, dass unsere Gene allein dafür verantwortlich sind, ob wir eine Agoraphobie entwickeln oder nicht. Kommen weitere Risikofaktoren hinzu, können sie die Entwicklung jedoch begünstigen. Neuere Übersichtsarbeiten beziffern den erblichen Anteil (die sogenannte Heritabilität) auf etwa 48–61 % (Balaram & Marwaha, 2023).
· Verhaltenshemmung: Es handelt sich dabei um die allgemeine Neigung, in neuen Situationen zurückhaltend und schüchtern zu sein. Sie kann vererbt werden und Platzangst, aber auch andere Angststörungen begünstigen.
· Noradrenalin: Studien deuten darauf hin, dass Menschen mit Agoraphobie eine auffällige Noradrenalinaktivität zeigen. Noradrenalin ist ein Botenstoff des Gehirns. Allerdings muss diese Ursache noch weiter erforscht werden.
2 Angstsensitivität und Informationsverarbeitung
· Angstsensitivität: Angstsensitivität beschreibt die Sorge, dass Symptome, die während der Angst oder Panik erlebt werden (zum Beispiel Herzklopfen, Zittern, Schwindel) auch auf Dauer Folgeschäden mit sich bringen können.
· Denkverzerrungen: Es kann sich hier um verschiedene Verzerrungen handeln. Zum einen werden Symptome wie zum Beispiel Herzklopfen oder Schweißausbrüche als bedrohlicher erlebt, als sie sind. Denn sie können in dem Moment auch einfach durch Wärme oder körperliche Anstrengung wie z. B. Sport zustande gekommen sein. Zum anderen wird die Aufmerksamkeit vermehrt auf diese Angstsymptome gerichtet, was dazu führt, dass man sich besser an sie erinnert. Übrigens: Auch die Eltern können mit ihrem eigenen Umgang mit Panik dazu beitragen, wie Kinder das Thema einschätzen lernen. Denn wenn Eltern regelmäßig auch in harmlosen Situationen stark panisch reagieren, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass Kinder dieses Verhalten übernehmen.
3 Weitere Risikofaktoren
· Krankheitserfahrungen in der Kindheit: Studien deuten darauf hin, dass es möglich ist, körperliche Symptome bedrohlicher zu bewerten, wenn man bereits in der Kindheit Erfahrungen mit beispielsweise Atemwegserkrankungen oder anderen schweren Erkrankungen gemacht hat.
· Trennungserfahrungen: Der Verlust wichtiger Bezugspersonen könnte ein Risikofaktor für die Entwicklung einer Agoraphobie sein.
· Lernerfahrungen in der Kindheit: Auch das familiäre Umfeld kann eine Rolle spielen. Als Risikofaktoren gelten unter anderem ein überbehütender oder wenig wärmebetonter Erziehungsstil sowie belastende oder traumatische Kindheitserfahrungen (Balaram & Marwaha, 2023). Erleben Kinder zudem, dass Bezugspersonen auf harmlose Körpersignale ängstlich reagieren oder Situationen meiden, können sie dieses Muster übernehmen.
Wie wird Agoraphobie behandelt?
Eine Agoraphobie kann gut mithilfe einer Psychotherapie behandelt werden. Dabei hat sich vor allem die kognitive Verhaltenstherapie als hilfreich erwiesen. Ziel der Therapie bei Agoraphobie ist es, wieder angstfreier am beruflichen und sozialen Alltag teilnehmen zu können. Es geht darum, wieder selbstbestimmter zu leben und der Angst das Steuer aus der Hand zu nehmen.
Auch die offizielle medizinische Leitlinie sieht das so: Die deutsche S3-Leitlinie zur Behandlung von Angststörungen empfiehlt als Mittel der ersten Wahl die kognitive Verhaltenstherapie – bei Bedarf ergänzt um ein Medikament aus der Gruppe der SSRI oder SNRI (Bandelow et al., 2021).
Der Teufelskreis der Angst
Bei der Agoraphobie spielt die eigene Bewertung der Situation eine zentrale Rolle. Ein besonderer Teufelskreis entsteht, der oft schon beginnt, bevor die gefürchtete Situation überhaupt eintritt: mit der Angst vor der Angst. Fachlich spricht man von Phobophobie, auch Erwartungsangst genannt.
Schon vor einer bestimmten Situation entsteht die Sorge, dass dort etwas Schlimmes passieren könnte. Betroffene fürchten zum Beispiel, in der Bahn, im Supermarkt oder in einer Menschenmenge plötzlich starke Körpersymptome zu bekommen und dann nicht schnell genug wegzukommen oder keine Hilfe zu erhalten.
