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Streiten in der Beziehung: So geht’s besser!

Wenn du selbst schon einmal in einer längeren Beziehung warst, dann weißt du wahrscheinlich, dass der ein oder andere Streit einfach dazugehört. Auch wenn es wohl den wenigsten Menschen Spaß macht, kann Streiten in der Beziehung wichtig sein. Allerdings nur dann, wenn wir hilfreich streiten. Glücklicherweise lässt sich hilfreiches Streiten lernen. Wie das geht und was du dabei beachten solltest? Das erfährst du in diesem Artikel.

Warum streiten wir in der Beziehung?

Die Gründe dafür, dass wir mit unserem Partner oder unserer Partnerin streiten, können vielfältig sein. Dabei können die Themen von alltäglichen Problemen wie verschiedenen Vorstellungen über die Freizeitgestaltung über Eifersucht bis hin zu größeren Lebensentscheidungen wie der Wahl des gemeinsamen Wohnorts reichen. Vielleicht fallen dir selbst noch ein paar gute Gründe ein. 

Verletzte Bedürfnisse 

Eins haben die meisten Streits in der Beziehung jedoch gemeinsam: In den meisten Fällen geht es um verletzte Bedürfnisse. Dabei kann es sich um die Verletzung ganz verschiedener Bedürfnisse handeln. Vielleicht würdet ihr gern mehr Zuneigung von eurer Partnerin bekommen. Oder aber ihr wünscht euch mehr Freiheit und Raum für euch selbst. Wir streiten häufig dann, wenn wir dafür sorgen wollen, dass unseren verletzten Bedürfnissen Beachtung geschenkt wird und sie in Zukunft beachtet werden. Wir wollen unseren Partner also auf einen Missstand aufmerksam machen (z. B. „Hey, ich brauche mehr Zuneigung von dir, kannst du mehr für mich da sein?”) und erhoffen uns eine entsprechende Veränderung.

Im besten Fall versuchen wir, mit dem Beziehungsstreit eine Lösung für unser Problem zu finden. Im schlechtesten Fall geht es uns weniger um die Lösung unseres Problems als darum, die andere Person aus unserer eigenen Verletztheit heraus zurück zu verletzen (z. B. „Du hast mir in letzter Zeit wenig Zuneigung geschenkt, jetzt distanziere ich mich auch von dir”). 

Wie unterscheidet sich Streit in der Beziehung zu Streit mit anderen Personen?

Eine schwierige Auseinandersetzung mit einer guten Freundin, einem guten Freund oder einem Familienmitglied kann genauso schwierig und schmerzhaft sein wie der Streit in einer Beziehung. Oftmals ist uns unsere Partnerin jedoch besonders nah und wichtig, sodass uns Unstimmigkeiten stärker treffen können. 

Ein weiterer Grund, warum uns ein Streit mit unserem Partner oft härter trifft, ist, dass viele von uns versuchen, unsere wichtigsten Bedürfnisse in unserer Beziehung zu erfüllen. Wenn wir in einer liebevollen Beziehung leben, dann fühlen wir uns angenommen, so wie wir sind. Wir werden begehrt und erhalten Unterstützung in unserer persönlichen Weiterentwicklung. Ein Streit mit unserer Partnerin bringt diese für uns wichtige Unterstützung in Gefahr. Wenn wir das Gefühl haben, der Streit könnte unsere Beziehung bedrohen, dann haben wir also gleichzeitig Angst davor, den wichtigsten Rückhalt in unserem unterstützenden Umfeld zu verlieren.

Was passiert, wenn wir streiten? 

Vielleicht hast du auch schon einmal die Erfahrung gemacht, dass es manchmal gar nicht so einfach ist, einen Streit zu beenden. Vor allem dann, wenn uns das Thema besonders wichtig ist. Häufig steigern wir uns immer weiter in den gegenseitigen Schlagabtausch hinein und wissen am Ende kaum noch, wo uns der Kopf steht. Aber wieso ist das eigentlich so? 

Der Körper in Alarmbereitschaft

Das liegt unter anderem daran, dass unser Körper uns in einem Streit signalisiert, dass wir in Gefahr sind. Wir merken, dass wir emotional verletzt werden und unser Wohlbefinden bedroht ist. Unser Körper tut nun alles, um mit dieser Gefahr umzugehen. Infolgedessen schüttet der Körper Stresshormone aus, unser Herz fängt an, schneller zu schlagen, unser Kreislauf wird angeregt, wir fangen an zu schwitzen. 

Wenn wir diese körperlichen Reaktionen wahrnehmen, dann sollten wir am besten versuchen, eine Pause einzulegen und das Streitgespräch zu vertagen.

Denn diese körperliche Alarmbereitschaft hindert unser Gehirn daran, klar und logisch zu denken. Klares und logisches Denken brauchen wir jedoch unbedingt, um beim Streiten in der Beziehung zu einer Lösung zu gelangen, die für beide funktioniert. 

