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Die 7 Säulen der Resilienz: Resilienz stärken – mit Übungen und Beispielen

Resilienz kann uns dabei helfen, schwierige Situationen, Stress und Krisen zu bewältigen oder sogar daran zu wachsen. Um deine Resilienz zu stärken, können die 7 Säulen der Resilienz hilfreich sein. Dabei handelt es sich keineswegs um starre, die Zeiten überdauernde Säulen. Vielmehr zeichnen sich diese Resilienzfaktoren als innere Fähigkeiten aus, die veränderbar sind und sich ein ganzes Leben lang flexibel entwickeln können. Was genau es mit den 7 Säulen der Resilienz auf sich hat, warum Optimismus hilft und wieso es ein Sicherheitsnetz braucht – erfährst du jetzt.

Das Wichtigste in Kürze (TL;DR): Die 7 Säulen der Resilienz sind ein bekanntes Modell, um psychische Widerstandskraft gezielt zu fördern. Denn Resilienz ist keine feste Eigenschaft, sondern trainierbar. Die 7 Säulen umfassen sieben psychologische Fähigkeiten: Optimismus, Akzeptanz, Lösungsorientierung, Selbstfürsorge, Verantwortung übernehmen, Netzwerkorientierung und Zukunftsplanung. Dieser Artikel stellt die Säulen mit konkreten Beispielen, Übungen und Forschungsergebnissen vor.

Was ist eigentlich Resilienz?

Kalisch et al., 2017 definieren Resilienz als deine innere Widerstandskraft – also als die Fähigkeit, psychische Gesundheit trotz oder nach belastenden Ereignissen aufrechtzuerhalten oder wiederherzustellen. Dazu tragen verschiedene psychologische, soziale und biologische Faktoren bei. 

Du kannst dir Resilienz als Fähigkeit vorstellen, wie ein Schiff flexibel durch unterschiedliche Wetterlagen zu navigieren.

» Im Hafen ist ein Schiff sicher, aber dafür ist es nicht gebaut. «

Seneca

Resilienz bedeutet daher, auch in schwierigen Lebensphasen handlungsfähig zu bleiben und den eigenen Kurs zu halten, ohne an Belastungen zu zerbrechen. Wissenschaftliche Metaanalysen zeigen, dass gezieltes Resilienztraining positive Effekte auf das psychische Wohlbefinden und die Stressbewältigung haben kann (Joyce et al., 2018).

Kann ich Resilienz lernen?

Die gute Nachricht zuerst: Resilienz kann trainiert werden – und zwar in jeder Lebensphase (Arnold et al., 2023). 

Wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass Resilienz kein unveränderliches Persönlichkeitsmerkmal ist, das dir einfach von Geburt an mitgegeben wird. Es gibt zwar eine gewisse genetische Veranlagung zu psychischer Widerstandsfähigkeit, sie wird aber von der Art und Weise, wie wir aufwachsen, erzogen werden und was wir erleben, maßgeblich geprägt (Schumacher et al., 2005).

Die Seetüchtigkeit eines Menschen beweist sich vor allem bei rauer See. Ob jemand resilient ist, zeigt sich besonders deutlich, wenn Krisen auftreten. Die ersten Grundsteine für innere Stärke können bereits in der Kindheit gelegt werden. Das Fundament bilden vor allem verlässliche Bezugspersonen und die Erkenntnis, dass das Leben durch das eigene Handeln verändert werden kann – dass man also über Kontrollmöglichkeiten verfügt und dem Leben nicht hilflos ausgeliefert ist (Masten & Barnes, 2018). Resilienzfördernd ist zudem, wenn ein realistisches Selbstbild und ein guter Umgang mit den eigenen Gefühlen vermittelt wird – wenn beispielsweise auch unangenehme Gefühle da sein dürfen und verarbeitet werden können.

Wird Resilienz vererbt?
Die Frage, welche Rolle Genetik bei Resilienz spielt, ist bis heute nicht abschließend geklärt. Auch biologische Faktoren spielen eine Rolle: Forschungen aus der Neuropsychologie zeigen, dass Unterschiede in Stressregulationssystemen, emotionaler Bewertung und Lernprozessen beeinflussen können, wie Menschen auf Belastungen reagieren (Kalisch et al., 2017).

Entscheidend ist aber: Selbst wenn genetische Veranlagungen eine Rolle spielen, haben Umweltfaktoren, Erziehung, soziale Unterstützung und vor allem bewusstes Training einen großen Einfluss (Schumacher et al., 2005). Resilienz ist also keine festgelegte Eigenschaft, sondern eine trainierbare Fähigkeit.

Was sind die 7 Säulen der Resilienz?

Die 7 Säulen der Resilienz sind sieben zentrale Fähigkeiten für psychische Widerstandskraft, die auf jahrzehntelanger psychologischer Forschung basieren. Diese Faktoren können dir dabei helfen, Krisen zu bewältigen und sogar gestärkt aus schwierigen Zeiten hervorzugehen. Hier siehst du alle Resilienzfaktoren im Überblick:

SäuleBedeutungÜbung
OptimismusZuversicht trotz Krisen bewahrenDankbarkeitstagebuch
AkzeptanzAnnehmen, was nicht änderbar istAchtsamkeitsmeditation
LösungsorientierungFokus auf Handlung legenReal-Time Resilience Technik
SelbstwirksamkeitEigene Stärken erkennenResilienz-Biografie
VerantwortungEigenen Einfluss aktiv nutzenWerte-Reflexion
NetzwerkorientierungSoziale Bindungen stärkenWertschätzung ausdrücken
ZukunftsplanungWertebasierte Ziele flexibel verfolgenSMART-Ziele setzen

Das Konzept wurde von den amerikanischen Psycholog:innen Karen Reivich und Andrew Shatté (2003) auf Grundlage der Positiven Psychologie und kognitiven Verhaltenstherapie entwickelt. In ihrer Forschung an der University of Pennsylvania analysierten sie, welche kognitiven und emotionalen Fähigkeiten Menschen dabei helfen, trotz extremer Belastungen psychisch gesund zu bleiben. Daraus entwickelten sie die sieben Kernfähigkeiten in ihrem Buch „The Resilience Factor”. Im deutschsprachigen Raum wurde das Modell durch die Diplom-Psychologin Ursula Nuber (2005) in ihrem Artikel „Resilienz: Immun gegen das Schicksal?” in leicht angepasster Form bekannt. 

