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Hikikomori – der Rückzug aus dem Leben

Hast du schon einmal von dem Begriff „Hikikomori“ gehört und fragst dich, was wohl dahinter steckt? Der Begriff beschreibt ein Phänomen, das aus Japan kommt und dort zum ersten Mal in den 1970er Jahren beschrieben wurde. Im Japanischen spricht man, um genau zu sein von „Shakaiteki hikikomori“, was so viel wie sozialer Rückzug bedeutet. Betroffen sind überwiegend junge Erwachsene, die sich von der Gesellschaft, Freundinnen, Freunden und Familie zurückziehen. Einige von ihnen verbringen Jahrzehnte isoliert in ihrem eigenen Zuhause. Aber was genau bringt einen Menschen dazu, das eigene Zimmer oder die eigene Wohnung über einen so langen Zeitraum nicht zu verlassen? Und gibt es dieses Phänomen auch bei uns? In diesem Artikel erfährst du alles, was du zum Hikikomori-Phänomen wissen musst.

Was steckt hinter dem Begriff Hikikomori?

Bei den sogenannten Hikikomori handelt es sich überwiegend um junge, vor allem männliche Erwachsene (von 5 Hikikomori sind 4 männlich), typischerweise im Alter von 20-30 Jahren, die sich fast gänzlich aus dem gesellschaftlichen Leben zurückziehen. Sie verlassen ihr Zimmer nur, wenn unbedingt nötig, verweigern den Schulbesuch oder die beruflichen Verpflichtungen und auch jede sonstige Teilnahme am Zusammenleben mit ihren Mitmenschen. Obwohl die meisten Hikikomori noch in ihrem Elternhaus leben und von den Eltern weiterhin umsorgt werden, ist selbst der Kontakt zur eigenen Familie häufig stark eingeschränkt.

In einigen Fällen verbleiben die Hikikomori über Jahre oder sogar Jahrzehnte in diesem isolierten Zustand. Oft versorgen die zunehmend älter werdenden Eltern ihr Kind, bis sie aufgrund von Krankheit dazu nicht mehr in der Lage sind. Nach dem Tod der Eltern spitzt sich die Situation für viele Hikikomori weiter zu. Die fehlende alltägliche Unterstützung und finanziellen Ressourcen führen in den schlimmsten Fällen zum Tod der Zurückgezogenen. 

Da das Phänomen seit den ersten Beobachtungen immer weiter zugenommen hat (schätzungsweise sind 1,2 % der japanischen Gesellschaft mindestens einmal in ihrem Leben betroffen), gibt es in Japan neben staatlichen Hilfsangeboten mittlerweile einen ganzen Markt für überforderte Eltern und betroffene Jugendliche. Die Angebote reichen von Ratgeberbüchern bis hin zu Seminaren, in denen Eltern den Umgang mit ihren zurückgezogenen Kindern erlernen sollen. In besonders schwerwiegenden Fällen versuchen Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter die Familie oder die allein lebenden Hikikomori in Form von Hausbesuchen zu unterstützen. Schamgefühle über die eigene Situation führen jedoch häufig dazu, dass die Betroffenen die Hilfe kaum oder nur wenig annehmen können.

Hikikimori: Definition

Auch, wenn die ersten Erwähnungen von Hikikomori bereits in den 1970er-Jahren aufgetreten sind, wurde das Phänomen erst in den 1990er-Jahren durch den in Japan populären Psychiater Tamaki Saito der breiten Masse bekannt. Anfang des neuen Jahrtausends wagte das japanische Ministerium für Gesundheit, Arbeit und Soziales dann einen ersten, offiziellen Definitionsversuch, der auch heute noch Gültigkeit hat. Die folgenden Punkte sind laut dieser Definition kennzeichnend für das Hikikomori-Syndrom:

  • Ein Lebensstil, der sich auf das eigene Zuhause konzentriert
  • Die betroffene Person verweigert neben der Teilnahme an schulischen oder beruflichen Verpflichtungen zusätzlich den Umgang mit anderen Menschen 
  • Die Symptome müssen länger als 6 Monate bestehen
  • Geistige Behinderung sowie Schizophrenie oder andere psychische Störungen wurden ausgeschlossen

Warum wird jemand zum Hikikomori?

Die Frage, warum jemand zum Hikikomori wird, hat seit den ersten Definitionsversuchen dieses Phänomens eine Vielzahl von wissenschaftlichen Arbeiten inspiriert. Ähnlich wie bei den meisten psychischen Störungen sind die Ursachen auch beim Hikikomori-Phänomen vielfältig.

