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Mental Load – die unsichtbare Last

Die dreckige Wäsche stapelt sich, während eine saubere Ladung in der Waschmaschine darauf wartet, aufgehängt zu werden. Für das Schulfest müssen noch Muffins gebacken werden (natürlich vegan, gluten- und zuckerfrei). Ach, und die Online-Retouren müssten dringend noch zur Post (oder ist es dafür schon zu spät?). Viele Menschen kennen eine solche innere To-do-Liste nur zu gut. Die Belastungen, die durch diese inneren Planungs- und Organisationsarbeiten entstehen, werden auch als Mental Load bezeichnet. Aber was genau steckt hinter der unsichtbaren Last und warum betrifft sie besonders Mütter? Antworten auf diese Fragen und Tipps, wie du deinen Mental Load reduzieren kannst, findest du in diesem Artikel.

Was ist Mental Load?

Mental Load beschreibt die unsichtbaren Planungs- und Koordinationsprozesse, die es braucht, um Familie, Haushalt, Privates und Berufliches unter einen Hut zu kriegen. Der Kopf ist dabei voll mit Dingen, die wir auf dem Schirm haben müssen. Besonders häufig wird von Mental Load in Zusammenhang mit der sogenannten Care-Arbeit gesprochen. Unter Care-Arbeit (dt.: Sorgearbeit) versteht man alle Tätigkeiten der Fürsorge, des Pflegens und Sich-Kümmerns. Das kann die Kinderbetreuung, aber auch die Pflege Angehöriger oder Arbeiten im Haushalt sein.

Arzttermine koordinieren, Verabredungen am Nachmittag organisieren und ein Geburtstagsgeschenk für die Oma besorgen – all das erfordert Arbeit. Und zwar nicht nur die, die man von außen sieht. Das Kind zum Arzt fahren oder der Großmutter das Geschenk vorbeibringen, steht nämlich nur an der Spitze des Eisbergs.

Genauso wie bei Eisbergen etwa 80 90 Prozent der Eismasse unter der Wasseroberfläche liegt, bleibt auch der Großteil der Care-Arbeit unsichtbar. Hinter Arztterminen, Weihnachtsgeschenken und Geburtstagsfeiern steckt nämlich eine Menge mehr. 

Mental Load: die Liste, die niemand sieht

Stellen wir uns zum Beispiel vor, das Kind fährt auf Klassenfahrt. Super, könnte man denken. Wir bringen es schnell zum Bus, winken etwas wehmütig, bis der Bus um die Ecke biegt, steigen ins Auto, fahren nach Hause und können mal richtig zur Ruhe kommen

In Wahrheit sieht es jedoch ganz anders aus. Der Mental Load, der durch eine anstehende Klassenfahrt entsteht, kann enorm sein. Bevor es losgeht, müssen Fragen geklärt werden wie: 

  • Wie viel Wäsche braucht das Kind für eine Woche?
  • Wie wird das Wetter? Braucht es eine Regenjacke? Gummistiefel?
  • Muss noch was gewaschen werden, was das Kind unbedingt dabei haben will?
  • Habe ich alle Einverständniserklärungen ausgefüllt? 
  • Sind die Notfallkontakte aktualisiert?
  • Weiß der Klassenlehrer über alle Allergien/Unverträglichkeiten Bescheid?
  • Wie kommt das Kind zum Bus? Gibt es an dem Tag andere Termine? Ist das Auto verfügbar?
  • Muss ich noch was besorgen? Wenn ja, wann ist dafür Zeit?
  • Habe ich Snacks für die Busfahrt (Notiz an mich selbst: Bloß keine Eier und Buletten, das war beim letzten Mal ein Desaster)

Aber auch für alltägliche Abläufe wie die Morgenroutine oder das abendliche Schlafritual kann die Mental Load Liste lang sein. 

Warum betrifft Mental Load Mütter besonders? 

Haushalt und Kinderbetreuung sind zum Glück nicht mehr reine Frauensache, aber dennoch lastet der Mental Load auf Müttern am stärksten. Warum ist das so?

Trotz Umdenken in der klassischen Rollenverteilung übernehmen Mütter oft einen Großteil der Care-Arbeit.

Die sogenannte Gender-Care-Gap verdeutlicht das Ungleichgewicht. Frauen verbringen im Vergleich zu Männern pro Tag im Schnitt 52,4 Prozent mehr Zeit mit unbezahlter Sorgearbeit.