Übrigens gibt es verschiedene wissenschaftliche Resilienzmodelle – neben Reivich & Shatté beispielsweise das 7-Schlüssel-Modell von Jutta Heller (2013) oder das Schutzfaktoren-Modell aus der Kauai-Langzeitstudie (Werner & Smith, 1992). Diese Modelle weisen viele Überschneidungen auf, gewichten einzelne Faktoren aber teilweise unterschiedlich.

Wichtig zu verstehen: Resilienz ist kein fester Katalog von Eigenschaften, sondern ein dynamischer, kontextabhängiger Prozess (Kalisch et al., 2017). Die 7 Säulen dienen als praktische Orientierungshilfe, um diese verschiedenen Dimensionen von Resilienz greifbar und trainierbar zu machen.

Was macht das 7-Säulen-Modell so besonders? 

Das Modell verbindet wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse mit konkreten, trainierbaren Fähigkeiten. Die sieben Resilienzfaktoren sind keine starren Eigenschaften, sondern veränderbare innere Fähigkeiten, die sich ein ganzes Leben lang entwickeln können (Heller, 2013).

Die zentrale Erkenntnis lautet also: Die Resilienzfaktoren wirken nicht isoliert, sondern verstärken sich gegenseitig – wenn du eine Säule stärkst, profitieren oft auch die anderen davon.

Im Schaubild: Die 7 Säulen der Resilienz bilden ein stabiles Fundament für psychische Widerstandskraft

Wie kann ich 7 Säulen der Resilienz stärken? Erklärung und Übungen

Im Folgenden stellen wir dir jede einzelne der 7 Säulen vor und zeigen dir passende Übungen, um die einzelnen Resilienzfaktoren zu stärken. Du wirst dabei auch bemerken, wie die Säulen ineinandergreifen und sich gegenseitig unterstützen. Bist du bereit? Los geht's!

1. Säule der Resilienz: Optimismus

Beim Resilienzfaktor Optimismus geht es um den Glauben daran, dass jede Krise zeitlich begrenzt ist oder sich verändern lässt und dass es möglich ist, einen Umgang mit ihr zu finden.

Es bedeutet nicht, alles schönzureden oder Probleme zu ignorieren. Vielmehr geht es um die Fähigkeit, auch in schwierigen Situationen nicht nur die negativen Aspekte zu sehen, sondern auch Möglichkeiten und positive Perspektiven wahrzunehmen.

Wenn wir uns in schwierigen Situationen wiederfinden, neigen wir häufig dazu, uns auf die negativen Aspekte zu konzentrieren. Das kann uns viel Kraft rauben, die Dinge anzugehen und zu verändern. Optimismus hängt eng mit der eigenen Selbstwirksamkeitserwartung zusammen – also mit dem Glauben daran, dass wir selbst einen Einfluss auf die Dinge nehmen können (Bandura, 1997). Diese Zuversicht gibt dir die Selbstmotivation, trotz widriger Umstände weiter an deinen Zielen festzuhalten und Lösungswege zu entwickeln.

Übung: Dankbarkeit kultivieren

Um den Resilienzfaktor Optimismus zu stärken, kann es hilfreich sein, sich in Dankbarkeit zu üben. Bereits kleine Momente der Dankbarkeit können einen großen Einfluss auf deine psychische Widerstandsfähigkeit haben. So kannst du dir bewusst machen, wie viel du in deinem Leben oder in der letzten Woche schon geschafft hast und lenkst den Fokus damit aktiv auf das Positive.

Wie funktioniert eine Dankbarkeitsübung?
Konkrete Anleitung:

1. Nimm dir jeden Abend ein paar Minuten Zeit.
2. Schreibe drei Dinge auf, die heute gut gelaufen sind (sie müssen nicht groß sein!).
3. Notiere zu jedem Punkt, welche Rolle du selbst dabei gespielt hast.
4. Lies dir am Ende der Woche alle Punkte noch einmal durch.

2. Säule der Resilienz: Akzeptanz

Akzeptanz ist eng mit einem realistischen Optimismus verknüpft und bedeutet keineswegs zu resignieren oder aufzugeben.

Bei der Akzeptanz geht es darum, eine Situation anzunehmen, so wie sie gerade ist – ohne ständig dagegen anzukämpfen. Dabei lernst du, das zu akzeptieren, was nicht in deiner Macht steht zu ändern. Manche Dinge können wir nicht oder noch nicht ändern.

Wenn wir die Dinge akzeptieren, die nicht zu ändern sind, haben wir mehr Energie, um uns auf die Dinge zu konzentrieren, die unserer Kontrolle unterliegen und die wir verändern können (dazu kommen wir in Säule 5). Akzeptanz bedeutet auch, unangenehme Gefühle nicht sofort vermeiden oder unterdrücken zu müssen. Emotionen verändern sich mit der Zeit. Sie kommen und gehen, ähnlich wie Wellen (Hayes et al., 2006).

Eine besondere Form: Selbstakzeptanz

Eine besondere Form der Akzeptanz ist die Selbstakzeptanz. Dabei geht es darum, dich selbst so anzunehmen, wie du bist – mit allen vermeintlichen Fehlern und Makeln. Das bedeutet nicht, dass du nicht mehr an dir arbeiten darfst, sondern dass du dich nicht ständig selbst kritisierst und verurteilst. Selbstakzeptanz bedeutet nicht, nie an sich zu zweifeln oder sich nie kritisch zu hinterfragen. Vielmehr geht es darum, sich selbst auch mit Schwächen und Fehlern respektvoll zu begegnen. Wenn du dich selbst annehmen kannst, fällt es dir auch leichter, schwierige äußere Umstände zu akzeptieren. Du entwickelst dann eher Selbstmitgefühl statt Selbstkritik – eine liebevolle Haltung dir selbst gegenüber, die dich stärkt statt schwächt.

