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Wie du Vertrauen in 3 Schritten aufbauen kannst

Häufig ist Vertrauen ein Thema in Liebesbeziehungen. Aber Vertrauen muss sich nicht unbedingt auf eine Person beziehen und zum Beispiel darauf, dass wir nicht betrogen werden. Wir können auch darauf vertrauen, dass wir einen Job finden, wieder gesund werden oder sicher am Urlaubsort ankommen. Vertrauen fühlt sich gut an. Doch wovon hängt es eigentlich ab, ob wir vertrauen (können)? Ist das Gefühl einfach da, eine Entscheidung oder müssen wir Vertrauen aufbauen oder Vertrauen lernen? Und ist es wirklich immer eine gute Idee, Vertrauen zu haben oder gibt es Situationen, in denen wir misstrauen sollten?

Eine frühe Entwicklung

In der Psychologie gibt es unterschiedliche Theorien zur Entwicklung von Vertrauen. Am bekanntesten ist wohl der Begriff Urvertrauen, auch Grundvertrauen, der auf den Psychologen Erik H. Erikson zurückgeht. Ursprünglich als „basic trust” bezeichnete Erikson das vertrauensvolle Grundgefühl, das ein Säugling idealerweise während des ersten Lebensjahres entwickelt.

Urvertrauen bildet sich zum Beispiel, indem wir unsere Umwelt und Bezugspersonen als verlässlich erleben. Einfach ausgedrückt: Wenn ich Hunger habe und weine, kommt jemand, der meinen Hunger stillt.

Dieses Urvertrauen sei nach Erikson entscheidend für die nächsten Entwicklungsstufen und auch für das Vertrauen im Erwachsenenalter. 

Auch der Psychiater John Bowlby sieht die sogenannte sichere Bindung zwischen Kleinkind und Bezugsperson, die auf Zuverlässigkeit und Vertrauen basiert, als wichtigen Grundstein an, um im späteren Leben ein vertrauensvoller Mensch zu sein.

Kann ich Vertrauen lernen?

Heißt das nun, dass wir entweder vertrauensvolle oder misstrauische Menschen sind, je nachdem welche Erfahrungen wir als Säuglinge gemacht haben? Auch wenn Kindheitserfahrungen einen Einfluss auf unser Leben haben können, zum Beispiel auch in Form negativer Glaubenssätze, so weiß man inzwischen aus psychologischer und neuropsychologischer Forschung, dass unser „psychisches Schicksal” nicht in den ersten Lebensjahren besiegelt wird. Selbst wenn du also weißt, dass es in deinem ersten Lebensjahr nicht die besten Voraussetzungen für die Entwicklung eines Grundvertrauens gab, kannst du Vertrauen jederzeit lernen. Wichtig ist es dafür vor allem zu verstehen, worum es genau geht, wenn man von Vertrauen spricht.

Was ist Vertrauen?

Ein falsches Verständnis von Vertrauen kann uns tatsächlich daran hindern, es damit zumindest auszuprobieren. Ein großes Missverständnis ist zum Beispiel, dass wir häufig erst vertrauen wollen, wenn wir bestimmte Bedingungen dafür festgelegt haben und die wichtigsten Kriterien erfüllt sind. Der Arzt und Psychotherapeut Alfred Adler, Begründer der Individualpsychologie, spricht in diesem Zusammenhang vom Unterschied zwischen Glauben und Vertrauen. Wenn ich jemandem glauben soll, muss die betreffende Person, bestimmte Beweise oder Argumente vorlegen, die mir glaubwürdig erscheinen. Ähnlich wie ein Zeuge vor Gericht.

Um jemandem zu vertrauen, braucht es jedoch keinerlei Überzeugungsarbeit. Jemandem mein Vertrauen zu schenken – auch wenn der Ruf dieser Person vielleicht noch so schlecht ist – liegt alleine bei mir. Die Entscheidung, dieses Vertrauen zu missbrauchen oder nicht, liegt bei der anderen Person, das ist nicht meine Aufgabe und ich muss es nicht verantworten.