Die ungleiche Verteilung beginnt dabei oft schon mit der Geburt. Väter nehmen im Schnitt weniger Elternzeit, mehr als die Hälfte sogar überhaupt keine. Wenn doch Elternzeit genommen wird, fällt diese oft deutlich kürzer aus und wird häufig parallel zur Partnerin genommen. Oft zeigt sich auch im späteren Verlauf, dass Mütter häufiger in Teilzeit arbeiten und damit einen größeren Anteil der Sorgearbeit übernehmen. Auch die unsichtbare Last – der Mental Load – fällt ihnen damit verhältnismäßig mehr zu.

Natürlich haben aber auch Paare ohne Kinder oder alleinstehende Personen eine Menge Planungs- und Organisationsaufgaben zu bewältigen. Mental Load kann auch hier eine starke Belastung darstellen oder ungleich verteilt sein.

Mental Load reduzieren

Die gedanklichen To-dos rattern nur so vor sich hin, während die Überlastung zunimmt. Einfach alles hinschmeißen ist auch keine Option. Aber was dann, wenn alles zu viel wird? Wir zeigen dir 4 Schritte, wie du Mental Load reduzieren kannst.

Die Tipps sind besonders für Personen geeignet, die in einer Partnerschaft leben. Für alleinstehende oder alleinerziehende Personen kann der Mental Load aber genauso schwerwiegen. Oft wiegt er sogar noch schwerer, da sich die Last nicht so einfach auf mehrere Schultern verteilen lässt. Vielleicht kannst du die Tipps trotzdem umsetzen. Gibt es Großeltern, Freunde oder andere Personen, mit denen du dich zusammensetzen und die du um Hilfe bitten könntest?

1Sichtbar machen

Ich sehe was, was du nicht siehst. Oder vielleicht besser: Ich mache was, das du nicht siehst. Der allererste Schritt, um Mental Load überhaupt reduzieren zu können, ist, ihn sichtbar zu machen. Denn wenn wir nur die Spitze des Eisberges sehen, können wir den ganzen Eisberg nicht fair verteilen. 

Setzt euch zum Beispiel mit eurer Partnerin oder eurem Partner zusammen, nehmt jeweils ein Blatt Papier und schreibt einmal alle Aufgaben auf, die ihr im Moment übernehmt. Denkt dabei vor allem auch an das Unsichtbare, all die Denk- und Planungsprozesse, die mit den Aufgaben zusammenfallen. Schreibt am besten auch auf, wie viel Zeit die Aufgaben jeweils ungefähr dauern.

Es geht bei dieser Übung nicht darum, dem anderen vor Augen zu führen, wie wenig er tut. Es geht vielmehr darum, einmal ganz transparent aufzuschreiben, was alles anfällt. Das ist nämlich oft einfach nicht klar.

2Wertschätzen

Mental Load sichtbar zu machen, gibt uns die Möglichkeit, ihn anzuerkennen. Wir können unserem Partner oder unserer Partnerin sagen: „Ich sehe, was du alles tust und das ist wirklich viel”. Oder auch einmal ganz ehrlich zugeben: „Ich wusste gar nicht, was alles dahinter steckt. Das tut mir leid.”

Loben fällt uns Menschen übrigens ganz unabhängig vom Thema Mental Load oft schwer. Wir fokussieren auf das, was nicht klappt und nehmen das, was gut klappt, einfach hin. Kleine Worte der Wertschätzung können dabei schon große Wirkung haben. Probiere es einfach mal aus. 

Klar ist aber natürlich auch: Anerkennen allein reicht nicht. Um Mental Load tatsächlich zu reduzieren, müssen wir ihn fair verteilen.

3Aufteilen

Nachdem ihr alle Aufgaben sichtbar gemacht und aufgeschrieben habt, geht es nun darum, sie zu verteilen. Dabei könnt ihr in zwei Schritten vorgehen. 

Überlegt in einem ersten Schritt, welche festen Aufgabenbereiche es gibt und teilt diese auf. Das kann bedeuten, dass einer von euch für die Wäsche, der andere für den Geschirrspüler zuständig ist. Oder dass der eine morgens dafür sorgt, dass die Kinder etwas essen und sich fertigmachen, der andere dafür, die Kinder abends ins Bett zu bringen. 