Übung: Achtsamkeitsmeditation

Ganz eng verknüpft mit der Fähigkeit der Akzeptanz ist die Achtsamkeit – das im Hier und Jetzt bleiben und die Dinge einfach beobachten, so wie sie sind, ohne sie zu beurteilen. Um das zu üben, können dir schon ein paar Minuten dauernde, einfache Meditationen helfen.

Wie funktioniert eine Achtsamkeitsmeditation?
Eine einfache Form der Achtsamkeitsmeditation ist die Atemmeditation:

1. Setze dich bequem hin und schließe die Augen.
2. Richte deine Aufmerksamkeit auf deinen Atem.
3. Beobachte, wie er ein- und ausströmt, ohne ihn zu verändern.
4. Wenn Gedanken auftauchen, nimm sie wahr und kehre sanft zum Atem zurück.
5. Beginne mit wenigen Minuten und steigere dich langsam.

Weitere Achtsamkeitsübungen findest du in unserem Artikel zum Thema Nervensystem beruhigen.

3. Säule der Resilienz: Lösungsorientierung

In stressigen Zeiten oder während einer Krise ist unser Denken häufig auf das Negative gerichtet. Wir möchten eigentlich „weg vom Problem”, denken aber vor allem über das Problem nach und die Möglichkeiten, es zu vermeiden. So verbleiben wir häufig in einem Zustand, in dem sich unsere Gedanken nur noch um die Krise drehen. Eine Lösung können wir uns hingegen kaum vorstellen oder visualisieren. Als Resilienzfaktor kommt hier ein lösungsorientiertes Denken ins Spiel. 

Lösungsorientiertes Denken bedeutet, dass wir unsere Gedanken eher „zur Lösung hin” ausrichten. Also: Wie kann das Problem gelöst werden? Was kann ich konkret tun? Welche Ressourcen habe ich zur Verfügung?

Hier kannst du auch gerne Kreativität einbringen. Lösungsorientiertes Denken kann dich dabei unterstützen, Hindernisse aus dem Weg zu schaffen und handlungsfähig zu bleiben (de Shazer & Dolan, 2007).

Wie funktioniert die Real-Time Resilience Technik?
So funktioniert es:

Schritt 1: Negativen Gedanken wahrnehmen

Beispiel: „Ich schaffe das nie”, „Das wird eine Katastrophe”

Schritt 2: Eine Gegenfrage stellen

- Beweise: Welche Beweise sprechen FÜR und GEGEN diesen Gedanken?
- Alternative: Welche optimistischere, aber realistische Perspektive gibt es?
- Konsequenzen: Was wäre das Schlimmste? Könnte ich damit umgehen?

Schritt 3: Realistischeren Gedanken formulieren

„Das ist herausfordernd, aber ich habe schon schwierige Dinge gemeistert" statt „Ich schaffe das nie”.

Diese Technik kann dir helfen, automatische negative Gedanken in Echtzeit zu unterbrechen und durch konstruktivere Gedankenmuster zu ersetzen. Mit der Zeit wird dieser Prozess immer automatischer.

Wichtig: Nicht jedes Problem lässt sich sofort lösen. Manchmal geht es zunächst auch darum, einen besseren Umgang damit zu finden. 

Probleme, die in die Kategorie „lösbar" fallen, kannst du mit einem 6-Schritte-Plan angehen. Wie genau das geht, erfährst du in unserem Blogartikel „Stress abbauen” oder mit professioneller Begleitung auch in unserem kostenfreien Online-Therapieprogramm Stress und Burnout.

4. Säule der Resilienz: Selbstwirksamkeit

Selbstwirksamkeit beschreibt die innere Überzeugung, Herausforderungen aus eigener Kraft erfolgreich bewältigen zu können.

In schwierigen Situationen kann sich leicht das Gefühl entwickeln, den Umständen ausgeliefert zu sein. Wenn wir uns dauerhaft als machtlos erleben, kann das unsere Selbstwirksamkeit beeinträchtigen, also das Vertrauen in die eigenen Handlungsmöglichkeiten. Dann kann es wichtig sein, dass du dir deine eigenen Kompetenzen und Fähigkeiten in Erinnerung rufst.

Übung: Deine Resilienz-Biografie

Du hast in der Vergangenheit bereits schwierige Situationen gemeistert und du besitzt auch die Fähigkeiten, dies in der Zukunft wieder zu tun. Das bedeutet nicht, dass dir nie Unrecht geschehen ist oder dass du „selbst schuld” bist – es bedeutet aber, dass du entscheiden kannst, wie du mit dem, was passiert ist, umgehen möchtest. Manche Menschen berichten rückblickend auch von neuen Einsichten oder persönlichen Entwicklungen nach schwierigen Erfahrungen.

Wie funktioniert die Resilienz-Biografie?
Überlege einmal, welche Herausforderungen du in den letzten Jahren gemeistert hast. Schreibe dabei auf:

1. Was genau war die Herausforderung? (Konkret beschreiben)
2. Welche Fähigkeiten hast du dabei gelernt oder eingesetzt?
3. Was hat dir besonders geholfen? (Strategien, Gedanken, Verhaltensweisen)
4. Welche Personen haben dich dabei unterstützt?
5. Was hat sich durch diese Erfahrung für dich verändert?
6. Wie bist du an dieser Situation gewachsen? (Neue Perspektiven, Erkenntnisse, Stärken)

Du wirst überrascht sein, was es ausmachen kann, sich die Vergangenheit auf einem Blatt Papier anzuschauen. Die Übung kann sichtbar machen, welche Bewältigungsstrategien und Ressourcen du bereits entwickelt hast.

5. Säule der Resilienz: Verantwortung übernehmen

 „Verantwortung übernehmen” beschreibt die Bereitschaft, den eigenen Handlungsspielraum in schwierigen Situationen wahrzunehmen und aktiv zu nutzen.

