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Gelegenheitstrinker – wie viel ist noch normal?

Bei Gelegenheit trinken – tun das nicht die meisten von uns? Schließlich ist doch nichts dabei, zu Geburtstagen, Feiern und anderen Gelegenheiten auch mal ein bisschen zu tief ins Glas zu schauen. Macht ja eigentlich jeder und gehört auch irgendwie dazu. Oder? Ab wann man von einem Gelegenheitstrinker” spricht, wann es sich lohnt, sein Trinkverhalten mal kritisch zu hinterfragen und wie du weniger Alkohol trinken kannst – all das erfährst du hier.

Was ist ein Gelegenheitstrinker?

Zu Gelegenheiten trinken – genau was der Name sagt, ist hier auch gemeint.

Als „Gelegenheitstrinker” werden Personen bezeichnet, die vor allem zu bestimmten Anlässen trinken. Welche Anlässe dabei als Gelegenheit gesehen werden, kann für Gelegenheitstrinker oder -trinkerinnen ganz unterschiedlich sein.

Darunter können Geburtstage, Clubnächte mit Freunden, Firmenfeiern oder Kneipentouren fallen. Auch das Feierabendbier mit der Kollegin oder der tägliche Cocktail im Urlaub können zu solchen Gelegenheiten zählen. Ein anderer Begriff, der häufig genutzt wird, ist der des Gesellschaftstrinkers oder der Gesellschaftstrinkerin. Denn in der Regel nehmen sie Alkohol vor allem im sozialen Umfeld zu sich. Dabei kann es passieren, dass sie von genau diesem Umfeld auch gerne mal zum Alkohol überredet werden, obwohl sie heute doch gar nicht trinken wollten. Aber man lebt schließlich nur einmal und diese Party kommt nie mehr wieder – also hoch das Glas! 

Aber halt, Stopp – ist dieser Konsum denn eigentlich schon bedenklich und schädlich? Sollten sich auch Gelegenheitstrinker oder -trinkerinnen manchmal Sorgen um die körperliche oder psychische Gesundheit machen? Schließlich ist Alkohol nicht ganz ungefährlich, das wissen wir alle. Und wie sicher ist eigentlich die Gesellschafts­trinkerin bzw. der Gelegenheits­trinker vor einer Alkoholabhängigkeit? 

Trinktypen – wer trinkt eigentlich wann?

Der Begriff des Gelegenheitstrinkers wurde vom Phasenmodell des Physiologen Elvin Morton Jellinek abgeleitet. Die ursprüngliche Klassifizierung wird heute nur noch selten verwendet, da die Kategorien sehr starr sind und wenige individuelle Faktoren berücksichtigen. Trotzdem bietet das System von Jellinek einen guten ersten Überblick über verschiedene Trinkertypen

In seinem Modell wird der Gelegenheits­trinker auch als Beta-Trinker klassifiziert. Während der Gamma- und der Delta-Trinker bereits als alkoholabhängig angesehen werden, trifft dies für den Alpha- und Beta-Trinker noch nicht zu. Letztere sind weder körperlich noch psychisch süchtig nach Alkohol und können theoretisch jederzeit auf die alkoholischen Getränke verzichten. Alles gut also, denkst du dir jetzt vielleicht. Trotzdem ist Vorsicht geboten. Denn Gelegenheitstrinker oder -trinkerinnen sind zwar nicht alkoholabhängig. Jedoch kann auch bei ihnen bereits ein Alkoholmissbrauch oder ein erhöhtes Risiko dafür vorliegen, im Laufe der Zeit eine solche Abhängigkeit zu entwickeln. 

Im Modell von Jellinek gilt der Alpha-Trinker als der typische Erleichterungstrinker, der bei Stress und Anspannung zum Glas greift. Der Gamma- und der Delta-Trinker sind auf einen regelmäßigen Alkoholkonsum angewiesen. Falls sie nicht regelmäßig Alkohol zu sich nehmen, erleiden sie Entzugserscheinungen. Den Epsilon-Trinker bezeichnet man auch als Quartalstrinker. Er trinkt nicht regelmäßig und hat immer wieder trockene” Phasen, aber dann auch wieder Zeiten, in denen er völlig die Kontrolle über seinen Alkoholkonsum verliert.

