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Was tun, wenn wir es allen recht machen wollen?

Die kurze Antwort auf diese Frage haben wir vermutlich alle schon einmal gehört oder können sie uns selbst denken: Wir sollten damit aufhören. Denn es allen recht zu machen, kann erstens nicht funktionieren und zweitens übergehen wir dabei höchstwahrscheinlich manchmal das, was wir selbst wollen. 

Trotzdem gibt es Menschen – und ich zähle mich dazu – die das zwar wissen, aber immer wieder in diese Falle tappen und zum Beispiel zwei Abendessen kochen, damit beide Kinder glücklich sind. Die Krux ist: Wenn wir es allen recht machen wollen, fühlen wir uns häufig am Ende des Tages gestresst und die anderen sind trotzdem nicht (alle) zufrieden. Wie können wir diesem „Anpassungsdrang” also widerstehen?

Die Psychologie dahinter: Warum wir es allen recht machen wollen

Es kann verschiedene Gründe geben, warum wir es allen recht machen wollen, wir möchten dir 4 von ihnen vorstellen:

1Angst vor Ablehnung

Es allen recht machen zu wollen, kann zum Beispiel eine Reaktion auf die Angst vor Ablehnung sein. Wir fürchten, dass andere uns nicht (mehr) mögen, wenn wir es ihnen nicht recht machen. Das könnte wiederum unser Bedürfnis nach Bindung verletzen, denn wir wollen Teil einer Gruppe sein und uns zugehörig fühlen.

2Konfliktvermeidung

Wenn wir etwas anderes wollen als unser Gegenüber, kann es zu Diskussionen, vielleicht sogar zu Streit kommen. Diese Unstimmigkeiten sind vielen Menschen unangenehm, zum Beispiel weil wir Angst vor emotionalen Verletzungen haben, zu denen es im Konfliktfall kommen könnte.

3Andere schützen

Es kann auch sein, dass wir Sorge um andere haben, die es vermeintlich nicht aushalten würden, wenn wir es ihnen nicht recht machen. Wir wissen, wie unangenehm es sich anfühlen kann, frustriert oder wütend zu werden und wollen anderen Menschen dieses Leid ersparen.

4Unersetzbar sein

Eine Kollegin, auf die man immer zählen kann, ein Freund, der nie Nein sagt, ein Vater, der den Kindern alles erlaubt – wenn wir es allen recht machen wollen, kann auch der Wunsch dahinter stecken, dass wir für andere schwer ersetzbar sind. Auch wenn das vielleicht kein bewusstes Vorhaben ist, können andere dadurch regelrecht von uns abhängig werden und wir fühlen uns gebraucht und bestätigt. Möglicherweise versuchen wir damit einen niedrigen Selbstwert auszugleichen.

Wenn wir es allen recht machen wollen, können weitere, auch ganz individuelle Gründe oder eine Kombination der oben genannten Gründe eine Rolle spielen. Aber die Frage ist …

Was ist anderen überhaupt recht? 

Ob es um Bindung, Harmonie, den Schutz anderer oder den Wunsch, unersetzbar zu sein geht:

Letztendlich wissen wir häufig gar nicht, was anderen überhaupt recht ist. Schon gar nicht können wir immer wissen, was das Beste für andere ist.

Anders ausgedrückt: Wir verhalten uns oft bloß so, wie wir denken, dass es nützlich für andere ist oder wie es ihnen gefallen könnte. Wenn wir uns jedoch vor Augen führen, dass es meist nur unsere eigenen Vorstellungen sind, mit denen wir uns unter Druck setzen, kann uns das dabei helfen, es nicht mehr allen recht machen zu wollen – und das kann viele Vorteile haben.

Warum müssen wir es gar nicht allen recht machen?

Vielleicht hast du es selbst schon erlebt, dass du zum Beispiel wolltest, dass eine Verabredung zustande kommt. Die andere Person hatte jedoch keine Zeit für dich und hat ihre Termine auch nicht umgelegt, um es dir recht zu machen und dich zu treffen. Auch wenn wir in solchen Fällen enttäuscht, frustriert oder sogar wütend sein können, so halten diese unangenehmen Gefühle meistens nicht lange an und wir können einiges durch diese Erfahrung lernen, zum Beispiel:

  • Dass wir unangenehme Gefühle aushalten können und sie sich verändern.
  • Dass wir nicht abhängig von einer anderen Person sind und andere Pläne schmieden können.
  • Dass Zuneigung und Wertschätzung nicht davon abhängig sind, dass wir es einander recht machen, denn sehr wahrscheinlich magst du die andere Person auch weiterhin und sie dich auch.

Alfred Adler, Begründer der Individualpsychologie, spricht im Zusammenhang mit dem letzten Punkt davon, andere Menschen auf der „Ebene des Seins” und nicht auf der „Ebene des Tuns” wertzuschätzen. Das bedeutet, wir mögen oder lieben uns nicht, weil wir uns bemühen, es einander recht zu machen, sondern weil wir genauso sind, wie wir sind.

Sowohl die andere Person als auch du habt also die Freiheit, das zu tun, was euren eigenen Bedürfnissen entspricht, ohne füreinander an Wert zu verlieren.

Was kann ich dafür tun, damit andere mich wertschätzen, ohne dass ich es ihnen recht mache? 

Alles, was du tun kannst, ist du selbst zu sein und darauf zu vertrauen, dass dein „natürliches Selbst” liebenswert ist. Das Stichwort lautet also Selbstliebe.

Nicht, indem du es allen recht machst, musst du dir Zuneigung verdienen, sondern indem du anderen zeigst, wer du wirklich bist, gibst du ihnen die Chance, dich zu lieben.

Perfektionismus und Überforderung sind also überflüssig. Konkret bedeutet das: Du darfst sagen, was du willst und was du nicht willst und darauf vertrauen, dass die Beziehung zu anderen dadurch keinen Schaden nimmt, sondern wächst und gedeiht. 

Andersherum gilt es genauso: Auch die Menschen, mit denen du es zu tun hast, dürfen sich „natürlich” verhalten, ohne befürchten zu müssen, dass du sie dafür weniger gern hast. Praktisch bedeutet das zum Beispiel nicht beleidigt zu reagieren, wenn jemand keine Zeit für dich hat. In den wenigsten Fällen handelt es sich dabei um etwas Persönliches. Stattdessen kannst du gelassen bleiben, die Zeit alleine verbringen oder dich mit jemand anderem treffen. Dafür kann es hilfreich sein, dich auch mit den Themen emotionale Abhängigkeit und Selbstfürsorge zu beschäftigen.

Wenn es darum geht, es allen recht machen zu wollen, könnte die Devise also lauten: Weniger Druck und weniger tun, mehr Wertschätzung, Liebe und Vertrauen. Was es sicherlich dazu braucht, ist die Bereitschaft zur Selbstreflexion, Übung und den Mut, du selbst zu sein. 

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Autorin:
Victoria Bindrum Psychologin
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