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Nächtlicher Harndrang: Ursachen und Selbsthilfe bei Nykturie

Gerade erst eingeschlafen und schon wirst du wieder wegen dringendem Harndrang wach. Was, wenn das öfter vorkommt und du dich morgens nicht ausgeruht fühlst? In diesem Artikel erklären wir dir die häufigsten Ursachen von nächtlichem Harndrang und geben dir Tipps zum Umgang damit.

Nykturie – was heißt das eigentlich?

Der Begriff Nykturie bedeutet erst mal nur, dass man wegen des Harndrang nachts aufwacht und daraufhin zur Toilette gehen muss. Ein nächtlicher Harndrang sollte im Idealfall die Ausnahme sein (zum Beispiel, wenn du abends viel getrunken hast) und nicht in jeder Nacht vorkommen. Musst du regelmäßig zweimal oder häufiger in der Nacht zur Toilette, dann wird eine ärztliche Abklärung empfohlen. Etwa drei Viertel aller Männer und Frauen in hohem Lebensalter (über 65 Jahren) leiden an Nykturie. Aber auch bei jüngeren Menschen zwischen 20 und 40 Jahren ist etwa jeder Fünfte bis Sechste betroffen.  

Schlafstörungen und weitere Folgen des nächtlichen Harndrangs

Nächtlicher Harndrang ist einer der häufigsten Gründe für Durchschlafstörungen. Durch den verkürzten Schlaf in der Nacht fühlen sich viele Betroffene am nächsten Tag unausgeruht, müde und abgeschlagen. Die Folge sind Konzentrationsprobleme und eine geringere Leistungsfähigkeit. Das kann sich sowohl im Beruf als auch im Privatleben negativ auswirken. Wer schon mal schlecht geschlafen hat, weiß, dass die Stimmung oft ebenfalls darunter leidet. Im schlimmsten Fall kann der Schlafmangel weitere Folgen wie dauerhafte Schlafstörungen und Depressionen haben. Es lohnt sich also, der Ursache auf den Grund zu gehen. 

Nächtlicher Harndrang – welche Ursachen gibt es?

Normalerweise produziert der Körper im Wachzustand deutlich mehr Urin als während des Schlafens. Deshalb musst du nachts eigentlich nicht zur Toilette. Es gibt aber verschiedene Gründe, warum das bei manchen Personen anders ist. Häufig sind die nächtlichen Toilettengänge ein Alarmsignal, das auf mögliche Erkrankungen hinweist, die behandelt werden können und sollten. Die Art der Behandlung kann dabei ganz unterschiedlich sein und hängt davon ab, welche Ursache hinter dem nächtlichen Wasserlassen liegt. Im Folgenden zeigen wir dir die häufigsten Ursachen des nächtlichen Harndrangs:

1Diabetes insipidus

Diese Hormonstörung hat erst mal nichts mit der klassischen Zuckerkrankheit zu tun, die man typischerweise unter Diabetes versteht. Wie so ziemlich alle Vorgänge im Körper wird auch der Wasserhaushalt durch Hormone reguliert. Das hier wichtigste Hormon nennt sich antidiuretisches Hormon – kurz ADH. Es wird normalerweise vor allem nachts ausgeschüttet. ADH sorgt nämlich dafür, dass nachts nicht so viel Flüssigkeit in die Harnblase gelangt. Wenn hier eine Störung in der Hormonproduktion vorliegt, bleibt dieser Effekt aus. Die Folge ist mehr nächtliche Urinproduktion. Die Erkrankung ist nicht sehr häufig und entsteht oft ohne erkennbaren Grund. Sie kann aber auch im Laufe des Lebens zum Beispiel als Folge einer Medikamentennebenwirkung (z. B. durch Lithium) entstehen. 

2Verminderte Blasenkapazität

Eine geringe Aufnahmefähigkeit der Blase zeigt sich dadurch, dass du häufig auf Toilette musst, dabei aber nur wenig Urin lassen kannst. Dieses Problem kann wiederum verschiedene Ursachen haben: frühere Operation, Blasensteine oder eine Prostatavergrößerung bei Männern. Manchmal ist auch eine Überaktivität der Blasenmuskulatur oder immer wiederkehrende Blasenentzündungen das Problem. Die genauen Ursachen können durch eine ärztliche Untersuchung herausgefunden werden.

3Diabetes mellitus

Jetzt geht es wirklich um die Krankheit, die du bestimmt als Zuckerkrankheit kennst. Denn auch ein zugrunde liegender Diabetes mellitus kann ein Grund für nächtlichen Harndrang sein. Hierbei fehlt dem Körper Insulin – ein Hormon, das eigentlich hilft, Zucker aus der Nahrung aufzunehmen. Dadurch befinden sich zu viele Zuckermoleküle im Kreislauf. Diese wiederum ziehen viel Wasser an. Wenn nun der Zucker zum Ausscheiden in die Harnwege gelangt, ziehen die Moleküle automatisch noch mehr Wasser mit sich. Auf diesem Weg wird mehr Urin produziert und ausgeschieden. Ein Zeichen für einen zugrunde liegenden Diabetes kann es sein, dass du nicht nur häufig zur Toilette musst, sondern auch extrem viel Durst hast.