So kann bereits der Gedanke: „Was, wenn ich hier Herzrasen bekomme und nicht rauskomme?“, Anspannung auslösen. Diese Anspannung verstärkt wiederum körperliche Symptome wie Schwindel, Herzklopfen oder Engegefühl. Und genau diese Symptome werden dann selbst als bedrohlich bis lebensbedrohlich bewertet: „Das muss etwas Ernstes sein.“ Dadurch verstärkt sich die Angst bis hin zur Panik, was die körperlichen Symptome noch weiter zunehmen und bedrohlicher wirken lässt.
Dieses Prinzip – bedrohliche Bewertung der Situation, Angst, Wahrnehmung körperlicher Reaktionen, erneute bedrohliche Bewertung – wird auch als Teufelskreis der Angst (Angstspirale) bezeichnet.

Die Flucht aus dem Teufelskreis der Angst
Viele Betroffene flüchten vor Situationen, die ihnen Angst machen. In der Psychologie wird dies als Vermeidungsverhalten bezeichnet. Das führt kurzfristig zu einem raschen Abfall der Angst, hält sie aber langfristig aufrecht.
Durch Vermeidungsverhalten (auch Rückzugs- oder Fluchtverhalten) können Menschen mit Agoraphobie nämlich nicht die Erfahrung machen, dass die gefürchteten Situationen und ihre Angstsymptome ungefährlich sind. Aus diesem Grund wird in der Psychotherapie ein anderer Weg aus dem Teufelskreis beschritten. Sehen wir uns das genauer an:
Konfrontation mit der Situation (Exposition)
In der Psychotherapie werden, nach ausreichender Vorbereitung, genau die Situationen aufgesucht, vor denen Betroffene Angst haben. Diese Expositionstherapie (Konfrontationstherapie) verfolgt ein klares Ziel: die direkte Erfahrung zu machen, dass die Angst oder Panik nicht wirklich bedrohlich ist. Außerdem erleben Betroffene so, dass die Angst weniger wird, je länger sie in der Situation bleiben. Unser Körper ist nämlich nicht in der Lage, dauerhaft in einem akuten Angstzustand zu sein.
In der Psychologie nennt sich dieses Phänomen „Habituation“, was so viel wie „Gewöhnung“ bedeutet. Wir gewöhnen uns an die Situation und die erlebte Angst. Dadurch nimmt die Intensität der Angst immer weiter ab. Gerade am Anfang einer Therapie ist es aber durchaus normal, dass Angst und Symptome erstmal stärker auftreten. Denn es kann eine Weile dauern, bis man sich an die Situationen gewöhnt hat, die normalerweise Angst auslösen.
Dieses Vorgehen wirkt auch direkt dem Vermeidungsverhalten entgegen: Statt direkt aus der Situation zu flüchten, siehst du der Angst ins Auge.
Interozeptive Exposition – die Angst vor den Körpersymptomen üben
Viele Menschen mit Agoraphobie fürchten weniger den Ort selbst als die eigenen Körperreaktionen: das Herzrasen, den Schwindel, die Enge in der Brust. Solche Empfindungen lösen dann oft automatische Angstgedanken aus, zum Beispiel: „Oh je, jetzt werde ich bestimmt gleich ohnmächtig“ oder „Habe ich einen Herzinfarkt?“
Bei der sogenannten interozeptiven Exposition werden genau diese Empfindungen gezielt und in sicherem Rahmen hervorgerufen – zum Beispiel durch bewusstes Treppensteigen für Herzklopfen, kurzes schnelles Atmen für Schwindel oder Drehen auf einem Stuhl für Benommenheit.
So machst du die Erfahrung: Diese Empfindungen sind unangenehm, aber harmlos – und sie gehen vorüber. Studien zeigen, dass Expositionsübungen besonders wirken, wenn sie nicht nur auf Gewöhnung setzen, sondern gezielt alte Befürchtungen widerlegen (Craske et al., 2014). Auch in digitalen Therapieprogrammen erhöht gerade die interozeptive Exposition die Wirksamkeit (Jung et al., 2025). Solche Übungen sollten zunächst therapeutisch begleitet werden.
Versteckte Vermeidung – das Sicherheitsverhalten
Nicht jede Vermeidung ist offensichtlich. Manche Betroffene gehen zwar in die gefürchtete Situation, sichern sich aber unauffällig ab: Sie haben immer eine Wasserflasche oder Beruhigungstabletten dabei, setzen sich nur an den Rand, halten sich am Einkaufswagen fest oder rufen ständig eine Vertrauensperson an. Dieses sogenannte Sicherheitsverhalten beruhigt kurzfristig.
Langfristig hält Sicherheitsverhalten die Angst aber genauso aufrecht wie die offene Vermeidung. Denn der innere „Beweis“ bleibt aus: Du erlebst nicht, dass die Situation auch ohne dein Sicherheitsnetz ungefährlich ist (Helbig-Lang & Petermann, 2010). In der Therapie geht es deshalb darum, solche Hilfsmittel Schritt für Schritt loszulassen.