Und wann wird es für den Gelegenheitstrinker gefährlich?

Aber darf ich mir denn nun gar keinen Spaß mehr erlauben und muss ich auf alles verzichten? Natürlich nicht. Gelegentlich zu trinken ist meistens kein Problem. Trotzdem – je weniger Alkohol du trinkst, desto besser ist es natürlich für deine körperliche und psychische Gesundheit. 

Problematisch wird es auch dann, wenn die Gelegenheit zu häufig kommt. Also wenn ein Treffen mit Freunden für dich ohne Alkohol gar nicht mehr infrage kommt oder du irgendwann jeden Abend in der Woche zur Flasche greifst. Wichtig ist, dass du deinen Konsum regelmäßig kritisch hinterfragst und dir den Gefahren rund um Alkohol bewusst bist. Äußere Faktoren können schnell dazu führen, dass auch Gelegenheitstrinker und -trinkerinnen beginnen, ein Alkoholproblem zu entwickeln. Wenn seelische Belastungen oder Stress auftreten, können Gesellschaftstrinker und -trinkerinnen plötzlich auch alleine zum Glas greifen und den Alkohol zum Stressabbau nutzen. Dadurch können typische Muster und Teufelskreise entstehen, die schließlich in die Abhängigkeit führen. 

Die negativen Folgen von Alkohol sind vielfältig. Auch bei regelmäßigem Konsum von nur einem Bier pro Tag ist die Gefahr für viele Erkrankungen bereits deutlich erhöht. Dazu gehören zum Beispiel Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Bluthochdruck, Schädigungen des Gehirns und natürlich Lebererkrankungen. Auch auf die Psyche hat Alkohol einen starken Einfluss – so kann ein regelmäßiger Konsum depressive Verstimmungen verursachen, Schlafstörungen verstärken oder Ängste hervorrufen. 

Sollte ich meinen Alkoholkonsum reduzieren?

Gründe, um weniger Alkohol trinken oder eine Alkoholpause machen zu wollen, gibt es viele. Seien es die Sorge, in eine Abhängigkeitserkrankung zu rutschen, negative Verhaltensweisen und Beziehungsprobleme durch Alkohol oder Hinweise auf eine Lebererkrankung in der Blutuntersuchung. Oder vielleicht willst du auch einfach gesünder leben und wieder mehr Spaß auch ohne Alkohol haben? Ganz egal, warum du weniger trinken möchtest, haben wir hier eine Übung für dich, mit der du dein Trinkverhalten reflektieren und im nächsten Schritt verändern kannst – unabhängig davon, ob du dich als Gelegenheitstrinker einschätzt oder nicht.

Übung

Alkoholkonsum hinterfragen

Nimm dir zunächst Zeit, deinen Alkoholkonsum zu hinterfragen. Reflektiere dazu dein Trinkmotiv. Warum greifst du zum Alkohol? Möchtest du dazu gehören und das Gemeinschaftsgefühl stärken? Willst du offener und redseliger werden? Ausgelassenheit und Gelöstheit erleben? Oder hilft der Alkohol dir, vom Stress des Tages abzuschalten?

Schreibe dir die Vorteile am Alkoholkonsum (z. B. Genuss, Freude, Spaß, Entspannung …) und die Nachteile des Nichttrinkens auf (z. B. schwieriger in Stimmung zu kommen, weniger Lust am Feiern, Hemmungen, andere anzusprechen …). Und dann überlege dir, wie du diese Vorteile vielleicht auch ohne Alkohol erhalten kannst. Und was kannst du gegen die Nachteile des Nichttrinkens tun, ohne zum Glas zu greifen? Vielleicht fallen dir ein paar Lösungen ein, die keinen Alkohol beinhalten. Zum Beispiel kann ein guter Musik-Mix vor der Party dich vielleicht genauso in Stimmung kommen lassen. 