Zwei Ebenen des Streits 

In einem Streit sind also ab einem gewissen Punkt beide Streitenden mit großer Wahrscheinlichkeit in einer Art Alarmzustand. Dieser hindert sie in der Regel dann daran, den eigentlichen Grund für den Streit – nämlich die eigene Verletztheit – zu kommunizieren. Es scheint so, als wäre das einzige Ziel, sich gegenseitig Vorwürfe an den Kopf zu werfen und sich so im schlimmsten Fall weiter zu verletzen. 

Sobald ich in Alarmbereitschaft bin, kann ich also vielleicht noch kommunizieren, dass meine Partnerin sich viel zu wenig bei mir meldet. Ich kann aber häufig nicht mehr äußern, welche Gefühle das bei mir auslöst. Zum Beispiel, dass ich mich dadurch häufig frage, ob er oder sie noch gerne Zeit mit mir verbringt. Diese Erkenntnis ist jedoch für meinen Partner besonders wichtig, denn nur so kann er meinen Vorwurf richtig einordnen und meine Beweggründe dahinter verstehen.

Der Streit findet also auf zwei Ebenen statt: Die Vorwürfe, die offen ausgetragen werden und die verletzten Bedürfnisse hinter den Vorwürfen, die nicht immer ausreichend gut geäußert werden können.

Was beim nächsten Mal hilft

Wenn du also im nächsten Beziehungsstreit merkst, dass sich euer Gespräch auf Vorwürfe zugespitzt hat, dann kann es hilfreich sein, dich zu fragen, welche verletzten Gefühle eigentlich hinter dem Streit stecken und diese dann mitzuteilen. Das kann zunächst eine große Überwindung bedeuten. Denn wenn wir unsere intimsten Gedanken und Gefühle nach außen tragen, macht uns das immer auch verletzlich. Hier kann es helfen, im gemeinsamen Gespräch zu erkunden, wie ihr euch gegenseitig Sicherheit und Vertrauen schenken könnt. Mit etwas Übung wird es euch zunehmend leichter fallen, über eure Gefühle und Bedürfnisse zu sprechen.

Übung

Eigene Warnsignale erkennen

Versuche einmal, dich an deinen letzten großen Streit in der Beziehung zu erinnern. Was passiert in deinem Körper, wenn du dich streitest? Gibt es Warnsignale, die dir anzeigen, dass es dir zu viel wird und du nicht mehr die Ruhe bewahren kannst? Welche Gedanken oder Gefühle führen dazu, dass der Streit für dich eskaliert? Diese körperlichen, gedanklichen und emotionalen Warnsignale können dir in Zukunft dabei helfen, eine Streitsituation zu entschärfen, bevor sie eskaliert.

Ist Streiten in der Beziehung immer schlecht? 

Wahrscheinlich kannst du dir die Antwort auf diese Frage schon denken: Streiten in der Beziehung ist nicht grundsätzlich schlecht. Es kann sogar sehr hilfreich und wichtig für eine Partnerschaft sein. Denn durch das Streiten erfahren wir von Bedürfnissen unseres Herzensmenschen, die wir zuvor nicht gesehen haben. Außerdem können wir gemeinsam Lösungen finden. Vermeiden wir hingegen dauerhaft die Konfrontation, schlucken unsere Bedürfnisse und Wünsche runter, laufen wir Gefahr, dass unsere Bedürfnisse unbefriedigt bleiben. Das kann auf Dauer dazu führen, dass wir frustriert, traurig oder wütend werden und so keine glückliche und zufriedene Beziehung führen. 

Zeig mir, wie ihr streitet und ich sage euch, ob eure Beziehung bestehen bleibt

Auch wenn Streiten für eine Beziehung fast unvermeidlich ist, bringt uns nicht jede Art des Streitens näher zusammen. Es kommt darauf an, wie wir streiten. In den 80er-Jahren hat der US-amerikanische Psychologe John Gottman eine interessante Entdeckung gemacht. Er untersuchte Paare in einer Streitsituation. Dafür beobachtete er, auf welche Art und Weise die Paare stritten: Waren sie auch in der Streitsituation einander zugewandt und versuchten auf eine positive Art und Weise miteinander umzugehen? Oder waren sie verschlossen, stur und verteidigten die eigene Position um jeden Preis? 

Interessanterweise zeigte sich, dass Paare, die in der Streitsituation einander zugewandt waren, einige Jahre später mit deutlich höherer Wahrscheinlichkeit weiterhin in dieser Beziehung gelebt haben. Defensives Verhalten, Sturheit und Rückzug aus der Interaktion sind laut Gottman die wichtigsten Anzeichen dafür, dass eine Beziehung mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht dauerhaft bestehen bleiben wird.

Übung

Wie streitet ihr?

Erinnere dich an den letzten Streit in deiner Beziehung. Wie seid ihr miteinander umgegangen? Wart ihr einander zugewandt – habt also versucht, euch zu verstehen und die Situation gemeinsam zu lösen? Oder ging es euch vielmehr darum, eure Meinung durchzusetzen und um jeden Preis recht zu behalten?