In einem zweiten Schritt könnt ihr schauen, welche zusätzlichen Aufgaben euch in der kommenden Woche erwarten. Vielleicht steht ein Kindergeburtstag an oder ist es Zeit, die Sommer- gegen die Winterklamotten auszutauschen? Dabei ist es sinnvoll, nicht nur Teilaufgaben, sondern ganze Prozesse zu übernehmen. Wenn jemand zum Beispiel die Geburtstagsfeier übernimmt, gehört es nicht nur dazu, das Kind zur Feier zu fahren, sondern auch, sich ein Geschenk zu überlegen, dies einzukaufen, einzupacken und dafür zu sorgen, dass es mitkommt.

Tipp: Tragt euch am besten einen festen Termin in der Woche ein, an dem ihr die kommende Woche plant und so den Mental Load aufteilt. Vielleicht immer Sonntagabend?

4Reflektieren

Nichts ist in Stein gemeißelt. An eurem festen Planungstermin könnt ihr zurückblicken und schauen, wie es mit der Aufgabenverteilung geklappt hat. Hat etwas doch länger oder kürzer gedauert als geplant? Sind unerwartete Aufgaben dazugekommen? Rotiert auch gerne die Aufgabenbereiche. So werdet ihr Experten und Expertinnen in allen Bereichen und ein „Ich weiß gar nicht, wie die Waschmaschine funktioniert” ist keine Ausrede mehr. 

Fragt euch auch gegenseitig, wie es euch geht und wie hoch euer Stresslevel ist. Wenn ihr merkt, dass ihr an eure Grenzen kommt, kann es auch Sinn machen, Aufgaben abzugeben. Gibt es vielleicht Großeltern, Nachbarn, den Patenonkel oder die Mutter einer Klassenkameradin, die euch etwas abnehmen kann? Können ältere Kinder vielleicht schon die ein oder andere Aufgabe selbst erledigen? 

Vielleicht braucht es auch etwas Durchhaltevermögen und mehrere Versuche, bis ihr das Gefühl habt, dass der Mental Load sich in eurer Beziehung gleichmäßig verteilt. 

Was tun, wenn der Stress zu viel wird?

Wenn Mental Load zu Symptomen wie Erschöpfung, Antriebslosigkeit, Konzentrations­schwierigkeiten, Überforderung oder Gereiztheit führt, kann das die körperliche und psychische Gesundheit belasten. Auf Dauer kann sogar ein Burnout entstehen. Eine chronische Arbeitsüberlastung gehört zu den Hauptursachen eines Burnouts. Mutter zu sein oder Care Arbeit zu leisten wird zwar oft nicht als Arbeit anerkannt (geschweige denn bezahlt), dennoch ist klar: Auch Sorgearbeit ist Arbeit. 

Wenn du merkst, dass dich die Mental Load stark belastet und du dein Stresslevel senken möchtest, könnte unser Online-Therapiekurs HelloBetter Stress und Burnout das Richtige für dich sein. Mit der kostenfreien Soforthilfe auf Rezept kannst du deine Stressbewältigung stärken, Probleme lösen oder Entspannungstechniken erlernen. Schaue dafür gerne einmal auf unserer Kursseite vorbei. 

Manchmal kann ein zu hoher Mental Load auch dazu führen, dass wir schlechter schlafen. Wir liegen vielleicht abends im Bett und gehen noch einmal alle To-dos für morgen durch. Dabei ist an Schlaf nicht zu denken. Wenn du dich darin wiederfindest, schau gerne bei unserem Online-Schlafkurs HelloBetter Schlafen vorbei – du erhältst ihn kostenfrei auf Rezept.

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Autorin:
Annika Haffke

Kinder- und Jugendlichen­psychotherapeutin

  • Quellennachweis
    1. Brehm, U., Huebener, M., & Schmitz, S. (2022, Juni). 15 Jahre Elterngeld: Erfolge, aber noch Handlungsbedarf. Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung. https://www.bib.bund.de/Publikation/2022/pdf/15-Jahre-Elterngeld-Erfolge-aber-noch-Handlungsbedarf.pdf
    2. Gender Care Gap – ein Indikator für die Gleichstellung. (2019, 27. August). Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/themen/gleichstellung/gender-care-gap/indikator-fuer-die-gleichstellung/gender-care-gap-ein-indikator-fuer-die-gleichstellung-137294
    3. Eltern, die Teilzeit Arbeiten. (2022, 16. Dezember). Statistisches Bundesamt. https://www.destatis.de/DE/Themen/Arbeit/Arbeitsmarkt/Qualitaet-Arbeit/Dimension-3/eltern-teilzeitarbeit.html
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