Doch bedingungsloses Vertrauen muss sich nicht nur auf andere Menschen beziehen. Ich kann zum Beispiel eine Krankheitsdiagnose erhalten und entgegen aller Prognosen und Statistiken darauf vertrauen, dass ich wieder gesund werde. Ich kann dadurch zwar nicht den Ausgang der Situation bestimmen, sozusagen das Ziel, zu dem mich mein Weg führt. Aber den Weg des Vertrauens zu gehen, liegt immer in meiner Hand und der fühlt sich häufig besser an als fehlender Optimismus

Wie kann ich diesen Weg also einschlagen? 

Der erste Schritt dafür kann zum Beispiel sein, dir bewusst zu machen, dass Misstrauen keine Lösung ist. Ein zweiter Schritt ist, eine klare Vorstellung davon zu entwickeln, wie du vertraust. Ein dritter Schritt kann darin bestehen, damit zu beginnen, zu vertrauen und zu beobachten, wie sich das auf dein Leben auswirkt. Sehen wir uns diese 3 Schritte einmal genauer an.

Schritt 1: Misstrauen ist keine Lösung

Vermutlich liest du diesen Artikel, weil es dir deiner Meinung nach an Vertrauen fehlt. Vielleicht siehst du dich grundsätzlich als eine Person, die, eventuell aufgrund von Kindheitserfahrungen, Probleme hat zu vertrauen. Oder du hast einen Vertrauensbruch erlitten und möchtest Vertrauen wieder aufbauen. Zuerst einmal ist es wirklich sehr schön, dass du den Wunsch verspürst, (wieder) vertrauen zu wollen. Das, was uns meistens davon abhält, uns diesen Wunsch zu erfüllen, ist die Angst vor emotionalen Verletzungen und Enttäuschungen. Doch Achtung: Misstrauen schützt dich nicht davor, es nimmt diese unangenehmen Gefühle vermutlich sogar vorweg und du fühlst sie über einen längeren Zeitraum. Der einzige Unterschied ist, dass du durch Misstrauen eine Art Bestätigung empfinden kannst, in etwa nach dem Motto: „Habe ich es doch gewusst.” Oder: „Ich hatte also recht.” 

In Beziehungen, aber auch in anderen Lebensbereichen, kann diese (unbewusste) Tendenz in seinem Misstrauen bestätigt werden zu wollen, auch zu einer sogenannten selbsterfüllenden Prophezeiung führen. Das bedeutet, dass das Misstrauen selbst einen Vertrauensbruch oder eine Enttäuschung begünstigt. Frei nach dem Motto: Wenn du mich eh so behandelst, als würde ich dich hintergehen, kann ich es auch machen.

In diesem ersten Schritt kannst du dich also dafür entscheiden, den vermeintlich „Schutz” des Misstrauens aufzugeben, eine selbsterfüllende Prophezeiung zu vermeiden und zu vertrauen. Fragt sich nur: Wie?

Schritt 2: Die Kunst des Vertrauens

Sowohl Misstrauen als auch Vertrauen zeigen sich in deinen Gedanken, Gefühlen und in deinem Verhalten. Indem du sozusagen an all diesen Schrauben drehst, kannst du vertrauensvoller werden. Dabei geht es nicht darum, sich zum Beispiel einzureden, dass man vertraut.

Hilfreich kann es zunächst sein, sich bei misstrauischen Gedanken zu „ertappen”. Anstatt ihnen automatisch zu folgen und damit den Weg des Misstrauens zu gehen, hältst du inne, spürst deinen Atem und machst dir bewusst, dass Misstrauen dich nicht vor einer Enttäuschung schützen kann. Es lohnt sich also nicht, dich jetzt schon schlecht zu fühlen.