Diese fünfte Säule hängt eng mit der vorherigen Säule der Resilienz zusammen. Und damit ist nicht gemeint, dass du selbst schuld daran bist, dass dir bestimmte Dinge passieren!

Aber du kannst akzeptieren, dass Dinge so passiert sind – und von dort aus aktiv gestalten, wie es weitergeht. Es ist eine fundamentale Erkenntnis zu verstehen, dass du selbst für dein Leben verantwortlich bist. Auch wenn Unterstützung wichtig ist, bleibt ein Teil der Verantwortung für den eigenen Umgang mit Situationen bei dir. 

Diese Säule ist eine wichtige Voraussetzung für Selbstbestimmung und innere Stärke. Sie steht im Gegensatz zu Unzufriedenheit, die oft daraus entsteht, dass wir die Verantwortung für unser Glück anderen überlassen.

Übung: Deine inneren Werte definieren

Verantwortung übernehmen bedeutet auch, dein Leben selbstbestimmt zu gestalten – nicht nach den Erwartungen anderer, sondern nach dem, was DIR wirklich wichtig ist. Der Schlüssel dazu sind deine inneren Werte. Sie sind wie ein innerer Kompass, der dir zeigt, wofür du Verantwortung übernehmen möchtest und welche Entscheidungen zu dir passen. Wenn du nach deinen Werten lebst, führt das zu innerem Frieden und echter Selbstbestimmung.

Wie funktioniert die Werte-Reflexion?
1. Erstelle eine Liste mit Werten, die dir wichtig sein könnten (z. B. Familie, Kreativität, Ehrlichkeit, Selbstbestimmung, Gesundheit, Freiheit, Hilfsbereitschaft, Humor, Wertschätzung, ...)
2. Wähle deine dir derzeit wichtigsten Werte aus
3. Für jeden Wert: Beschreibe, was er konkret für dich bedeutet
4. Überlege: Wie sehr lebe ich diese Werte gerade? (Skala 1–10)
5. Was könnte ein kleiner Schritt sein, um einen Wert mehr im Alltag zu leben?

Wie du deine inneren Werte herausfinden und mehr in dein Leben integrieren kannst, erfährst du in unserem ausführlichen Artikel: Innere Werte.

Diese Übung ist auch eine gute Vorbereitung für die Säule Zukunftsplanung – denn wenn du deine Werte kennst, kannst du Ziele setzen, die wirklich zu dir passen.

6. Säule der Resilienz: Netzwerkorientierung

Netzwerkorientierung beschreibt die Fähigkeit, tragfähige soziale Beziehungen aufzubauen, zu pflegen und bei Bedarf aktiv um Unterstützung zu bitten. Ein starkes soziales Netzwerk wirkt wie ein Sicherheitsnetz: Es fängt uns auf, wenn wir fallen.

Unser Netzwerk können Freundschaften oder Familie sein, die uns bei Herausforderungen unterstützen, für uns da sind, wenn wir Trost brauchen, und uns ein Gefühl der Sicherheit geben können.

Das Gefühl der Zugehörigkeit und der Verbundenheit ist ein urmenschliches Grundbedürfnis und gilt daher als ein wichtiger Faktor für psychische Gesundheit und Resilienz (Baumeister & Leary, 1995). Studien zeigen: Starke soziale Bindungen stehen im Zusammenhang mit höherer psychischer Widerstandsfähigkeit und einem geringeren Risiko für psychische Belastungen (z. B. Ozbay et al., 2021). 

Wichtig ist dabei: Es geht nicht um die Anzahl deiner Facebook-Freund:innen oder Instagram-Follower:innen, sondern um die Qualität deiner Beziehungen. Ein paar echte Herzensmenschen sind wertvoller als hundert oberflächliche Bekanntschaften. Wir alle kennen sie: die Herzensmenschen. Personen, mit denen die Zeit wie im Flug vergeht, deren Worte unsere Herzen zum Leuchten bringen und unsere Akkus aufladen – sie sind wahre Resilienz-Verstärker. Aber wir kennen auch sie: Personen, die uns Energie rauben und uns alle Kraft entziehen. Das zerrt nicht nur an unseren Nerven, sondern schwächt auch unsere Resilienz.

Übung: Wertschätzung ausdrücken 

Die Qualität unserer Beziehungen – egal ob Freundschaften, Familie oder Paarbeziehungen – verbessert sich erheblich, wenn wir Wertschätzung und Dankbarkeit zeigen. Überleg dir mal, wie du dies in deinen Beziehungen ausdrücken kannst.

Wie kann ich Wertschätzung ausdrücken?
Wertschätzung muss nicht heißen, dass du regelmäßig große Geschenke machst. Manchmal reicht einfach eine kleine Nachricht wie:

- „Danke, dass du immer für mich da bist.”
- „Ich schätze es sehr, dass ich mit dir über alles reden kann.”
- „Es bedeutet mir viel, dass du dir Zeit für mich nimmst.”
- „Du bist ein:e echte:r Kraftspender:in für mich.”

Wem könntest du heute deine Wertschätzung zeigen?

7. Säule der Resilienz: Zukunftsplanung

Einen Teil der Zukunft kann man planen, dem anderen Teil kann man nur begegnen. 

Die Säule der Zukunftsplanung bedeutet, sich realistische Ziele zu setzen, die deinen Fähigkeiten und deinen inneren Werten entsprechen. Dabei ist es gleichzeitig wichtig, flexibel genug zu bleiben, sich ändernden Umständen anzupassen.

Dazu gehört auch, aus Rückschlägen der Vergangenheit zu lernen, um sich dadurch auf kommende Herausforderungen vorzubereiten – so wie in Säule 4 (Selbstwirksamkeit) beschrieben. Zukunftsorientierung bedeutet nicht, ständig nur in der Zukunft zu leben und das Hier und Jetzt zu verpassen – es bedeutet, eine Vision zu haben, auf die du hinarbeiten kannst, die dir Orientierung gibt (Seligman, 2011).

Übung: SMART-Ziele setzen 

Wenn du dir Ziele für die Zukunft setzt, kann dir die SMART-Regel helfen, diese so zu formulieren, dass du sie gut in die Tat umsetzen kannst.