Zum Abschluss kannst du dir auch noch überlegen, was die Vorteile des Nicht-Trinkens sind und welche Nachteile das Trinken für dich mit sich bringt, um ein vollständiges Bild zu erhalten. 

Wie viel Alkohol ist in Ordnung?

Manchmal trinken wir auch einfach aus Gewohnheit Alkohol. Die gute Nachricht ist, dass es möglich ist, Gewohnheiten zu ändern. Belohne dich mit einer angenehmen Alternative, setze dich weniger Triggern aus, habe keinen Alkohol im Haus oder setze dir ein Trinklimit. Vielleicht möchtest du sogar mal Alkoholfasten zum Beispiel im Rahmen eines Dry January ausprobieren! 

Wichtig ist es vor allem, mindestens die Richtwerte des Robert-Koch-Instituts (RKI) einzuhalten. Jeden Tag ein Glas Wein ist dabei auf jeden Fall zu viel und zählt bereits als riskanter Konsum. Auch das Rauschtrinken, bei dem man nur an wenigen Tagen trinkt, dafür aber gleich sehr viel auf einmal, kann schnell gesundheitsschädlich sein.

Laut den Empfehlungen solltest du mindestens 2 alkoholfreie Tage in der Woche einhalten und an der Mehrzahl der Tage weniger als 20 – 24 g Alkohol (= 0,6 L Bier oder 0,2 L Wein) als Mann oder 10 – 12 g Alkohol (= 0,3 L Bier oder 0,1 L Wein) als Frau trinken. Auch hier gilt, je weniger, je besser für deine Gesundheit.

Zahlreiche weitere konkrete Tipps, mit denen du als Gelegenheitstrinker oder -trinkerin deinen Alkoholkonsum reduzieren, dein Durchhaltevermögen steigern kannst oder die dir helfen, sogar alkoholfrei leben zu können, haben wir dir bereits in anderen Blogartikeln zusammengefasst. Schau gerne mal dort vorbei!

Psychotherapie als Gelegenheitstrinker

Solange Gelegenheitstrinker oder -trinkerinnen in der unkritischen Phase verbleiben, benötigen sie meist keine Therapie. Das heißt, dass sich keine Abhängigkeitsentwicklung mit ständigem Verlangen und Entzugserscheinungen zeigt. Ist dies bei dir doch der Fall, kann es sein, dass ein Alkoholentzug und eine psychotherapeutische Unterstützung notwendig werden. 

Aber auch wenn du als Beta-Trinker oder -Trinkerin ohne Sucht-Zeichen deinen Alkoholkonsum reduzieren möchtest, kann es manchmal alleine schwierig sein, die gewohnten Muster aufzubrechen. Es kann helfen, Gleichgesinnte zu suchen, die ebenfalls auf dem Weg sind, weniger Alkohol zu trinken.

Außerdem kann es auch bereits in dieser Phase hilfreich sein, dir professionelle Unterstützung zu suchen, wenn du die Gefahren, die mit dem regelmäßigen Alkoholkonsum einhergehen, reduzieren möchtest. Wir haben dir direkt hilfreiche Tipps zusammengestellt, wie du einen Therapieplatz finden kannst. Falls dir die Wartezeiten auf einen Therapieplatz zu lang sind und du auf der Suche nach Selbsthilfe bist, kann dir unser Online-Kurs Weniger Alkohol Trinken eine Unterstützung bieten. Weitere Informationen dazu erhältst du auf unserer Kursseite.

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Autorin:
Sarah Boppert Ärztin
  • Quellennachweis

    Lange, C., Manz, K., Kuntz, B (2017). Alkoholkonsum bei Erwachsenen in Deutschland: Riskante Trinkmengen. Journal of Helath Monitoring, 2(2). Robert Koch-Institut, Berlin. doi: 10.17886/RKI-GBE-2017-031, abgerufen von: https://www.rki.de/DE/Content/Gesundheitsmonitoring/Gesundheitsberichterstattung/GBEDownloadsJ/FactSheets/JoHM_2017_02_Alkoholkonsum_Erwachsene.pdf?__blob=publicationFile

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