Auch Dankbarkeit kann deine Gedanken in Richtung Vertrauen lenken, ebenso wie Vertrauen als einen deiner inneren Werte zu betrachten. Positive Gefühle im Allgemeinen, die du zum Beispiel durch Selbstfürsorge oder Aktivitäten, die dir guttun, in dir erzeugen kannst, können zudem zu einer vertrauensvollen Haltung beitragen. 

Darüber hinaus kannst du dich fragen: Was würde eine Person tun, die zum Beispiel ihrem Partner oder Partnerin bedingungslos vertraut? Wie würde sich jemand verhalten, der darauf vertraut, dass das eigene Kind wieder mit dem Rauchen aufhört? Verhalte dich genauso – auch wenn du zunächst das Gefühl hast, dass es dir irgendwie gegen den Strich geht. Probiere es aus. Was meinst du, könnte dadurch passieren?

Schritt 3: Vertrauen bringt Veränderung

Beobachte mal, bereits genau in diesem Moment: Was bewirkt es in dir, wenn du dich mit dem Gedanken beschäftigst, zu vertrauen? Wenn du dir vorstellst, die Verantwortung dafür, ob dein Vertrauen missbraucht wird oder nicht einfach abzugeben? Vielleicht möchtest du dir auch vorstellen, wie andere Menschen darauf reagieren. Frage dich, wie Situationen sich verändern könnten, wenn du vertraust, anstatt zum Beispiel zu kontrollieren. Vielleicht fühlt sich das ungewohnt an oder du hast noch keine Idee, welche Veränderungen passieren könnten. Das ist vollkommen in Ordnung.

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Vertrauen kann Beziehungen verbessern. Und damit sind nicht nur Liebesbeziehungen gemeint. Es geht auch um Freundschaften, um deine Beziehung zu dir selbst und die Beziehung zum Leben. Für mich hat Vertrauen keinerlei Nachteile, jedoch eine Schwierigkeit: die Angst vor (positiver) Veränderung zu überwinden. Das klingt vielleicht seltsam, doch durch Vertrauen können sich Beziehungen vertiefen. Wir fühlen uns anderen verbundener – und damit zugleich verletzlicher.

Letztendlich ist die Entscheidung, ob wir bedingungslos vertrauen wollen oder nicht, auch davon abhängig, ob wir uns in der Lage fühlen, mit dem emotionalem Schmerz umzugehen, den intensive Verbundenheit mit sich bringen kann. Nicht dadurch, dass unser Vertrauen missbraucht wird, sondern dadurch, dass sich aus verschiedenen Gründen unser Leben immer wieder verändert und wir gezwungen sind, loszulassen. Ich bin der Meinung, dass es sich lohnt – und vielleicht möchtest du es auch für dich herausfinden.

Sollte man alles und allem vertrauen?

Da in diesem Artikel von „bedingungslosem Vertrauen” die Rede war, ist es noch wichtig zu erwähnen, dass die eigene körperliche und psychische Gesundheit immer an erster Stelle steht. Bedingungslos zu vertrauen bedeutet also nicht, sich bei einer Krankheit nicht behandeln zu lassen, weil man auf eine Spontanheilung vertraut oder sich absichtlich in Gefahrensituationen zu begeben, aus einem grenzenlosen Vertrauen heraus, dass alles gut gehen wird. 

Es ist außerdem möglich, dass es uns unmöglich erscheint, bestimmten Menschen zu vertrauen, zum Beispiel weil sie uns bereits wiederholt enttäuscht haben. Daran ist nichts Falsches und du solltest dich keinesfalls zum Vertrauen zwingen. Du entscheidest auf was oder wem du vertrauen möchtest. Eine Grenze zu setzen und bewusst die Beziehung zu einem Menschen nicht vertiefen zu wollen, ist vollkommen in Ordnung. 

Die Schritte in diesem Artikel können vielmehr dazu beitragen, dich dabei zu unterstützen, in den Bereichen und in Bezug auf die Menschen Vertrauen zu entwickeln, bei denen du es dir wünschst. 

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Autorin:
Victoria Bindrum Psychologin
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