Gesellschaftlicher Druck

Ein wichtiger und von den Hikikomori selbst immer wieder genannter Grund für den Rückzug in das eigene Zuhause ist der in Japan herrschende gesellschaftliche Druck – Druck in die Gesellschaft zu passen, einen vorzeigbaren Beruf auszuüben und dem eigenen Umfeld nicht zur Last zu fallen. Menschen, die anders sind, sich nicht anpassen können oder wollen, haben es schwer in Japan. Weil das Auflehnen gegen die Gesamtgesellschaft fast unmöglich erscheint und mit starken Gefühlen von Scham verbunden ist, ziehen sich viele Hikikomori aus der Gesellschaft zurück. Erschwerend kommen Veränderungen auf dem japanischen Arbeitsmarkt hinzu. Weniger dauerhafte Anstellungen führen dazu, dass Arbeitnehmer und -nehmerinnen, die den oft sehr starken Leistungsdruck nicht aushalten können, schneller in die Arbeitslosigkeit geraten. Der Beginn der Arbeitslosigkeit ist für viele Hikikomori zugleich der Beginn ihres Rückzuges.

Abhängigkeit

Eine Ursache, die immer wieder genannt wird, ist die emotionale Abhängigkeit der jungen Erwachsenen von ihren Eltern. Diese Abhängigkeit ist in Japan kulturell bedingt häufig stärker ausgeprägt als in vergleichbaren westlichen Ländern. Das liegt zum einen daran, dass es in Japan in vielen Gegenden noch üblich ist, bis zur eigenen Hochzeit bei den Eltern zu leben. Zum anderen ist das Verhältnis zur Mutter durch den in Japan oft abwesenden Vater in vielen Fällen sehr nah und eng. Für die hohe Abhängigkeit zwischen Mutter und Kind gibt es im Japanischen sogar einen eigenen Begriff, nämlich „Amae”. Amae beschreibt dabei den Wunsch, von der Mutter geliebt und fürsorglich behandelt zu werden.

Scham

Eine weitere und ebenfalls kulturell bedingte Ursache ist das Gefühl der Scham. Während westliche Kulturen in der Regel ein hohes Maß an Eigenständigkeit und Individualität wertschätzen, wird in östlichen Kulturen oftmals eine starke Anpassung an Mitmenschen und die eigene Gruppe erwartet. Sich selbst „zu zeigen“ ist daher oft mit Scham verbunden, denn die eigene Selbstverwirklichung geht oft mit der Abgrenzung von zumindest einigen Mitmenschen einher. Einige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vermuten, dass das Verhalten der Hikikomori als stiller Protest gegen eine Gesellschaft verstanden werden kann, von der die Betroffenen sich abgrenzen wollen. Da diese Abgrenzung jedoch nicht gern gesehen wird und mit Scham verbunden ist, ziehen sich die Hikikomori still zurück.

Digitale Kommunikation 

Seitdem wissenschaftliche Untersuchungen zeigen konnten, dass es das Hikikomori Phänomen auch außerhalb von Japan gibt, sind weitere, nicht kulturell bedingte Ursachen in den Vordergrund gerückt. Als ein kulturübergreifender Grund wird dabei die digitale Kommunikation vermutet, die es erleichtert, sich zwar räumlich von Mitmenschen abzugrenzen, dabei jedoch zumindest digital in Kontakt zu bleiben. Das Problem dabei ist: Die digitale Kommunikation kann nur einen Teil des zwischenmenschlichen Miteinanders abbilden. Gemeinsame physische Aktivitäten, wie zum Beispiel das Zusammenkommen in einem Sportverein oder das beiläufige Miteinander im Schulkontext, bleiben dennoch auf der Strecke.

Hikikomori im Zusammenhang mit psychischen Störungen 

Auch wenn das Hikikomori-Phänomen selbst nicht als eigenständige psychische Störung diagnostiziert wird, kann es gemeinsam mit einer Vielzahl an psychischen Störungen auftreten. Häufige Begleiterscheinungen von Hikikomori sind Depressionen, soziale Ängste, vermeidende Persönlichkeitsstörungen, Autismus und leichte Formen von Schizophrenie. Also vor allem Störungen, die in ihrem Kern mit einem niedrigen Selbstwert oder Problemen im Umgang mit den Mitmenschen und der eigenen Umwelt in Zusammenhang stehen.

Wichtig ist: Auch wenn das Hikikomori-Phänomen gemeinsam mit psychischen Störungen wie Ängsten und Depressionen auftritt, wird es dennoch als eigenständiges Phänomen betrachtet. Dahinter steckt die Tatsache, dass sich das Kernsymptom des extremen sozialen Rückzugs in dieser ausgeprägten Art und Weise in keiner der bereits bestehenden psychischen Störungen wiederfinden lässt.

Gibt es das Phänomen auch bei uns?

Erste wissenschaftliche Untersuchungen gehen zwar davon aus, dass es vergleichbare Fälle des Hikikomori-Phänomens auch in Europa gibt. Dabei scheint es jedoch einen entscheidenden Unterschied zu geben: Während das Hikikomori Phänomen in Japan als eigenständiges Phänomen gilt, gehen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler davon aus, dass es sich bei dem Rückzug in die eigenen vier Wände bei uns in Europa eher um eine Folge anderer psychischer Erkrankungen handelt.

