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Toxische Beziehungen erkennen und verändern

Friede, Freude, Beziehungsglück? Ständige Harmonie ist in Beziehungen, in denen wir jemandem sehr nahe stehen, wohl nicht möglich – und so schön es klingt, auch nicht wünschenswert. Insbesondere in Liebesbeziehungen können die Höhen und Tiefen nämlich dazu beitragen, einander besser kennen und auch lieben zu lernen. 

Doch was, wenn die Beziehung durch Konflikte nicht wächst, sondern mehr und mehr Leid ensteht? Woran können wir eine toxische Beziehung erkennen? Ist es möglich, eine toxische Beziehung zu verändern und wann ist es Zeit, eine toxische Beziehung zu beenden? 

Inhalt:

Was ist eine toxische Beziehung?

Der Begriff toxische Beziehung ist keine Diagnose, die zum Beispiel innerhalb einer Paartherapie gestellt werden kann. 

Toxisch hat eigentlich die Bedeutung giftig und wir bezeichnen schädliche Beziehungen als toxisch, weil wir uns selbst und uns gegenseitig durch die Beziehung – bildlich gesprochen – vergiften.

Toxische Beziehungen können dabei viele Gesichter haben. Sie können einerseits das Klischee erfüllen, dass ständig offensichtlich „die Fetzen fliegen”. Andererseits können Beziehungspartner und Beziehungenspartnerinnen sich auch unterschwellig emotionale Verletzungen zufügen. Paradoxerweise entsteht gerade durch diese Verletzungen die Anziehung in einer toxischen Beziehung. Denn so kommt es zu besonders schönen Wiedergutmachungen und Versöhnungen. Doch nicht nur das Wechselspiel von Verletzungen und Versöhnungen führt zum Suchtpotential toxischer Beziehungen. Je mehr Verletzungen wir „mitgemacht” haben, desto mehr haben wir nämlich auch das Gefühl, bereits in die Beziehung investiert zu haben und es fällt immer schwerer, sie zu verlassen.

Der Unterschied in der Sichtbarkeit einer toxischen Beziehung hat auch mit den unterschiedlichen Ausdrucksformen der Aggression zu tun. Wir können „aktiv” aggressiv sein und jemanden anschreien. Oder wir sind passiv aggressiv, indem wir jemanden zum Beispiel mit Schweigen strafen oder hinterrücks betrügen.

Das Gift, das wir schlucken

Nun hat jeder von uns garantiert schon mal den Partner oder die Partnerin angeschrien oder die kalte Schulter gezeigt. Irgendwann haben wir dann vielleicht gemerkt, dass uns das unglücklich macht. Entweder haben wir dann beschlossen, an uns und der Beziehung zu arbeiten, uns vielleicht sogar Unterstützung durch eine Psychotherapie oder Paartherapie gesucht. Oder wir sind zu dem Schluss gekommen, dass die Beziehung nicht funktioniert und haben uns getrennt.

In einer toxischen Beziehung schaffen wir es jedoch nicht, unser eigenes Wohlbefinden über die Aufrecht­erhaltung der Beziehung zu stellen. Das bedeutet: Wir können uns nicht lösen, obwohl uns die Beziehung nicht guttut.

Der erste Schritt, um dieses Muster zu durchbrechen, kann tatsächlich sein, es sich zunächst bewusst zu machen. Wenn wir nämlich erkennen und uns eingestehen können, dass wir einander und auch uns selbst mit der Beziehung schaden, steckt darin bereits die Möglichkeit zur Veränderung.

Wie viel Verletzung ist okay?

Es ist oftmals ein längerer Prozess toxische Beziehungen zu erkennen, zu verändern oder sich aus ihnen zu lösen. Zum Teil ist das deshalb so schwierig, weil wir Veränderung fürchten und um uns davor zu schützen, spielen wir herunter, was eigentlich passiert. Zwischendurch ist vielleicht „alles wieder gut”. Eventuell kommt es auch zu besonders schönen Versöhnungen und großen Gefühlen, die uns über die emotionalen Wunden hinwegtäuschen.

Letztendlich gibt es eben keine allgemeingültige Regel, wie viel emotionale Verletzungen in einer Beziehung normal und vielleicht auch unvermeidbar sind. Diese Grenzen kannst du nur selbst setzen.

Gerade wenn uns jemand sehr wichtig ist und wir uns so sehr wünschen, dass eine Beziehung funktioniert, kann uns das sehr schwerfallen. Höre in diesem Fall auf dein Bauchgefühl und achte auf spontane Gedanken wie: „Ich will das einfach nicht mehr”, „Am liebsten würde ich mich trennen”, oder: „So darf mich niemand behandeln.” 

Wichtig ist, dass du immer wieder versuchst, diese Grenzen ernstzunehmen und zu wahren. Dafür kann es auch enorm wichtig sein, aktiv deinen Selbstwert zu stärken und dich mit Selbstfürsorge selbst zu unterstützen.

Toxische Beziehungen und die Schuldfrage

Wenn wir unsere Beziehung eine Weile beobachten und merken, dass sie von toxischen Verhaltensmustern bestimmt wird, kann auch der Gedanke auftauchen: „Wenn mein Partner oder meine Partnerin sich einfach anders verhalten würde, hätten wir das Problem gar nicht.” Oder: „Wär ich doch bloß nicht so empfindlich.” Wir möchten also gerne einen Schuldigen ausfindig machen.