Wie funktioniert die SMART-Regel für Zukunftsplanung?
SMART-Ziele sollten sein:

- Spezifisch: Was genau möchtest du erreichen? (Nicht „weniger Stress”, sondern „jeden Tag 30 Minuten für mich”)
- Messbar: Woran erkennst du, dass du das Ziel erreicht hast? (Konkrete Kriterien festlegen)
- Attraktiv: Warum ist dir dieses Ziel wichtig? (Verbindung zu deinen Werten)
- Realistisch: Ist das Ziel mit deinen aktuellen Ressourcen erreichbar?
- Terminiert: Bis wann möchtest du es erreichen? (Konkretes Datum)

Beispiel: Statt „Ich möchte weniger Stress haben" → „Ich möchte in den nächsten 3 Monaten lernen, zweimal pro Woche Nein zu sagen, wenn Anfragen nicht zu meinen Prioritäten passen, damit ich mehr Zeit für Selbstfürsorge habe. Ich werde das beim Journaling festhalten und jeden Sonntag reflektieren.”

Wichtig ist auch, dass deine Ziele auf deinen Werten basieren sollten, damit sie dich wirklich langfristig erfüllen und nicht nur kurzfristige Wünsche widerspiegeln.

​​» Wertebasierte Ziele werden häufig als langfristig erfüllender erlebt, weil sie nicht nur auf kurzfristige Ergebnisse abzielen, sondern an das anknüpfen, was Menschen wirklich wichtig ist. Werte können dabei wie ein Leuchtturm wirken: Sie geben Orientierung, ohne dass wir sie jemals vollständig erreichen müssen, sondern zeigen uns die Richtung, in die wir uns bewegen möchten. Ziele, die im Einklang mit den eigenen Werten stehen, werden zudem oft als intrinsisch motivierend erlebt. Das kann es erleichtern, auch bei Schwierigkeiten dranzubleiben und den eingeschlagenen Weg weiterzuverfolgen. «

– Raphael Dieckert, behandelnder Psychotherapeut im Praxis- und Online-Setting

Die 7 Säulen der Resilienz: Beispiele aus der Praxis

Theorie ist schön und gut – aber wie sehen die 7 Säulen der Resilienz eigentlich im echten Leben aus? Wichtig dabei: Resilienz bedeutet nicht, dass alles sofort funktioniert oder dass du alle Säulen perfekt anwendest. Die eigene Resilienz zu stärken ist ein Prozess, der Zeit braucht und in dem auch Rückschläge normal sind.

Situation: Lisa (34) verliert nach 6 Jahren unerwartet ihren Job in der Marketingbranche. Zunächst ist sie geschockt und verzweifelt. In den ersten Tagen fühlt sie sich überfordert, schläft schlecht und kreist gedanklich immer wieder um die Kündigung. Erst nach und nach, auch im Austausch mit Freund:innen und ihrer Familie, gelingt es ihr, einen etwas anderen Blick auf die Situation zu entwickeln.

Säule 1 – Optimismus: Nach der ersten Schockphase und Gesprächen mit Freund:innen beginnt Lisa, ihre Situation vorsichtig anders zu betrachten. Neben den Sorgen taucht langsam auch der Gedanke auf: „Vielleicht ist das eine Chance, mich neu zu orientieren. Andere haben das auch geschafft. Vielleicht finde ich sogar etwas, das besser zu mir passt.” An manchen Tagen gelingt ihr das besser als an anderen.

Säule 2 – Akzeptanz: Sie akzeptiert nach einigen Wochen, dass die Kündigung passiert ist und erlaubt sich, traurig und wütend zu sein, ohne diese Gefühle zu verdrängen. Sie sagt sich: „Ich darf mich schlecht fühlen. Das ist eine schwierige Situation. Aber Gefühle können sich mit der Zeit verändern.” Das fällt ihr nicht immer leicht.

Säule 3 – Lösungsorientierung: Nach etwa zwei Wochen schafft sie es, einen konkreten Plan zu erstellen: Arbeitslosengeld beantragen, Lebenslauf aktualisieren, Netzwerk aktivieren. Sie nimmt sich vor, sich auf zwei bis drei Jobs pro Woche zu bewerben – auch wenn sie das nicht jede Woche schafft. Wenn negative Gedanken wie „Ich bin wertlos” aufkommen, versucht sie, diese zu hinterfragen: „Ich habe viele Fähigkeiten und Erfahrungen, die wertvoll sind.” Das klappt mal besser, mal schlechter.

Säule 4 – Selbstwirksamkeit: Nach anfänglicher Wut auf ihre ehemalige Führungskraft beginnt sie sich zu fragen: „Was kann ich aus dieser Erfahrung lernen? Welche Warnsignale habe ich vielleicht übersehen?” Sie erinnert sich, welche beruflichen Herausforderungen sie in der Vergangenheit bereits gemeistert hat und welche Stärken sie hat. Das gibt ihr Zuversicht: Sie bringt mehr Kompetenzen mit, als die Kündigung sie glauben ließ.

Säule 5 – Verantwortung übernehmen: Sie übernimmt die Verantwortung für ihre Zukunft, statt darauf zu warten, dass sich die Dinge von selbst lösen. Sie nutzt die Zeit, um über ihre inneren Werte zu reflektieren – was ihr anfangs schwerfällt, weil sie sich lieber ablenken würde.

Säule 6 – Netzwerkorientierung: Lisa überwindet ihre anfängliche Scham und spricht mit Freund:innen über ihre Situation. Ihre beste Freundin hört zu, ohne zu urteilen, und das hilft Lisa enorm. Sie reaktiviert berufliche Kontakte und bittet gezielt um Hilfe: „Kennst du jemanden, der jemanden sucht?" Das kostet sie zunächst Überwindung.

Säule 7 – Zukunftsplanung: Lisa nutzt die Zeit, um zu reflektieren, was ihr wirklich wichtig ist, und bewirbt sich gezielt auf Stellen, die besser zu ihren Werten passen. Sie setzt sich realistische Ziele für ihre Jobsuche und passt diese an, wenn nötig.