Medikamentöse Behandlung der Agoraphobie
Manchmal wird die Psychotherapie durch Medikamente ergänzt – vor allem bei stärker ausgeprägten Beschwerden. Am häufigsten kommen sogenannte SSRI (selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer) zum Einsatz, oft in Kombination mit kognitiver Verhaltenstherapie (Balaram & Marwaha, 2023; Bandelow et al., 2021). Beruhigungsmittel wie Benzodiazepine können Angst kurzfristig dämpfen, sind wegen der Abhängigkeitsgefahr aber nur sehr begrenzt geeignet.
Wichtig: Medikamente allein wirken in der Regel weniger gut als die Kombination mit Psychotherapie. Für schwer behandelbare Fälle werden weitere Wirkstoffe erforscht (Garakani et al., 2020). Welche Behandlung für dich sinnvoll ist, besprichst du am besten mit deiner Ärztin oder deinem Arzt.
Wie lange dauert eine Agoraphobie an – und ist sie heilbar?
Eine berechtigte Frage, wenn die Angst gerade dein Leben bestimmt. Die gute Nachricht zuerst: Eine Agoraphobie ist gut behandelbar. Ohne Behandlung kann sie jedoch länger anhalten und einen chronischen Verlauf nehmen. In schweren Fällen kann sich der eigene Bewegungsradius durch die Vermeidung immer weiter einschränken – manchmal so stark, dass Betroffene kaum noch das Haus verlassen (Balaram & Marwaha, 2023).
Mit Behandlung sieht es deutlich besser aus. Metaanalysen belegen, dass die kognitive Verhaltenstherapie bei Panikstörung und Agoraphobie sehr wirksam ist – mindestens so wirksam wie eine medikamentöse Behandlung (Mitte, 2005). Viele Betroffene erleben eine deutliche Besserung; Schätzungen gehen davon aus, dass rund 70–80 % von einer Verhaltenstherapie spürbar profitieren.
Wie lange das dauert, ist individuell verschieden. Oft zeigen sich erste Fortschritte innerhalb weniger Wochen, eine ambulante Verhaltenstherapie umfasst aber häufig mehrere Monate. Entscheidend sind weniger „schnelle“ Erfolge als deine aktive Mitarbeit – vor allem die Bereitschaft, dich der Angst Schritt für Schritt zu stellen.
Wie funktioniert Selbsthilfe bei Agoraphobie?
Was kannst du konkret tun, wenn du Angst vor Menschenmassen oder Platzangst hast? Wir haben einige wirksame psychologische Strategien zur Selbsthilfe für dich zusammengestellt:
Tipp 1: Atmen
Um Hyperventilieren (schnelles und tiefes Einatmen) zu vermeiden, kannst du versuchen, tief in den Bauch hinein zu atmen. Dafür legst du am besten die Hand auf den Bauch und nimmst wahr, wie er sich langsam hebt und senkt.
Tipp 2: Gedanken-Check
Versuche, dir immer wieder ins Gedächtnis zu rufen: Angstgefühle und die damit verbundenen Körperreaktionen sind zwar unangenehm, aber nicht gefährlich oder schädlich.
Tipp 3: Akzeptanz
Auch wenn es in der Situation kaum vorstellbar erscheint: Die Angst wird vorübergehen. Du musst deine Angst nicht bekämpfen oder vor ihr weglaufen. Sie wird ganz von alleine abebben. Trotzdem musst du da nicht alleine durch. In der Psychotherapie kannst du dich deiner Angst mit Unterstützung stellen.
Tipp 4: Ablenkung
Versuche, statt deine Aufmerksamkeit auf deine Körperempfindungen zu lenken, deine Umgebung wahrzunehmen.
Tipp 5: Um Hilfe bitten
Auch wenn viele Menschen nicht darüber sprechen: Die meisten von uns kennen Ängste, wenn auch in einer nicht ganz so starken Form. Traue dich daher, wenn du in Begleitung bist, deiner Begleitperson davon zu erzählen, was du gerade fühlst. Zwar können die Worte der anderen Person deine Angst nicht beseitigen, aber du musst da nicht alleine durch, kannst emotionale Unterstützung erhalten und vielleicht auch Hilfe bei der Suche nach einer Psychotherapie.
Was sind effektive digitale Therapieangebote bei Agoraphobie?
Wirken solche Programme wirklich? Ja – das ist gut belegt. In einer randomisierten Studie reduzierte das Therapieprogramm von HelloBetter (ehemals GET.ON) Panik- und Agoraphobiesymptome im Vergleich zu einer Kontrollgruppe deutlich – mit einem Effekt, der sich in den Monaten nach der Behandlung sogar noch verstärkte (Ebenfeld et al., 2021). Auch unabhängig von HelloBetter zeigt eine Metaanalyse zu digitaler Verhaltenstherapie bei Panik und Agoraphobie eine deutliche Wirkung (Jung et al., 2025).