4Herzkrankheiten

Verschiedene Herzkrankheiten können ebenfalls eine Nykturie verursachen. Wenn dein Herz zu schwach ist, kommt es durch verschiedene komplizierte Mechanismen des Körpers und des Hormonhaushaltes zur Entstehung von Wassereinlagerungen. Diese nennt man Ödeme. Sie bilden sich als Erstes in den Fußknöcheln und Unterschenkeln, weil das im Stehen die tiefsten Punkte sind. Legst du dich dann abends hin, verteilt sich das Wasser aus den Beinen wieder in deinem Körper. Dadurch werden die Nieren angeregt, die vermehrte Körperflüssigkeit auszuscheiden und du produzierst in der Nacht mehr Urin.

5Schlafapnoe

Manche Fälle von nächtlichem Harndrang hängen mit einer sogenannten Schlafapnoe zusammen. Dabei handelt es sich um kurze Atemaussetzer während des Schlafens. Die Mechanismen, welche die Nykturie verursachen, sind kompliziert und haben mit Änderungen der Konzentration von Blutsalzen im Körper zu tun. Letztendlich führt aber auch dies zu einer höheren Ausscheidung von Flüssigkeit. Ein Hinweis auf eine Schlafapnoe kann ein länger bestehendes Schnarchen sein. Weitere Informationen dazu findest du in unserem Artikel: „Schnarchen: Wie lässt es sich verhindern?“

Wann sollte ich zum Arzt? 

Eine Nykturie ist nicht automatisch ein Anzeichen für eine schwere Erkrankung. Auch ein ungünstiges Trinkverhalten kann ursächlich sein. Wer abends viel trinkt, muss natürlich auch nachts häufiger zur Toilette. Trotzdem solltest du, wenn der nächtliche Harndrang über eine Weile besteht, die Ursache ärztlich abklären lassen. Damit kannst du sichergehen, dass keine Krankheit, die behandelt werden sollte, dahinter steckt. Der erste Ansprechpartner ist dein Hausarzt oder deine Hausärztin. Dieser kann dich dann, wenn nötig, zu weiteren Spezialisten überweisen.

Um die Ursache für nächtlichen Harndrang herauszufinden, ist das Führen eines Tagebuchs hilfreich, indem du notierst, wie viel du getrunken hast und wie häufig und wann du zur Toilette musstest. Mit deinem Arzt oder deiner Ärztin kannst du dann alle weiteren Schritte besprechen.  

Selbsthilfe bei Nykturie

Obwohl der nächtliche Harndrang unbedingt durch deinen Hausarzt oder deine Hausärztin abgeklärt werden sollte, gibt es ein paar Dinge, die du auch schon selber ausprobieren kannst. 

Auf keinen Fall solltest du deine tägliche Trinkmenge reduzieren, weil du nachts nicht auf Toilette gehen möchtest. Die Empfehlung sind trotzdem 1,5-2 Liter Flüssigkeit am Tag.

Hilfreich könnten aber die folgenden Tipps sein:

  • Versuche, in den letzten 2 Stunden vorm Schlafen nicht mehr so viel zu trinken.
  • Verzichte am Abend auf harntreibende und koffeinhaltige Getränke wie Kaffee, Tee oder Cola. 
  • Reduziere deinen täglichen Salzkonsum und nutze lieber die große Palette anderer Gewürze und Kräuter. Denn Salz kann ähnlich wie zu viele Zuckermoleküle zu vermehrter Wasserausscheidung führen. 
  • Wenn dir Ödeme an deinen Beinen auffallen, lege deine Beine tagsüber häufiger mal hoch.
  • Je nach Ursache kann ein Beckenbodentraining hilfreich sein. Im Internet findest du zahlreiche Anleitungen, wie zum Beispiel bei YouTube.
  • Wenn du nachts auf Toilette gehst, versuche nur gedämpftes Licht anzumachen und zum Beispiel nicht auf dein Handy oder die Uhr zu schauen. So wirst du nicht richtig wach und kannst schneller wieder einschlafen.
  • Wenn du abends lange wach liegst, versuche mal Entspannungsübungen zur Unterstützung beim Einschlafen. Auf unserem Blog geben wir dir weitere Tipps, wie du schneller einschlafen kannst. 

Wenn das Problem doch woanders liegt

Oft ist gar nicht der nächtliche Harndrang das Problem. Nämlich dann, wenn du nicht vom Harndrang geweckt wirst, sondern dieser nur auffällt, weil du nicht schlafen kannst. Wer nachts wach liegt, mit Ängsten zu kämpfen hat oder übermäßig grübelt, sucht häufiger die Toilette auf. Denn im Wachzustand wird natürlicherweise mehr Urin produziert.

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Autorin:
Sarah Boppert Ärztin
  • Quellennachweis
    1. Bliwise, D., Wagg, A., Sand, P (2019). Nocturia: A Highly Prevalent Disorder With Multifaceted Consequences. Urology, volume 133, page 3-13. doi: https://doi.org/10.1016/j.urology.2019.07.005
    2. Bschleipfer, T., Karl, I (2019). Nykturie – durch Behandlung die Lebensqualität steigern. Journal für Urologie und Urogynäkologie, Ausgabe 4/2019, Seiten 121-125. doi: https://doi.org/10.1007/s41972-019-00085-3
    3. Primus, G., Madersbacher, H., Elnekheli, M., Hanzal, E., Heidler, H., Böhmer, F., Mahn, W., Struhal, G., Klingler, Ch (2006). Differentialdiagnose und Therapie der Nykturie – Konsensusstatement. Journal für Urologie und Urogynäkologie, Ausgabe 13/2006, Seiten 21-27.
    4. Weiss, J., Everaert, K (2019). Management of Nocturia and Nocturnal Polyuria. Urology, volume 133, page 24-33. doi: https://doi.org/10.1016/j.urology.2019.09.022
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