Das Ergebnis: Nach 4 Monaten – und einigen Absagen – findet Lisa einen neuen Job. Auch wenn der Weg dorthin nicht geradlinig war, hat sie im Prozess gelernt, mit der Situation anders umzugehen. Sie sagt: „Die Kündigung war damals ein Schock. Es war nicht leicht, und es gab viele schwierige Momente. Rückblickend kann ich der Situation aber auch positive Aspekte abgewinnen – ich habe einen Job gefunden, der besser zu mir passt."

Risiko für Burnout? Teste jetzt dein Stresslevel

Fühlst du dich in letzter Zeit gestresst, erschöpft und überfordert? Unser Selbsttest gibt Hinweise, wie es um dein aktuelles Stresslevel steht.

Exkurs: Die 7 Säulen der Resilienz bei Kindern fördern

Die gute Nachricht: Die 7 Säulen der Resilienz gelten auch für Kinder. Eltern können Kinder altersgerecht dabei unterstützen, Resilienz aufzubauen. Besonders wichtig sind dabei sichere Bindungen zu verlässlichen Bezugspersonen, Selbstwirksamkeitserfahrungen, soziale Unterstützung und ein altersgerechter Umgang mit Gefühlen (Masten & Barnes, 2018).

Eltern können Resilienz fördern, indem sie:

  • Gefühle ernst nehmen
  • Problemlösen unterstützen
  • Selbstständigkeit ermöglichen
  • soziale Beziehungen stärken
  • einen konstruktiven Umgang mit Fehlern vorleben

Was sagt die Forschung über Resilienz und Resilienztraining?

Der Neurowissenschaftler Raffael Kalisch und sein Team am Deutschen Resilienz-Zentrum der Universitätsmedizin Mainz untersuchen, was in Gehirn und Körper passiert, wenn Menschen Belastungen erfolgreich bewältigen. Ihre neurobiologische Forschung zeigt (Kalisch et al., 2024):

  • Resilienz ist kein stabiler Trait, sondern ein dynamischer Prozess, der sich je nach Situation verändert
  • Positive Umdeutung ist ein zentraler Mechanismus – die Fähigkeit, Situationen neu zu bewerten
  • Bestimmte Hirnregionen (präfrontaler Kortex) sind bei resilienten Menschen aktiver bei der Emotionsregulation
  • Neuroplastizität ermöglicht Resilienztraining auch im Erwachsenenalter – das Gehirn kann sich ein Leben lang verändern 

Wirkt Resilienztraining? Ergebnisse aus der Metaforschung

Eine umfassende Metaanalyse von Resilienztraining-Programmen (Joyce et al., 2018) untersuchte 17 Studien und fand heraus:

  • Die Ergebnisse deuten auf positive Effekte von Resilienztraining hin
  • Programme, die kognitive Umstrukturierung und Problemlösetraining kombinieren, zeigen tendenziell stärkere Effekte
  • Die Effekte können auch nach 6–12 Monaten noch stabil bleiben – sie wirken also nicht nur kurzfristig
  • Es gibt Hinweise darauf, dass sowohl Gruppen- als auch Einzelprogramme wirksam sein können
  • Sowohl präventive als auch interventive Programme können wirksam sein, wobei sich die Effekte je nach Kontext unterscheiden
Welche Faktoren fördern Resilienz – modellübergreifend?
Trotz unterschiedlicher Begriffe und Schwerpunkte gibt es über alle Resilienz-Modelle hinweg gemeinsame Kernfaktoren:

1. Kognitive Flexibilität (positive Umdeutung, Lösungsorientierung)
2. Emotionale Regulation (Akzeptanz, Umgang mit Gefühlen)
3. Selbstwirksamkeit (Vertrauen in eigene Fähigkeiten)
4. Soziale Unterstützung (Bindung, Netzwerkorientierung)
5. Zukunftsorientierung (Ziele, Sinn, Werte)

Die 7 Säulen der Resilienz bilden diese wissenschaftlich beschriebenen Kernfaktoren gut ab. Deshalb wird das Modell häufig als praktische Orientierung genutzt, um Resilienz im Alltag gezielt zu stärken.

Resilienz und psychische Gesundheit: der wissenschaftliche Zusammenhang

Der Zusammenhang zwischen Resilienz und psychischer Gesundheit ist in der Forschung gut dokumentiert. Aber wie genau hängen die beiden zusammen?

Resilienz als Schutzfaktor

Eine hohe psychische Widerstandsfähigkeit wird häufig als Schutzfaktor im Zusammenhang mit psychischer Gesundheit beschrieben (z. B. Hu et al., 2015; Barzilay et al., 2020; Kalisch et al., 2017):

  • Depressive Symptome: Resiliente Menschen zeigen ein geringeres Risiko, nach belastenden Lebensereignissen depressive Symptome zu entwickeln. 
  • Angst: Höhere Resilienz steht mit niedrigeren Angstwerten in Zusammenhang – auch bei erhöhtem Stress. 
  • Burnout: Faktoren wie soziale Unterstützung und das Erleben von Selbstwirksamkeit stehen im Zusammenhang mit einem geringeren Burnout-Risiko. 
  • Psychische Krisen: Resiliente Menschen zeigen häufig eine schnellere Erholung nach akuten Belastungen.

Der Zusammenhang mit Stressbewältigung

Resilienz und Stressbewältigung sind eng miteinander verbunden, aber nicht identisch:

  • Stressbewältigung bezieht sich auf konkrete Strategien und Techniken, um akuten Stress zu reduzieren (z. B. Entspannungsübungen, Zeitmanagement, Nervensystem beruhigen)
  • Resilienz ist die übergeordnete Fähigkeit, auch bei langfristigem Stress psychisch gesund zu bleiben und sich von Belastungen zu erholen

Gute Stressbewältigungsstrategien tragen zum Aufbau von Resilienz bei, aber Resilienz umfasst mehr als nur Stressmanagement – sie beinhaltet auch eine grundlegende Lebenshaltung, Einstellung zu Krisen, Selbstwirksamkeit, soziale Bindungen und Zukunftsorientierung.

