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„Ich will alleine sein und meine Ruhe haben“ – Ursachen und Tipps

Am Anfang meines Studiums war ich mal zu einer Geburtstagsparty eingeladen. Ich bin allerdings dort nicht erschienen. Aber nicht, weil ich krank war oder die Leute dort nicht mochte. An dem Abend dachte ich mir einfach: Ich will alleine sein und meine Ruhe haben.

Vielleicht kennst du auch dieses Bedürfnis und fragst dich, wie du damit umgehen kannst. Wir wollen dir in diesem Artikel zeigen, woher das Bedürfnis nach Ruhe kommt und wieso es gute Gründe gibt, sich im Alltag mehr Freiräume zu schaffen.

Woher kommt das Bedürfnis nach Rückzug und Ruhe?

Manche Menschen nutzen das Wochenende, um sich mit so vielen Leuten wie möglich zu treffen, während es für andere nichts Besseres gibt, als endlich ein paar Tage allein zu sein. Menschen unterscheiden sich teilweise sehr deutlich in ihrem Bedürfnis nach Ruhe und Rückzug. Warum wollen manche Menschen mehr allein sein als andere? Die Forschung legt dabei zwei Faktoren besonders nahe: Persönlichkeitsmerkmale wie Introversion und Lebensumstände wie ein mittleres Alter. 

Introversion ist sicher eine Antwort, die wenig überrascht. Denn introvertierte Menschen sind leichter neuronal stimuliert, also schneller reizüberflutet als extravertierte Menschen. So entsteht oft ein stärkeres Bedürfnis, die Reizüberflutung wieder auszugleichen: „Ich will heute alleine sein und meine Ruhe vor anderen Menschen haben.”

Die soziale Phobie wird manchmal mit der Introversion in einen Topf geworfen. Allerdings geht es bei der Sozialphobie vor allem um die Angst, von anderen Menschen bewertet zu werden und nicht um das Bedürfnis nach Ruhe.

Introvertierte Menschen zeichnen neben dem Bedürfnis nach Ruhe natürlich noch weitere Dinge aus, wie der große Wunsch nach Unabhängigkeit oder ein starkes zwischenmenschliches Einfühlungsvermögen.

Denkt man ab 30 öfter: „Ich will alleine sein und meine Ruhe haben”?

Nicht nur introvertierte Menschen wollen häufiger allein sein und ihre Ruhe haben. Einige Studien vermuten, dass man vor allem im mittleren Lebensalter (ca. 35 – 55 Jahre) verstärkt das Bedürfnis hat, allein sein zu wollen. Ein möglicher Grund könnte sein, dass Menschen in der sogenannten „Blüte des Lebens” oft großen Druck und viele Anforderungen aus dem privaten und beruflichen Umfeld verspüren. So könnte mit der Zeit das Gefühl entstehen, dass man in vielen Bereichen des Lebens fremdbestimmt ist und vor allem für andere funktioniert. Eine Folge wäre dann zum Beispiel, dass der Wunsch wächst, allein zu sein und seine Ruhe zu haben. 

Bei introvertierten Menschen geht es also vor allem darum, die eigene Energie durch Ruhe und Rückzug wieder aufzuladen. So ist es oft auch bei Menschen mit Hochsensibilität. Bei anderen steht vielleicht eher der Wunsch nach Selbstbestimmung im Zentrum. Es gibt natürlich auch weitere, vor allem stressbedingte Gründe, weshalb Menschen allein sein wollen, auf die wir später noch eingehen. 

Wieso alleine zu sein wichtig ist

Alleine zu sein, kann durchaus eine sehr positive Erfahrung sein. Das liegt unter anderem daran, dass das Alleinsein ganz bewusst nach den eigenen Vorlieben und Interessen gestaltet werden kann. Wir haben ein paar Gründe gesammelt, wieso es sich lohnen kann, allein sein zu wollen.

1Kompetenzen aufbauen

Manche Menschen wollen allein sein, um neue Fähigkeiten und Kompetenzen zu erwerben. Etwas Neues zu lernen, kann richtig beflügeln. Typische Beispiele sind handwerkliche und künstlerische Fähigkeiten, eine Sprache lernen oder neue Rezepte auszuprobieren.

2Hobbys nachgehen

Ein weiterer Grund für das allein sein ist, in Ruhe seinen Hobbys nachgehen zu können. Viele Menschen haben zeitaufwendige Hobbys wie Gärtnern, Lesen, Musizieren, Zeichnen, Modellbau, Fotografie oder Kalligrafie. Daher sind sie über jede freie Minute froh, in der sie allein sind, um ihren Hobbys nachgehen zu können.

3Wachstum und Selfcare

In den letzten Jahren ist bei vielen Menschen das Bewusstsein gewachsen, dass Selbstreflexion dabei helfen kann, sein Leben regelmäßig neu auszurichten. Viele holen sich zunächst Anregungen aus Podcasts, Büchern oder Gesprächen und gehen dann in die Stille, um darüber nachzudenken. „Ich will allein sein und meine Ruhe haben” ist für manche Menschen daher eine gute Möglichkeit, um Raum für Wachstum und Selfcare, also Selbstfürsorge, zu schaffen.