Hilfreich Streiten in der Beziehung: 3 Tipps 

Auch wenn jeder Streit unterschiedlich ist, gibt es ein paar Dinge, die euch grundsätzlich dabei helfen können, konstruktiver zu streiten. 

1Einander zugewandt bleiben

Das ist einfacher gesagt als getan. Gerade im Streit haben wir oft das Bedürfnis, uns von unserem Gegenüber abzugrenzen und uns so vor Verletzungen zu schützen. Oft verstehen wir uns in solchen Situationen viel mehr als Gegnerinnen und Gegner als als Team. So können wir uns jedoch schwer auf eine Lösung einlassen, die beiden weiterhilft und damit langfristig die Beziehung stärkt. Deshalb ist es wichtig, dass wir auch beim Streiten in der Beziehung respektvoll und wertschätzend miteinander umgehen. Was das genau heißt? 

  • Den ehrlichen Versuch zu unternehmen, unser Gegenüber zu verstehen.
  • Sie oder ihn ausreden lassen.
  • Klärende Nachfragen stellen.
  • Über die eigenen Gefühle sprechen.

2Bedürfnisse statt Vorwürfe kommunizieren

Beim Streiten in der Beziehung fällt es uns häufig relativ einfach, unserem Gegenüber Vorwürfe zu machen. Immerhin sind wir wütend auf unseren Partner. Das Problem ist nur, dass diese Vorwürfe in den meisten Fällen wenig zielführend sind. Unser Gegenüber wird sich wahrscheinlich angegriffen fühlen und im Verteidigungsmodus kaum noch dazu bereit sein, inhaltlich mit uns über das eigentliche Problem zu sprechen. 

Daher ist es viel wichtiger, dass wir über unsere eigenen verletzten Bedürfnisse sprechen. Das funktioniert besonders gut, indem wir mehr in Ich-Botschaften und weniger in Du-Botschaften sprechen (z. B.: „Ich wünsche mir, mehr Zeit mit dir zu verbringen” und nicht „Du hast zu wenig Zeit für mich”). Dafür sollten wir uns fragen, weshalb wir eigentlich gerade so wütend und verletzt sind? Was würden wir uns anders wünschen? Welches unserer Bedürfnisse wurde verletzt?

Frage dich: Was wünscht du dir von einer Partnerschaft? Die Erfüllung welcher Bedürfnisse ist dir besonders wichtig?

Kommt bei dir das Gefühl auf, dass dein Partner oder deine Partnerin deine Bedürfnisse ständig übergeht und dir oft nicht guttut? Dann kann dir vielleicht unser Artikel zum Thema toxische Beziehung weiterhelfen.

3Kühler Kopf statt Alarmbereitschaft

Manchmal helfen auch die besten Tipps nicht und wir verstricken uns dennoch immer weiter in einen scheinbar ausweglosen Streit. In diesem Fall kann es hilfreich sein, die Notbremse zu ziehen und die Situation für eine Weile zu verlassen. Abstand kann dabei helfen, dass ihr mehr Raum und Zeit dafür habt, eure eigenen und die Bedürfnisse eures Partners besser zu verstehen. Außerdem hilft eine Pause dabei, dass unser Körper sich von der Alarmsituation beruhigen und unser Gehirn wieder klarer denken und nach einer Lösung suchen kann. Deshalb ist dieser Tipp übrigens auch im Umgang mit Cholerikern empfehlenswert.

Kommunizieren könnt ihr euren Wunsch nach einer Streitpause zum Beispiel mit der folgenden Aussage: „Ich merke gerade, dass wir nicht weiterkommen und ich selbst nicht mehr klar denken kann. Ich brauche etwas Zeit für mich und glaube, es wäre gut, wenn wir später noch einmal in Ruhe darüber reden.” 

Mit diesen Tipps im Gepäck bist du gut auf den nächsten Streit vorbereitet. Und denke daran: Entscheidend ist nicht, ob wir in unserer Beziehung streiten, sondern wie wir als Paar streiten.

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Autorin:
Anna Unger-Nübel Psychologin
  • Quellennachweis
    1. Gottman, J. M., & Krokoff, L. J. (1989). Marital interaction and satisfaction: a longitudinal view. Journal of consulting and clinical psychology, 57(1), 47.
    2. Gruber, S. (2020). Somatisches und vegetatives Nervensystem, Hormone der Hypophyse, Neurofeedback. GRIN Verlag, München. 
    3. La Guardia, J. G., & Patrick, H. (2008). Self-determination theory as a fundamental theory of close relationships. Canadian Psychology/Psychologie canadienne, 49(3), 201.
    4. Vanhee, G., Lemmens, G. M., Stas, L., Loeys, T., & Verhofstadt, L. L. (2018). Why are couples fighting? A need frustration perspective on relationship conflict and dissatisfaction. Journal of Family Therapy, 40, S4-S23.
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