Man könnte sagen: Stressbewältigung ist taktisch („Was mache ich jetzt gerade gegen diesen Stress?”), während Resilienz strategisch ist („Wie baue ich langfristige Widerstandskraft auf?”).

Dr. Dennis Charney, Dekan der Icahn School of Medicine und Resilienzforscher, hat in jahrzehntelanger Forschung mit Kriegsveteranen, Überlebenden von Terroranschlägen und anderen Extremsituationen zentrale Resilienzfaktoren identifiziert. Seine Kernaussage:

» Resilienz ist keine festgelegte Eigenschaft. Es ist ein Set von Fähigkeiten, die gelehrt, gelernt und trainiert werden können. Was wir herausgefunden haben: Die Menschen, die am besten mit extremen Widrigkeiten umgehen können, sind diejenigen, die diese psychologischen Werkzeuge entwickelt haben, bevor sie sie brauchen. «

– Charney, 2004, zitiert in Southwick & Charney, 2012, S. 89 (Übersetzung aus dem Englischen)

Diese Erkenntnis unterstreicht, wie wichtig es ist, Resilienz präventiv zu stärken – nicht erst, wenn die Krise bereits da ist. Es ist wie mit einem Feuerlöscher: Du kaufst ihn, bevor es brennt, nicht erst, wenn die Flammen lodern.

Resilienz ist situationsabhängig und hat Grenzen

Die Reaktion auf Krisen ist übrigens nicht immer gleich. Auch wenn resiliente Menschen beispielsweise einen eigenen Unfall relativ gut verkraften, kann es ganz anders aussehen, wenn Angehörige betroffen sind. Und manchmal sind die Wellen so hoch und die Schicksalsschläge so schwer, dass auch die stärkste Widerstandskraft nicht davor schützen kann, überflutet zu werden.

Auch das kann das Leben mit sich bringen. Dann braucht es seine Zeit, bis die Wunden heilen und du dich wieder neu sortieren kannst. Resilienz bedeutet, auch das anzuerkennen – und sich professionelle Hilfe zu holen, wenn man sie braucht.

» Resilienz kann eine wichtige Ressource im Umgang mit Belastungen sein. Sie hat jedoch auch ihre Grenzen. Wenn Stress über längere Zeit anhält, sich Symptome verstärken oder der Alltag zunehmend beeinträchtigt ist, reicht es oft nicht mehr aus, sich allein auf eigene Bewältigungsstrategien zu verlassen. In solchen Situationen kann es sinnvoll und entlastend sein, professionelle Unterstützung in Anspruch zu nehmen, um gemeinsam neue Wege im Umgang mit der Belastung zu entwickeln.«

Raphael Dieckert, behandelnder Psychotherapeut im Praxis- und Online-Setting

Wann professionelle Unterstützung bei Stress sinnvoll ist

Indem wir unsere Resilienz entwickeln oder die bestehende verstärken, sind wir in der Lage, flexibler auf Stressfaktoren zu reagieren und unseren Umgang mit Stress, Problemen und Krisen nachhaltig zu verändern. Die 7 Säulen der Resilienz bieten dafür einen praktischen und wissenschaftlich fundierten Rahmen.

Manchmal kann es aber sein, dass der Stress überhand nimmt und sich vielleicht schon Anzeichen eines Burnouts zeigen. Vielleicht merkst du, dass:

  • du dich dauerhaft erschöpft fühlst, auch nach Erholungsphasen
  • Selbsthilfe-Übungen alleine nicht mehr ausreichen
  • deine psychische Belastung den Alltag stark einschränkt
  • du Symptome von Angst oder Depression bei dir bemerkst
  • deine Beziehungen oder deine Arbeit stark leiden
  • du dich zunehmend isolierst oder Unzufriedenheit empfindest
  • Perfektionismus oder Frustration überhandnehmen.

Dann kann es an der Zeit sein, sich auch professionelle Hilfe zu suchen – und das ist ein Zeichen von Stärke und Selbstfürsorge, nicht von Schwäche. Auch die resilientesten Menschen brauchen manchmal mehr als Selbsthilfe. Verantwortung übernehmen (Säule 5) bedeutet auch, zu erkennen, wann Unterstützung von außen sinnvoll ist.

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Häufige Fragen zu Resilienz

Was bedeutet Resilienz?
Resilienz bezeichnet deine innere Widerstandskraft – also den Prozess und verschiedene Fähigkeiten, Eigenschaften und Ressourcen, die dir dabei helfen, schwierige Situationen, Stress und Krisen besser zu bewältigen und sich davon zu erholen. Resiliente Menschen können sich von Rückschlägen besser erholen und unter bestimmten Umständen sogar an Herausforderungen wachsen. Wissenschaftliche Studien zeigen, dass Resilienz keine ausschließlich angeborene Eigenschaft ist, sondern verändert und trainiert werden kann (Kalisch et al., 2017).
Kann jeder Resilienz lernen?
Ja, grundsätzlich kann Resilienz im Laufe des Lebens gestärkt werden – unabhängig vom Alter oder bisherigen Lebenserfahrungen. Wissenschaftliche Untersuchungen deuten darauf hin, dass Resilienz kein unveränderliches Persönlichkeitsmerkmal ist (Schumacher et al., 2005). Es gibt zwar eine gewisse genetische Komponente, aber die Art und Weise, wie wir aufwachsen, was wir erleben und wie wir bewusst trainieren, spielt eine wichtige Rolle. Meta-Analysen zeigen, dass gezieltes Resilienztraining mit Verbesserungen der psychischen Gesundheit in Zusammenhang stehen kann  und dass sich die verschiedenen Resilienzfaktoren auch im Erwachsenenalter trainieren lassen (Joyce et al., 2018).
Sind resiliente Menschen immun gegen Stress?
Eine wichtige Klarstellung: Nein, resiliente Menschen sind nicht immun gegen Stress. Das ist ein weit verbreitetes Missverständnis über Resilienz, das zu unrealistischen Erwartungen führen kann.