Menschen, die depressiv und sozial ängstlich sind, können beispielsweise dazu neigen, sich in das geschützte eigene Zuhause zurückzuziehen. In einem solchen Fall geht es also nicht wie in Japan hauptsächlich um den Rückzug aus der Gesellschaft. Der Rückzug in den eigenen geschützten Raum ist eher eine Folge von Depressionen und Ängsten, wie etwa einer sozialen Phobie. Da die Hikikomori in Japan jedoch ebenfalls starke Zusammenhänge mit Ängsten und Depressionen zeigen, ist eine solche Abgrenzung nicht ganz eindeutig zu treffen. 

Warum ist der Rückzug der Hikikomori so problematisch?

Eins ist klar: Seit der Covid-Pandemie in den letzten Jahren haben große Teile der Weltbevölkerung erfahren, wie sich die Isolation im eigenen Zuhause anfühlt. Das war für viele sehr belastend. Und dennoch berichteten einige Menschen nach Monaten der Isolation von einer Angst vor dem Ende des Lockdowns und vor dem Wiederbeginn des normalen Lebens. Diese Angst ist vergleichbar mit den Befürchtungen der  Hikikomori, denen mit zunehmender Zeit der Isolation ein Wiedereinstieg in die Gesellschaft immer unmöglicher  erscheint. 

Anders als der staatlich vorgeschriebene Lockdown in der Covid-Pandemie, wählen die Hikikomori die Isolation jedoch scheinbar freiwillig. Der Rückzug in das eigene Zuhause scheint zunächst eine guter Weg  zu sein, um dem gesellschaftlichen Druck zu entfliehen. Das Problem dabei ist, dass der Rückzug in der Regel nur kurzfristig Erleichterung verschafft. Mit zunehmender Zeit in der Isolation entstehen beziehungsweise verstärken sich bei vielen Betroffenen Ängste und Depressionen.

Viele Hikikomori realisieren, dass sie den Problemen zwar in gewisser Weise aus dem Weg gehen können, diese jedoch weiterhin bestehen bleiben.

So schämen sich viele Eltern für ihre zurückgezogenen Kinder. Diese Scham bekommen auch die Hikikomori mit. Der gesellschaftliche Druck bleibt also trotz Isolation weiterhin bestehen.

Therapie bei Hikikomori – Welche Möglichkeiten gibt es? 

Auch wenn das Hikikomori-Phänomen nicht als eigenständige psychische Erkrankung gesehen wird, können psychotherapeutische Maßnahmen die Betroffenen dabei unterstützen, einen Ausweg aus ihrer Lage zu finden. Für die Therapie des Hikikomori-Phänomens schlägt die japanische Regierung einen Vier-Schritte-Plan vor. Zunächst bezieht dieser den Betroffenen selbst sowie seine Familie ein. Anschließend ist die Teilnahme an einer Art Gruppentherapie mit weiteren Betroffenen vorgesehen, welche schließlich die probeweise Wiedereingliederung in die Gesellschaft zum Ziel hat. Vereinfacht gesagt ist neben der Ursachenfindung für den Rückzug also vor allem entscheidend, wieder in Kontakt mit dem eigenen Umfeld und der Gesellschaft als Ganzes zu kommen. 

Ein sinnvoller Schritt für Menschen, die unter dem Hikikomori-Phänomen leiden oder sich aufgrund von Ängsten und Depressionen in das eigene Zuhause zurückziehen, kann darüber hinaus die Teilnahme an einem psychologischen Online-Kurs sein. Die Teilnahme an einem solchen Online-Kurs kann eine erste Hilfestellung bieten, ohne dass Betroffene sofort ihren geschützten Raum verlassen müssen. In sogenannten Mutprojekten stellen sich Teilnehmende dabei zum Beispiel schrittweise ihrer Angst und erleben, wie die Angst mit der Zeit immer mehr nachlässt. Begleitete Programme wie etwa die Online-Therapiekurse von HelloBetter bringen Betroffene darüber hinaus mit echten Psychologinnen und Psychologen in Kontakt. So bieten sie einen einfachen Zugang zu qualifizierter, psychologischer Unterstützung. 

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Autorin:
Anna Unger-Nübel Psychologin
  • Quellennachweis
    1. Kato, T. A., Sartorius, N., & Shinfuku, N. (2020). Forced social isolation due to COVID‐19 and consequent mental health problems: Lessons from hikikomori. Psychiatry and clinical neurosciences.
    2. Kato, T. A., Kanba, S., & Teo, A. R. (2018). Hikikomori: experience in Japan and international relevance. World psychiatry, 17(1), 105.
    3. Teo, A. R. (2010). A new form of social withdrawal in Japan: a review of hikikomori. International journal of social psychiatry, 56(2), 178-185.
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