In die Natur zu gehen, ist ein gutes Beispiel, wie sich Selfcare mit Alleinsein verbinden lässt. Daher gehört der tägliche Spaziergang für viele zur festen Tagesroutine. Weitere Beispiele findest du auch in unserem Artikel zum Thema Selbstfürsorge.

4Ausgleich vom Alltag

In unserer schnelllebigen Welt, in der viele von uns versuchen, beruflichen und privaten Anforderungen gerecht zu werden, kann alleine zu sein die oft dringend benötigte Entschleunigung bewirken. Ein Abend ohne feste Pläne kann dazu dienen, einfach mal abzuschalten, sich zu erholen und in eine andere Welt abzutauchen. Das Alleinsein muss dabei nicht kompliziert sein: Ein Film auf der Couch, ein gutes Buch oder ein entspanntes Bad können bereits genügen, um neue Energie zu tanken.

Allein sein wollen = Einsamkeit?

Ruhe vor anderen Menschen haben zu wollen, ist nicht dasselbe wie Einsamkeit. Das Gegenteil scheint der Fall zu sein. Denn die aktuelle Studienlage erkennt keinen Zusammenhang zwischen Einsamkeit und bewusster Entscheidung für das Alleinsein.

Anders ausgedrückt: Wer sich bewusst aussucht, alleine zu sein, wird wahrscheinlich keine Gefühle von Einsamkeit erleben. 

Trotzdem ist hier Vorsicht geboten: Manchmal kann ein erhöhtes Ruhebedürfnis dazu führen, dass man sich immer mehr zurückzieht und die Rückkehr ins soziale Leben erschwert wird. Dann kann aus dem bewussten Alleinsein eine unfreiwillige Einsamkeit werden. Um dem vorzubeugen, kann man sich immer mal wieder fragen, ob die Zeit alleine gerade hilfreich ist. Und sich dann auch mal bewusst dazu zu überwinden, in den Austausch mit anderen zu treten. Denn der regelmäßige Austausch mit anderen ist genauso wichtig wie das Alleinsein.

Wie man allein sein und mit anderen sein balanciert

Allein sein zu wollen, hat natürlich seine Grenzen. Vor allem, wenn Familie, Freunde, Partner oder Partnerin gemeinsame Zeit als wichtigste Liebessprache haben. Wir haben daher zwei Tipps für dich, damit du allein sein und die Zeit mit anderen gut ausbalancieren kannst.

1Klar kommunizieren, wenn du deine Ruhe haben möchtest

Die goldene Regel lautet wie so oft: Man sollte seine (Ruhe-)Bedürfnisse kommunizieren. Wenn du mithilfe von Ich-Botschaften kommunizierst, kann dein Gegenüber leichter annehmen, dass du allein sein willst. Ersetze zum Beispiel „Du erdrückst mich mit deiner Anwesenheit. Du musst mich in Ruhe lassen, damit ich meine Gedanken sortieren kann” mit dem Satz: „Ich merke, dass ich in letzter Zeit etwas mehr Ruhe für mich brauche, um meine Gedanken zu sortieren.”

Menschen überschätzen häufig, wie viel andere über ihre Bedürfnisse wissen. Du solltest daher nicht davon ausgehen, dass dein Gegenüber genau weiß, wann und wie viel Ruhe du exakt brauchst. Es lohnt sich, dein Ruhebedürfnis deutlich, aber mit Wertschätzung auszusprechen.

2Bewusst Zeit mit anderen Menschen planen

Manche Menschen sind gut darin, Grenzen zu setzen, um Zeit für sich zu schaffen. Was ihnen häufig nicht so leicht fällt, ist selbst die Person zu sein, die eine Unternehmung vorschlägt. Dabei hat das einen großen Vorteil: Man weiß, wenn man Energie hat und kann Freundschaften oder Zeit mit der Familie bewusst genießen. Wenn du also spürst, dass deine sozialen Batterien aufgeladen sind, gehe bewusst den ersten Schritt auf den anderen zu und schlage ein Treffen vor.

Hilfe, ich will nur noch Ruhe vor anderen Menschen haben!

Falls „Ich will allein sein und meine Ruhe haben“ ein Dauerzustand wird und du dieses Bedürfnis normalerweise nicht so stark hast, könnte auch ein erhöhtes Stresslevel eine mögliche Ursache dafür sein. Kommen zum sozialen Rückzug noch Symptome wie häufige Gereiztheit, Antriebslosigkeit und gedrückte Stimmung dazu, kann auch eine psychische Erkrankung dahinterstecken – zum Beispiel eine Depression oder ein Burnout. Wenn du das Alleinsein als Belastung erlebst, dich überfordert, antriebslos oder einsam fühlst, ist es daher ratsam, sich Unterstützung und eventuell professionelle Hilfe zu suchen. 

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  • Quellennachweis
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