Was resiliente Menschen unterscheidet:

Kein Mensch ist immun gegen Stress. Auch resiliente Menschen können aufkommende Krisen als schmerzhaft und belastend empfinden. Die innere Widerstandskraft zeichnet aber aus, dass es ihnen häufig gelingt, trotz Belastung wieder handlungsfähig zu werden. 

Das heißt: Die See bleibt rau und vielleicht werden resiliente Menschen sogar seekrank, aber sie halten trotzdem das Steuer in der Hand. Resilienz bedeutet auch, darauf zu vertrauen, dass sich der Wind dreht: „Es ist schwer, aber es wird besser.”

Resiliente Menschen sind also nicht immun gegen Stress, aber sie haben einen flexiblen und hilfreichen Umgang mit ihm gefunden. Und das macht es leichter, Stress auszuhalten bzw. kann dazu führen, dass die Belastungen nicht größer werden oder sich chronifizieren.
Was sind die 7 Säulen der Resilienz einfach erklärt?
Die 7 Säulen der Resilienz beschreiben sieben Fähigkeiten für psychische Widerstandskraft:

(1) Optimismus – zuversichtlich in die Zukunft blicken

(2) Akzeptanz – Situationen annehmen, die nicht zu ändern sind

(3) Lösungsorientierung – Fokus auf Lösungen statt Probleme

(4) Selbstwirksamkeit – eigene Stärken und Handlungsfähigkeit erkennen

(5) Verantwortung übernehmen – das eigene Leben aktiv gestalten

(6) Netzwerkorientierung – soziale Bindungen pflegen und nutzen

(7) Zukunftsplanung – realistische Ziele setzen und flexibel anpassen. 

Das Modell basiert auf der Arbeit von Reivich & Shatté (2003) und wurde im deutschsprachigen Raum durch Ursula Nuber (2005) populär gemacht. Diese Faktoren wirken nicht isoliert, sondern können sich gegenseitig beeinflussen.
Was ist der Unterschied zwischen Resilienz und angeborener Stärke?
Resilienz ist keine rein angeborene Stärke, sondern auch eine erlernbare Fähigkeit. Während es genetische Faktoren gibt, die eine Veranlagung zu psychischer Widerstandsfähigkeit beeinflussen können, wird Resilienz zu großen Teilen durch Lebenserfahrungen, Erziehung und bewusstes Training geprägt (Schumacher et al., 2005). „Angeborene Stärke” suggeriert etwas Unveränderliches – „entweder man hat es oder nicht”. Resilienz hingegen ist dynamisch und kann in jedem Lebensalter entwickelt werden. Selbst Menschen, die in der Kindheit wenig resilient waren, können durch gezieltes Training ihre psychische Widerstandsfähigkeit spürbar verbessern. Das ist die hoffnungsvolle Botschaft der Resilienzforschung.
Wie schnell kann man Resilienz aufbauen?
Resilienz aufbauen ist ein langfristiger Prozess. Erste positive Veränderungen können bereits nach wenigen Wochen regelmäßigen Trainings spürbar werden – etwa bei täglichen Dankbarkeitsübungen oder wöchentlicher Reflexion. Nachhaltige Veränderungen und eine stabile psychische Widerstandsfähigkeit entwickeln sich meist jedoch über einen längeren Zeitraum (Joyce et al., 2018).

Die gute Nachricht: Wie beim Muskeltraining siehst du kontinuierliche Fortschritte, wenn du dranbleibst. Studien zeigen, dass strukturierte Resilienztraining-Programme nach einigen Wochen messbare Verbesserungen in der psychischen Gesundheit bewirken können, die auch nach mehreren Monaten noch stabil bleiben (Joyce et al., 2018). Der Schlüssel liegt in der Kontinuität, nicht in der Intensität.
Wie hängen Resilienz und psychische Gesundheit zusammen?
Resilienz und psychische Gesundheit stehen in einem wechselseitigen Zusammenhang: Eine höhere psychische Widerstandsfähigkeit geht häufig mit einem geringeren Risiko für Belastungen wie depressive Symptome, Angst oder berufliche Erschöpfung einher (Kalisch et al., 2017). Gleichzeitig trägt die Arbeit an der psychischen Gesundheit – etwa durch Therapie oder Selbsthilfe – zum Aufbau von Resilienz bei.

Wichtig: Resilienz bedeutet nicht die Abwesenheit von psychischen Symptomen. Auch resiliente Menschen können sich gestresst, traurig oder ängstlich fühlen. Der Unterschied liegt darin, wie sie mit diesen Zuständen umgehen, wie schnell sie sich erholen und ob sie langfristig psychisch gesund bleiben.

Man kann Resilienz als eine Art Puffer verstehen, der dabei helfen kann, Belastungen besser zu verarbeiten, ohne jedoch vollständig davor zu schützen, dass Krisen auch länger nachwirken können.
Was ist der Unterschied zwischen Resilienz und Stressbewältigung?
Stressbewältigung bezieht sich auf konkrete Strategien und Techniken, um akuten Stress zu reduzieren – wie Entspannungsübungen, Zeitmanagement oder das Nervensystem beruhigen.

Resilienz ist die übergeordnete Fähigkeit, mit Belastungen flexibel umzugehen, sich von schwierigen Erfahrungen zu erholen und langfristig psychisch stabil zu bleiben.

Stressbewältigung ist also eher taktisch („Was mache ich jetzt gerade gegen diesen Stress?”), während Resilienz strategisch ist („Wie baue ich langfristige Widerstandskraft auf?”). Gute Stressbewältigungsstrategien tragen zum Aufbau von Resilienz bei, aber Resilienz umfasst mehr – sie beinhaltet auch eine grundlegende Lebenshaltung, Selbstwirksamkeit, soziale Bindungen und Zukunftsorientierung. Man könnte sagen: Stressbewältigung ist ein Werkzeug, Resilienz ist die gesamte Werkzeugkiste plus die Kompetenz, die richtigen Werkzeuge zur richtigen Zeit einzusetzen.
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Quellennachweis
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