Das „Gift” in einer toxischen Beziehung ist jedoch keine Person, sondern entsteht durch das Zusammenspiel der Gedanken, Gefühle und des Verhaltens zweier Personen.

Daher bringt uns die Frage: Wer ist schuld? meistens nicht weiter. Stattdessen können wir uns fragen: Wie kommt es zu dieser schädlichen Dynamik zwischen uns?

Der Nutzen einer toxischen Beziehung

Was bringt uns dazu, eine Beziehung zu führen, die uns traurig, wütend, ruhelos und sorgenvoll macht? Die Antwort auf diese Frage ist vermutlich einer der Gründe, warum beide Beziehungspartner oder -partnerinnen die schädliche Dynamik aufrechterhalten.

Frage dich also einmal möglichst offen und ehrlich: Welche Vorteile bringt die toxische Beziehung mit sich? 

  • Möglich ist zum Beispiel, dass wir die Höhen der Beziehung ganz besonders genießen – gerade weil es so viele Tiefen gibt. 

  • Eine toxische Beziehung kann sich durch das Wechselbad der Gefühle auch besonders leidenschaftlich anfühlen. 

  • Es ist auch möglich, dass wir uns selbst besser fühlen, wenn der andere „austeilt” und wir „einstecken”, so erleben wir uns als guten Menschen in der Opferrolle und müssen nicht mit unseren eigenen Aggressionen in Kontakt kommen.

  • Eventuell ist auch genau das Gegenteil der Fall: Du fühlst dich stark, wenn du „der Täter” oder „die Täterin” bist und deinen Partner oder deine Partnerin zum Beispiel betrügst.

  • Vielleicht ähnelt die toxische Beziehung auch dem Verhältnis, das wir zu unseren Eltern oder einem Elternteil hatten. So können wir uns paradoxerweise in unserem Unglück geborgen fühlen, weil es uns vertraut ist.

  • Möglich ist auch, dass wir die Beziehung schon so lange führen, dass wir die Ungewissheit fürchten, wenn wir – im Falle einer Trennung – alleine wären, weil die Beziehung uns, wenn schon kein Glück, zumindest Sicherheit gibt.

Es kann hilfreich sein, sich über den Nutzen einer toxischen Beziehung klar zu werden, weil wir damit auch Ideen und Strategien entwickeln können, auf welche andere Art und Weise wir uns den Wunsch nach zum Beispiel Leidenschaft oder Geborgenheit in unserem Leben erfüllen können. Bei der Suche nach diesen Alternativen und auch um beispielsweise mit den eigenen Aggressionen und elterlichen Beziehungsmustern in Kontakt zu kommen, kann psychotherapeutische Unterstützung sinnvoll sein.

Toxische Beziehungen verändern: Wunden und Waffen 

Da es sich bei toxischen Beziehungen um eine schädliche Beziehungsdynamik handelt, kann Veränderung in der Regel nur gelingen, wenn beide Beteiligten an sich und der Beziehung arbeiten wollen und diesen Willen auch in die Tat umsetzen. Das kann mitunter ein langer Prozess sein, bei dem eine paartherapeutische Begleitung sehr sinnvoll sein kann – und selbst dann können die Bemühungen manchmal nicht zum gewünschten Erfolg führen.

Für eine erste Veränderung kann das Vorgehen „Wunden statt Waffen” hilfreich sein. Dabei geht es darum, dass wir in Beziehungen dazu tendieren – und in toxischen Beziehungen kaum anders handeln können –, als unsere zwischenmenschlichen Waffen zu ziehen. Das bedeutet: aktiv oder passiv aggressiv zu reagieren, wenn die andere Person uns absichtlich oder unabsichtlich verletzt. Dadurch kann ein Teufelskreis entstehen, einander immer tiefer seelisch zu verletzen. Statt unsere Waffen zu zücken, können wir jedoch auch unsere Wunden zeigen, indem wir zum Beispiel sagen: „Deine Worte haben mich verletzt.” 

Die eigene Verletzlichkeit preiszugeben ist zunächst nicht unbedingt angenehm, aber es kann der Kommunikation eine ganz neue Richtung geben.

Sich lösen und toxische Beziehungen beenden

Beziehungen zu beenden – und seien sie noch so unerträglich – ist für die meisten Menschen mit viel Überwindung und Leiden verbunden. Es ist daher verständlich, falls dir allein der Gedanke sehr schwerfällt, dich aus einer toxischen Beziehung zu lösen. Manchmal braucht es in toxischen Beziehungen auch mehrere Anläufe, bis eine Trennung gelingt. Das kann, wie in den vorangegangenen Absätzen beschrieben, auch tieferliegende Gründe haben, die du dir gemeinsam mit einem Psychotherapeuten oder einer Psychotherapeutin genauer ansehen kannst. Falls du mit dem Gedanken spielst, eine Psychotherapie zu beginnen, findest du in unseren Artikeln zu den Themen Psychotherapieplatz finden und Ablauf einer Psychotherapie mehr Informationen.

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